"Krieg. Wozu er gut ist" von Ian Morris Von "produktiven" und "unproduktiven" Kriegen

Ließe es sich in Zahlen angeben, wie vielen Menschen ein glückliches Leben gelungen sein muss, um so etwas aufzuwiegen? In Morris' kühle Unbekümmertheit vor Leichenbergen mischt sich nicht ein Körnchen Melancholie, was der Leser dann doch bedauert.

Der Autor unterscheidet zwischen "produktiven" und "unproduktiven" Kriegen, wobei er als produktiv nur solche ansieht, die zur Herausbildung größerer und stabilerer Reiche führen. Produktiv in seinem Sinn waren etwa die Gründungskriege des römischen Reichs, insofern sie, bei aller Brutalität, eine umfassende und langlebige Pax Romana einleiteten, während er die Kriege der anschließenden Völkerwanderungszeit als unproduktiv einstuft, brachten sie doch im Resultat nichts als die Zerschlagung vorhandener Strukturen.

Unproduktiv war der Korea-Feldzug der chinesischen Sui-Dynastie im 6. Jahrhundert, der im Desaster endete; der Tang-Dynastie dagegen, die dasselbe im 7. Jahrhundert noch einmal unternimmt, und diesmal mit Erfolg, attestiert Morris, alles richtig gemacht zu haben. Schwer erwehrt man sich da des Eindrucks, dass ein produktiver Krieg einfach ein gewonnener und ein unproduktiver ein verlorener ist.

Anders als erwartet

Ob die Sache "gut" ausgeht, liegt mithin nicht am Krieg selbst, sondern erstens am Zufall und zweitens daran, in welche historische Gesamttendenz er sich einbettet. Er selbst ist in dieser Hinsicht neutral, ungefähr so wie das Feuer, dessen Kraft sich zum Kochen ebenso wie zur Brandstiftung eignet. Damit aber ist Morris' Grundthese von der Nützlichkeit des Krieges als solchem weitgehend hinfällig. Wenn man das Buch dennoch mit Gewinn und Vergnügen liest, dann deswegen, weil es zuletzt etwas anderes leistet, als es angekündigt hatt.

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Erstens liefert Morris in knapper, umfassender und gut lesbarer Form eine Geschichte des Krieges durch die Jahrtausende. Konsequent behandelt er Europa und das Mittelmeer als bloße Peripherie eines sehr viel größeren Raums, dessen Herz in den riesigen Steppen Eurasiens schlägt. Von dort kommen immer wieder militärische Innovationen (Streitwagen und Kavallerie vor allem), die in die Geschichte der Randgebiete - Morris nennt sie die "Glücklichen Breiten" - schicksalhaft eingreifen.

Nebenbei räumt er mit einigen Märchen auf, wie zum Beispiel, dass die Chinesen es unterlassen hätten, das Schießpulver als Waffe einzusetzen; der Befreiungskampf gegen die Mongolen im 14. Jahrhundert operiert ganz wesentlich mit Feuerwaffen. Warum dieser Weg nicht fortgesetzt wird, das gehört zu den vielen spannenden Einzelerzählungen dieses Bandes.