"Krieg. Wozu er gut ist" von Ian Morris:Vom Nutzen der Schlacht

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Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg - Ian Morris will in seinem Buch "Krieg. Wozu er gut ist" nun erklären, was einen "produktiven" von einem "unproduktiven" Krieg unterscheidet. Dabei bewegt er sich oft auf spekulativem Boden.

Von Burkhard Müller

Wozu ist Krieg gut? Zu absolut überhaupt nichts, hat Bruce Springsteen gemeint, "absolutely nothing - say it, say it, say it!" Und er fährt fort, von seiner Verachtung zu singen, von der Zerstörung unschuldigen Lebens, von den Tränen der Mütter, wenn die Söhne in den Kampf ziehen und fallen: Krieg könne nichts als Herzen brechen, schließt er, und sei niemands Freund als der des Totengräbers, "nothing but a heartbreaker, friend only to the undertaker".

Diesem Diktum erlaubt sich Ian Morris, Archäologe und Historiker an der Stanford University, zu widersprechen. "Krieg. Wozu er gut ist" nennt er sein Buch. Man ahnt von Anbeginn, dass sich zwischen ihm und Springsteen kein fruchtbarer Dialog entspinnen wird. Springsteen entsetzt sich vor dem, was Krieg existenziell für diejenigen bedeutet, die er trifft, ohne die politische Dimension mitzubedenken, was zu einer sympathischen, aber impraktikablen Haltung führt.

Morris wiederum sieht nur die Politik, das heißt den Umstand, dass der Krieg als Mittel, um bestimmte Ziele zu erreichen, ganz offenbar erhebliche Vorteile bietet, sonst wäre in der Menschheitsgeschichte nicht mit solcher Regelmäßigkeit von ihm Gebrauch gemacht worden, trotz hoher Kosten und hohen Risikos.

Morris tut so, als würde er, wenn er vom Nutzen des Krieges spricht, einem radikalen Umdenken den Boden bereiten. Letzten Endes aber setzt er eine ohnehin von jeher bestehende Praxis ins Recht. Seine Kernthese lautet: Ohne Krieg wäre es nicht zur Integration immer größerer Staatsgebilde gekommen, die er, im Anschluss an seinen Gewährsmann Thomas Hobbes, "Leviathane" nennt.

Kalkül aus der Vogelperspektive

Einer dialektischen Geschichtsphilosophie steht Morris dabei durchaus fern; ihm genügt es, wenn sie als "stationäre Banditen" agieren, die sich von schweifenden Räuberhorden durch ein gewisses Interesse an Nachhaltigkeit der Erträge abheben. Das Maß, an dem er den langfristigen Erfolg von Krieg misst, liegt in der abnehmenden Quote der gewaltsamen Tode, Mord ebenso wie kriegsbedingter Gewalt, an der Gesamtmortalität der Menschheit. Sie setzt er bei Steinzeitgesellschaften mit bis zu 20 Prozent an, während sie heute weltweit, trotz allem Anschein von Chaos, auf den historischen Tiefstand von 0,7 Prozent gesunken sei.

Morris argumentiert also mit dem größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl. Es ist schwer, dies bei einem solchen Thema durchzuhalten, ohne in unwillkürlichen Zynismus zu verfallen. Nicht nur spendet dieses Kalkül aus der Vogelperspektive denen, die es gerade trifft, wenig Trost (und manchmal trifft es komplette Zeitalter). Sondern es wäre auch zu fragen, ob solche Quantifizierung noch ihren Ort hat, wenn es um Menschen geht, die lebendig an der Zunge aufgehängt werden, wie es die Japaner in China getan haben (und Dinge dieser Art kommen im Krieg ständig vor).

Von "produktiven" und "unproduktiven" Kriegen

Ließe es sich in Zahlen angeben, wie vielen Menschen ein glückliches Leben gelungen sein muss, um so etwas aufzuwiegen? In Morris' kühle Unbekümmertheit vor Leichenbergen mischt sich nicht ein Körnchen Melancholie, was der Leser dann doch bedauert.

Der Autor unterscheidet zwischen "produktiven" und "unproduktiven" Kriegen, wobei er als produktiv nur solche ansieht, die zur Herausbildung größerer und stabilerer Reiche führen. Produktiv in seinem Sinn waren etwa die Gründungskriege des römischen Reichs, insofern sie, bei aller Brutalität, eine umfassende und langlebige Pax Romana einleiteten, während er die Kriege der anschließenden Völkerwanderungszeit als unproduktiv einstuft, brachten sie doch im Resultat nichts als die Zerschlagung vorhandener Strukturen.

Unproduktiv war der Korea-Feldzug der chinesischen Sui-Dynastie im 6. Jahrhundert, der im Desaster endete; der Tang-Dynastie dagegen, die dasselbe im 7. Jahrhundert noch einmal unternimmt, und diesmal mit Erfolg, attestiert Morris, alles richtig gemacht zu haben. Schwer erwehrt man sich da des Eindrucks, dass ein produktiver Krieg einfach ein gewonnener und ein unproduktiver ein verlorener ist.

Anders als erwartet

Ob die Sache "gut" ausgeht, liegt mithin nicht am Krieg selbst, sondern erstens am Zufall und zweitens daran, in welche historische Gesamttendenz er sich einbettet. Er selbst ist in dieser Hinsicht neutral, ungefähr so wie das Feuer, dessen Kraft sich zum Kochen ebenso wie zur Brandstiftung eignet. Damit aber ist Morris' Grundthese von der Nützlichkeit des Krieges als solchem weitgehend hinfällig. Wenn man das Buch dennoch mit Gewinn und Vergnügen liest, dann deswegen, weil es zuletzt etwas anderes leistet, als es angekündigt hatt.

Erstens liefert Morris in knapper, umfassender und gut lesbarer Form eine Geschichte des Krieges durch die Jahrtausende. Konsequent behandelt er Europa und das Mittelmeer als bloße Peripherie eines sehr viel größeren Raums, dessen Herz in den riesigen Steppen Eurasiens schlägt. Von dort kommen immer wieder militärische Innovationen (Streitwagen und Kavallerie vor allem), die in die Geschichte der Randgebiete - Morris nennt sie die "Glücklichen Breiten" - schicksalhaft eingreifen.

Nebenbei räumt er mit einigen Märchen auf, wie zum Beispiel, dass die Chinesen es unterlassen hätten, das Schießpulver als Waffe einzusetzen; der Befreiungskampf gegen die Mongolen im 14. Jahrhundert operiert ganz wesentlich mit Feuerwaffen. Warum dieser Weg nicht fortgesetzt wird, das gehört zu den vielen spannenden Einzelerzählungen dieses Bandes.

Auf spekulativem Boden

Zweitens wechselt Morris an wenig auffallender Stelle sein ursprüngliches, unergiebiges Theorem gegen ein anderes aus: das vom dynamischen Verhältnis der unsichtbaren Hand der Märkte (hier folgt er seinem anderen Gewährsmann Adam Smith) zur "unsichtbaren Faust" der großen Reiche, die Gewalt nur noch selten praktizieren, aber als ständige Drohung für Friedensstörer glaubhaft aufrecht erhalten. Der Gedanke ist nicht ganz neu, aber frappierend in seiner Zuspitzung. (Etwas verunklart wird er allerdings wieder, weil Morris noch allerlei Anleihen bei Darwinismus oder Spieltheorie aufnimmt.)

Und drittens wagt sich Morris an eine Deutung der waffentechnisch-geopolitischen Gegenwart mit Blick auf die Zukunft. Hier liegt der interessanteste und beunruhigendste Aspekt des Buchs. Die heutige Lage, erklärt er, ähnele fatal derjenigen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, als der bisherige "Globocop" England, gerade weil er so erfolgreich gewesen war, sich eine Reihe von Rivalen herangezüchtet hatte, namentlich Deutschland. Englands Versuch, seine alte Rolle zu verteidigen, stürzt alle Beteiligten ins Desaster.

Als neuen Globocop sieht Morris natürlich die Vereinigten Staaten, denen er eine etwas unkritische Bewunderung entgegenbringt, deren gegenwärtige Position er aber präzis analysiert. Er hält einen Dritten Weltkrieg, in dessen Zentrum die Konfrontation zwischen China und Amerika stehen wird, für nicht unwahrscheinlich; mindestens aber erwartet er eine Reihe von regionalen Nuklearkriegen, die das Zeug haben könnten, die ganze Welt ins Chaos zu stürzen.

"The war to end all wars"

Das könnte sich als der weit produktivste Krieg von allen erweisen, an dessen Ende, nach Pax Romana, Pax Britannica und Pax Americana, eine globale "Pax Technologica" steht, endgültig "the war to end all wars", wie es bekanntlich schon vom Ersten Weltkrieg hieß. Hier allerdings verlässt Morris sein bisheriges Terrain und betritt hymnisch-spekulativen Boden. Aber mit seinem Gefühl, dass die nächsten Jahzehnte den kritischen Flaschenhals der Menschheitsgeschichte bilden, könnte er trotzdem richtig liegen.

Morris, der sein Buch zu einer runden Sache machen will, die sie faktisch nicht ist, kann es sich nicht verkneifen, abschließend eine verbesserte Version von Springsteens Lied zu präsentieren, in großer weißer Schrift auf schwarzem Grund. "War! Huh, good God. What has it been good for? In the long run, making us safer and richer. But war - huh God. What is it going to be good for? Absolutely nothing, unless we learn to manage it." Daran erstaunt vor allem die Figur des "Wir". So lang es Kriege gibt, kann von einem solchen menschheitlichen Wir keine Rede sein. Da landet Morris, obwohl er das Gegenteil will, in der hilflosen Sentimentalität, gegen die sein Buch Sturm gelaufen ist.

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