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Van Dyck-Ausstellung:Der Anteil fremder Hände

Alte Pinakthek

Der Künstler im Selbstbildnis: Anthonis van Dyck, um 1620/21.

(Foto: New York, lent by the Metropolitan Museum of Art, The Jules Bache Collection, 1949)
  • Die Werke von Anthonis van Dyck wurden in einem Forschungsprojekt untersucht, restauriert und verglichen.
  • Die Ergebnisse der Untersuchung sowie ein Großteil der Werke werden nun in der Alten Pinakothek ausgestellt.
  • Mit den Erkenntnissen standen neue Maßstäbe zur Beurteilung der Werke zur Verfügung - sogar geltende Kunsthistoriker-Meinungen konnten widerlegt werden.

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen besitzen 54 Gemälde, die im Atelier des bedeutenden flämischen Barockmalers Anthonis van Dyck (1599 - 1641) gemalt worden sind. Dieser stattliche Schatz ist normalerweise auf die Alte Pinakothek in München und drei Zweiggalerien in Bayern verteilt. Um endlich einen repräsentativen Überblick über den Gesamtbestand zu bekommen und die bislang kaum aufeinander bezogenen Werkgruppen in ihrer Besonderheit zu würdigen, haben die Staatsgemäldesammlungen vor Jahren ein umfassendes Forschungsprojekt begonnen, bei dem die Werke technisch gründlich untersucht, restauriert und mit Werken aus anderen Sammlungen verglichen wurden.

Die erstaunlichen Ergebnisse dieses kunstwissenschaftlichen Großunternehmens werden nun in einer Ausstellung und einem fast monumentalen Katalog der Öffentlichkeit präsentiert. Die Besucher der Schau bekommen also anhand erstrangiger Gemälde und Graphiken die individuellen Reaktionen van Dycks auf die großen Vorbilder der Zeit vorgeführt. Man kann nachvollziehen, wie der junge Künstler in seiner Heimatstadt Antwerpen der dramatischen Gewalt des Übervaters Peter Paul Rubens etwas Eigenes entgegengesetzt hat, und wie er später in Italien - vor allem durch Werke Tizians - zu einer freieren Form des Komponierens und zu hellen Farben, die weit in die Zukunft vorausweisen, angeregt wurde.

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Die Ausstellung gibt aber auch eine plastische Vorstellung von der Arbeit im Atelier. Sie zeigt, wie skrupelhaft detailversessen van Dyck begonnene Bilder während des Malprozesses abänderte. Besonders pikant sind die Entdeckungen, die bei den mikroskopischen Untersuchungen der Malweise und bei den Analysen der Farbschichten gemacht wurden. Durch sie wurde der Anteil, den fremde Hände an den Gemälden van Dycks hatten, fast plastisch greifbar. Den Museumsleuten standen also plötzlich neue Maßstäbe zur Beurteilung der Werke zur Verfügung. Ja sie konnten einige der bis dato geltenden Kunsthistoriker-Meinungen wissenschaftlich schlüssig widerlegen oder modifizieren.

Rubens hat die Begabung seines zeitweiligen Schülers früh erkannt

So kann Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, der immerhin vier der bedeutendsten Werke von Rubens, die heute in der Alten Pinakothek hängen, einst in Auftrag gegeben hat, mit seinem in der Staatsgalerie Neuburg an der Donau verwahrten ganzfigurigen Porträt jetzt erstmals in den illustren Kreis der eigenhändigen Werke van Dycks aufgenommen werden. Wegen des matten Zustands der Maloberfläche hatte man das Gemälde für eine Werkstattwiederholung gehalten, doch die gravierenden Veränderungen, die während des Malvorgangs vorgenommen wurden - man hat sie im Infrarotreflektogramm entdeckt - zeigen, dass van Dyck diese Version des Porträts selber angefertigt haben muss.

Bei zwei anderen Porträts, die man bisher für weitgehend eigenhändig gehalten und in der Alten Pinakothek prominent platziert hat, brachten die Röntgenaufnahmen und die Detailvergleiche ein ganz anderes Ergebnis. Als die Techniker die ganzfigurigen Bildnisse eines nicht näher definierten Paars durchleuchteten, entdeckten sie, dass in einem früheren Zustand unter den austauschbar hübschen, aber nicht wirklich charakteristischen Gesichtern ovale weiße Flächen lagen, obwohl alle übrigen Elemente im Bild, also Gewänder, Hände und Hintergrund, präzis ausgeführt waren. Man fand also Ganzkörperporträts, deren Gesichter ausgespart waren. In dieser Form dürfte das Bilderpaar im Atelier auf den Moment gewartet haben, dass ein Auftraggeber genau in dieser spezifischen Gewandung mit seiner Frau porträtiert werden wollte. Dann musste einer der Mitarbeiter nur noch rasch die Gesichter in die Bildlöcher malen. Der Käufer aber konnte schon bei einem kurzen Antwerpen-Besuch zwei Originalporträts von van Dyck mit nach Hause nehmen. Nach dieser Entdeckung haben die Kunsthistoriker mit anderen Augen auf das Doppelporträt geblickt.

Plötzlich gab es eine Erklärung für den gewissen Schematismus, den man schon früher in der Gestik der Hände und im Schnitt der Kleider festgestellt hatte. Da auch die mikroskopische Untersuchung der später hineingemalten Gesichter pinseltechnische Flüchtigkeiten erkennen ließ, hat man die beiden ansprechenden Bilder jetzt zu Werkstattarbeiten erklärt.

Souveräne Leichtigkeit und ein neugierig blickendes Gesicht

Mit welchem Feingefühl und welcher technischen Delikatesse van Dyck in seinen Gemälden Gesichter modelliert hat, lassen die drei fabelhaften Selbstporträts erkennen, die in der Ausstellung vereint sind. Im frühesten, das er im Alter von 16 Jahren gemalt hat, kann man die Lust, mit der er den weißen Hemdstreifen demonstrativ dick auf den schwarzen Kragen gesetzt hat, und die souveräne Leichtigkeit, mit der er seine braunen Locken um sein neugierig blickendes Gesicht herumgepinselt hat, fast physisch nachempfinden.

In den späteren Selbstbildnissen ist es van Dyck gelungen, seine immer noch jugendlich zarte, zerbrechliche Erscheinung zum Idealbild eines von Gefühlen beseelten, vom Geheimnis umwitterten kreativen Geistes zu erhöhen. Das New Yorker Selbstporträt prunkt noch mit einem locker aufgestützten rechten Arm und dekorativ unter dem Kinn baumelnden Malerfingern (unser Bild). Auch die Münchner Version hat einmal so ausgesehen, doch irgendwann hat van Dyck den aufgestützten Arm übermalt und die Hand nach unten verlegt. Das eigene Abbild bekam also eine Ruhe verordnet, die Größe vermittelt.

Van Dycks Figuren als Individuen

Wie van Dyck auf dem von Rubens beherrschten Gebiet der Historienmalerei mit subtilen Mitteln Gegenbilder erfand, die in Nordeuropa bald als klassisch empfunden wurden, zeigt besonders eindrucksvoll das Gemälde "Susanna und die beiden Alten". Rubens hat in seiner hochdramatischen Version der Geschichte die drohende Vergewaltigung der Frau, die sich mit erhobenem Schenkel gegen das Brunnenbecken stemmt, schon angedeutet. Bei van Dyck wird der panisch stille Moment des Erschreckens - die Hand des Alten berührt die Schulter - zum emotionalen Ereignis. Seine Susanna ist ein Individuum, mit dem wir mitleiden können. Rubens dagegen ist als Dramatiker nur an dem schrillen Konflikt interessiert, den ein schöner nackter Frauenkörper unter Männern auszulösen vermag. Seine Figuren sind austauschbar.

Ähnliche Umdeutungen grausamer Geschehnisse ins Human-Psychologische lassen sich in van Dycks Werk öfters finden. So bleiben dem Heiligen Sebastian in seinen Darstellungen die von andern Malern mit fast sadistischer Lust in den nackten Körper gesteckten Pfeile erspart. Einem der an einen Baum gefesselten Heiligen hat er sogar sein eigenes mild leidendes Jünglingsgesicht aufgesetzt. Am schönsten ist die Wendung ins Psychologische aber in den Porträts befreundeter Künstler zu erleben. Der bayerische Bildhauer Georg Petel, der öfters in Antwerpen war und die Sebastiansfigur van Dycks in einer Marmorskulptur nachgebildet hat - in der Ausstellung treffen die beiden Geschwister erstmals aufeinander -, wird im Porträt van Dycks zum Seher, der Dinge im Blick hat, die anderen verborgen bleiben.

Van Dyck. Alte Pinakothek, München. Bis 2. Februar 2020.

© SZ vom 26.10.2019/sloh
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