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Kommunikation im digitalen Zeitalter:Auf geht's in die Narzisphäre

Rio 2016 - Olympic Village

Welche Rolle spielt der Narzissmus in der digitalen Weltgesellschaft? Das Selfie-Ich in seinen eigenen Kulissen, Rio 2016.

(Foto: Michael Kappeler/dpa )

Macht das Smartphone uns alle zu Narzissten? Drei Bücher beschäftigen sich damit, wie die Digitalisierung die Persönlichkeit verändert.

Wohin wendet man sich, wenn man sich selbst und die Menschen um einen herum nicht mehr versteht? Wo sucht die Verlorene nach Auswegen, der Traurige nach Trost, die Wütende nach Gleichgesinnten?

Die modernen Kommunikationsmedien stellen dem Menschen nicht nur eine Infrastruktur des sozialen Austauschs zur Verfügung, sondern sie generieren auch eigene Deutungsmuster für den Einzelnen und sein jeweiliges Umfeld. Das Verhältnis des Selbst zur digitalen Kommunikation ist längst zu einer der wichtigsten Herausforderungen im Leben des modernen Menschen geworden. Drei Neuerscheinungen stellen sich dieser Herausforderung, ohne in digitalbesessenes Palaver zu verfallen.

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Ein Gespräch mit dem großen Narzissmus-Experten Otto Kernberg über Donald Trump, Witze für Psychoanalytiker und die Frage, ob wir in einem Zeitalter des Narzissmus leben.   Von Johanna Adorján

In einem schmalen Band beschäftigt sich die amerikanische Publizistin Kristin Dombek mit einem der derzeit verbreitetsten Deutungsmuster für zwischenmenschliches Verhalten. "Die Selbstsucht der anderen. Ein Essay über Narzissmus", so der Titel ihres Buchs, untersucht, wie sich im Lauf des vergangenen Jahrzehnts die Ansicht unter vielen Psychologen und anderen durchsetzen konnte, "dass eine Persönlichkeitsstörung ( ... ) die treffendste Beschreibung ist für die meisten von uns, dass sich also eine narzisstische Persönlichkeitsstörung gar nicht merklich von den Erwartungen eines kulturellen Kontexts unterscheidet, sondern genau das ist: unsere Kultur."

Narzissmus als publizistische Totschlagdiagnose unserer Zeit

Dombek widmet sich der Berichterstattung über die vor allem im Gesellschaftsjournalismus als besonders narzisstisch verschriene Generation der Millennials, sowie dem Diskurs über medienbewusste Massenmörder wie Anders Breivik. Sie erklärt die Begriffsgeschichte und die medizinischen Hintergründe einer diagnostizierbaren narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Der Narzissmus sei zu einer publizistischen Totschlagdiagnose unserer Zeit geworden, schreibt Dombek, als Ursache von allen nicht ganz leicht zu erklärenden Phänomenen wie die Kardashians und Anthony Weiner, exzessivem Selfie-Schießen, der Schuldenkrise oder der Schönheitschirurgie. Er habe sich darüber hinaus als diskursive Allzweckwaffe im Emo-Jargon unserer Zeit durchgesetzt.

Das, was sie "Narziphobie" nennt, präge eine ganze Generation in ihrem Beziehungsleben: Jedes Fehlverhalten mache einen heute schnell reif für die Narzissmus-Diagnose. So werde rücksichtloses oder in anderer Weise verwerfliches Verhalten rasch pathologisiert und zu einem Fall, der sich laut der umfangreichen Ratgeberliteratur nur durch Intervention oder die Kontaktsperre lösen lässt.

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Zeitalter der Narzissten

In unserer Welt der Likes und Selbstdarstellungen scheint der Narzissmus zuzunehmen. Ein Problem? Richtig dosiert dient die Eigenliebe der psychischen Gesundheit.   Von Nadine Zeller

Die "Narzissmus-Epidemie" grassiert, man ahnt es, vor allem im Internet. In zahllosen Online-Foren und Blogs tauschen sich Betroffene über Narzissten (kurz Narcs) und über ihre Leidensgeschichten aus, die, so Dombek, immer "demselben Drehbuch" folgen. Dombek spricht von einer "Narzisphäre", in der sich insbesondere Frauen als Opfer und Männer als Täter tummelten. Die leidensbringende Tat sei dabei im Grunde immer die Unfähigkeit des anderen, die eigenen emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen und die daraus resultierende Abhängigkeit.

Diese Perspektive selbst kann man in vielen Fällen, wie Dombek es tut, als Akt mangelnder Empathie verstehen: "Die Selbstsucht der anderen ist das Gefühl unserer bloß gelegten Abhängigkeit, das sich in dem Moment einstellt, in dem sich der Blick von uns abwendet." Dem Narziphoben fehle die Erkenntnis, dass man selbst ein anderer ist. Dombek plädiert deshalb dafür, ein Bewusstsein für die je eigene und ganz universelle Verbundenheit mit den anderen zu entwickeln: "Ich schnippe eine Zigarette in eine Schneewehe und sie brennt ein glühendes Loch und verschwindet. Jetzt liegt sie hinter mir und vor jemand anderem."

Der kleine, subtile Horror, den das Eindringen der Technik in unser Leben verbreitet

Dombeks Buch zeigt, wie viel die Kommunikationsmedien über das moderne Selbst mitteilen können, wenn man sie nur richtig befragt. Es zeigt aber auch, wie unvermeidbar der Rekurs auf entweder den Kapitalismus oder das Netz oder am besten beides für aktuelle Selbsterklärungsversuche ist. Die Menschheit hat den vorläufigen Höhepunkt ihrer Verschränkung mit den Systemen von Daten- und Warentausch erreicht - sie kann sich nicht mehr ohne diese wahrnehmen.

Dieser anthropologischen Grundstimmung versuchen natürlich auch die erzählenden Künste gerecht zu werden. In den vergangenen Jahren hat es immer wieder auch Versuche gegeben, der Datengesellschaft literarisch beizukommen. Dazu gehörten beispielsweise die umfangreichen Romane von Jonathan Franzen ("Unschuld") und Dave Eggers ("Der Circle"), die jeweils versuchten, das Netz in all seinem dystopischen Schrecken darzustellen. Wirklich gelungen ist ihnen das eher nicht; schließlich liegt der fassliche Schrecken - wenn man denn von einem solchen sprechen will - der Digitalisierung des Alltags weniger in der Systematik des Ganzen als in dem kleinen, subtilen Horror, den das Eindringen der Technik in unser Leben verbreitet. Umso spannender sind zwei Bücher, die von diesem Wandel auf völlig unterschiedliche Weise erzählen.