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Psychiatrie:Zeitalter der Narzissten

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Das Selbstwertgefühl krankhafter Narzissten ist fragil.

(Foto: evali / photocase.com)

In unserer Welt der Likes und Selbstdarstellungen scheint der Narzissmus zuzunehmen. Ein Problem? Richtig dosiert dient die Eigenliebe der psychischen Gesundheit.

Von Nadine Zeller

Eine kleine Szene aus dem Beziehungsalltag: Ein Student erzählt seiner Freundin, dass er sich an einer renommierten Universität bewerben will. Sie streichelt ihm über den Rücken und versetzt ihm mit warmer Stimme einen kalten Stich: "Schatz, meinst du nicht, dass es schwierig ist, dort genommen zu werden. Die haben ja doch sehr strenge Auswahlkriterien." Es gibt Menschen, die mit Vorliebe die Hoffnungen ihres Gegenübers zerdeppern. Sie bremsen deren Tatendrang, streuen Selbstzweifel, vergiften zwischenmenschliche Beziehungen. Sie sind fest davon überzeugt, dass sie besser sind als alle anderen. Vielleicht trieb so ein Überlegenheitsgefühl die Freundin dazu, die Hoffnungen ihres Partners zu zerstören.

Die Rede ist von Narzissten. Nach dem DSM-5, dem Diagnosekatalog der American Psychiatric Association, beruht das Selbstwertgefühl krankhafter Narzissten stark auf der Wertschätzung anderer, entsprechend fragil ist es. Sie stecken sich unvernünftig hohe Ziele, um als außergewöhnlich zu gelten. Im zwischenmenschlichen Umgang sind sie kaum in der Lage, sich in andere Personen hineinzuversetzen. Im Normalfall hören sie nicht zu, beachten, verstehen und unterstützen ihre Nächsten nicht.

Dennoch gelingt es ihnen oft erstaunlich gut, andere Menschen zu lesen. Am liebsten umgeben sie sich mit Menschen, die ihr Bedürfnis nach Bewunderung zufriedenstellen. Aufmerksamkeit bewirken sie erst durch Charme, später durch Drohungen. Bleibt die ersehnte Aufmerksamkeit aus, schrecken sie nicht davor zurück, Druck auszuüben, gezielt Schuldgefühle beim Gegenüber hervorzurufen und ihn zu manipulieren.

In Zeiten, in denen sich gefühlt alle um sich selbst drehen, sich an den eigenen Facebook-Fotos ergötzen und sich mit Selfies ihrer Existenz versichern - liegt der Verdacht nahe, dass unsere Gesellschaft mehr Narzissten produziert als je: Schaut her und liket. Man hat rasch die Lauten, Extrovertierten und Dominanten vor Augen: Silvio Berlusconi, Cristiano Ronaldo, Thomas Middelhoff. Geht unser Selbstverwirklichungswahn also Hand in Hand mit einer ordentlichen Prise Narzissmus? Fördert unsere Leistungsgesellschaft unsere Ich-Zentriertheit?

Sie sind optimistisch, besitzen viel Selbstwertgefühl und geben emotionale Unterstützung

Auch wenn es keine aktuellen Längsschnittstudien zur Epidemiologie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt, glaubt etwa der Berliner Psychiater und Borderline-Experte Stefan Röpke, dass einiges auf eine Zunahme hindeutet. Er und sein Team haben etwa 1000 Menschen in Ost- und Westdeutschland im Internet den sogenannten PNI-Fragebogen ausfüllen lassen - das Pathologische Narzissmusinventar.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, aber sein erster Eindruck ist: "Es hat sich gezeigt, dass Menschen mit Ost-Sozialisation ein höheres Selbstwertgefühl und niedrigere Narzissmus-Werte aufwiesen als Menschen mit West-Sozialisation. Bei jenen, die während der Wendezeit zwischen sechs und acht Jahre alt waren, gleichen die Narzissmuswerte denen der Westdeutschen. Man könnte daraus also den Schluss ziehen, dass unsere moderne westliche Welt Narzissmus befördert."

Tatsächlich ist in Büchern und Internetbeiträgen mittlerweile von einer Narzissmus-Epidemie die Rede. Autoren wie die US-Psychologin Jean Twenge werfen sogar einer ganzen Generation Überheblichkeit und Anspruchsdenken vor und begründen dies mit nachweisbar steigenden Narzissmuswerten, wie sie mit bestimmten Fragebögen ermittelt werden, etwa dem sogenannten Narcissistic Personality Inventory (NPI). Laut Twenge ist der Durchschnittswert seit den 1980er-Jahren ähnlich stark gestiegen wie das durchschnittliche Körpergewicht.

Als vor sieben Jahren ihr Buch "The Narcissism Epidemic" erschien, entbrannte unter Psychologen und Psychiatern ein Streit. Der Hauptkritikpunkt: Twenge habe lediglich den NPI-Fragebogen ausgewertet. Und der gilt nach Ansicht vieler Forscher mittlerweile als überholt. So sieht es auch Psychiater Röpke. Zwischen den Aussagen "Ich gehe gern in der Menge unter" und "Ich will im Mittelpunkt stehen" gebe es nun mal Spielräume. Diese kämen im NPI-Fragebogen mit seinen je zwei Antwortmöglichkeiten bei 40 Items kaum zum Ausdruck.

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