Kolonialismus Die größte Identitätsdebatte unserer Zeit

Jürgen Zimmerer plädiert für eine Umkehr der Beweislast beim Umgang mit Raubkunst: Ein Objekt sollte als unrechtmäßig erworben gelten, bis das Gegenteil erwiesen ist.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die Frage nach der Herkunft von Raubkunst muss zu der politischen Diskussion überleiten, wie nun mit dem kolonialen Erbe umzugehen ist.
  • Raubkunst ist nicht nur eine Folge des Kolonialismus, sondern auch seine Ursache. Sie stablisiert eine eurozentrische Weltsicht - bis heute.
  • Europa braucht eine postkoloniale Erinnerungskultur.
Gastbeitrag von Jürgen Zimmerer

Seit der französische Präsident Macron Ende 2017 die Möglichkeit einer Rückgabe kolonialer Raubkunst nach Afrika ankündigte, ist die deutsche Politik unter Zugzwang geraten. Hatte man etwa die postkoloniale Kritik am Humboldt-Forum lange ignoriert, wurde nun schnell, vorschnell, gehandelt - vor allem aber sehr einseitig.

Während es weder eine Lösung für den Streit mit den Herero und Nama über den angemessenen Umgang mit dem ersten deutschen Genozid gibt noch ein Konzept dazu, wie das Humboldt-Forum mit seinem dreifachen kolonialen Erbe - dem Gebäude, den Objekten und der institutionellen Tradition des völkerkundlich-kolonialen Blickes - umgehen will, avanciert Provenienzforschung zum Allheilmittel: Stellen werden eingerichtet, das Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg um eine Förderlinie zum Kolonialismus erweitert.

Dabei gibt es weder eine Einigung über belastbare methodische Grundlagen noch einen Konsens über die praktischen Folgerungen daraus, also etwa die Restitution. So erfreulich zügiges Handeln der Politik ist, hier bleibt ein Nachgeschmack: Die Konzentration auf Provenienzforschung bei Verweigerung einer umfassenden Diskussion verschiebt die politische Entscheidung über die Restitution kolonialer Objekte auf die Zukunft. Gut vorstellbar, dass manch einer dies sogar am attraktivsten an der Provenienzforschung findet. Wenn gleichzeitig Themen wie Völkermord, Humboldt-Forum oder die Kontinuitäten des kolonial-rassistischen Blicks ignoriert werden, befördert die Konzentration auf Provenienzforschung jedoch die koloniale Amnesie stärker als es sie reduziert.

Wenn Provenienzforschung mehr sein soll als ein Alibi und ein Spielen auf Zeit, dann gilt es sich darüber zu verständigen, was sie eigentlich ausmacht und wozu man sie tätigt: Einige Grundlagen aus der Sicht des Kolonialhistorikers.

Das koloniale Sammeln und das koloniale Ausstellen kann nicht isoliert von der allgemeinen Kolonialgeschichte betrachtet werden, es ist vielmehr integraler Bestandteil der letzteren. Kolonialismus ist eben nicht nur formale Kolonialherrschaft, politische Verwaltung und wirtschaftliche Ausbeutung, sondern schließt die wissenschaftliche und kulturelle Auseinandersetzung mit ein. Sogenannte "Entdeckungen" und Erforschungen bereiteten koloniale Ausbreitung mit vor und begleiteten sie.

Jürgen Zimmerer lehrt Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg und leitet die Forschungsstelle Hamburgs für (post-)koloniales Erbe.

(Foto: UHH; privat)

Die Frage nach dem kolonialen Erbe bestimmt auch unseren Umgang mit der Globalisierung

So entstanden und prosperierten die Völkerkundemuseen wie auch die akademische Disziplin der Völkerkunde. In Deutschland etwa standen sie in einer symbiotischen Beziehung mit der wachsenden Kolonialbegeisterung. Museen bereiteten Kolonialismus vor und begleiteten ihn, indem sie zum einen die Neugier des Bürgertums auf "fremde" Welten befriedigten und andererseits diese Welten in ihrer Darstellung homogenisierten und exotisierten. Das stabilisierte den eurozentrischen Blick und das Gefühl der eigenen Überlegenheit, eine wichtige Rechtfertigung des kolonialen Ausgreifens und eine der langwierigsten Folgen des Kolonialismus.

Kolonialismus war und ist ein auf rassistischen Weltbildern basierendes Unrechtssystem, das ohne Einladung und ohne Zustimmung der Kolonisierten ein System der Fremdherrschaft errichtete. Dieses Unrechtssystem beinhaltete ein erhebliches Machtungleichgewicht, das auch ohne Anwendung physischer Gewalt die Androhung ebendieser mit sich trug. Die Bewertung jedes Besitzwechsels muss diese implizite Gewaltandrohung miteinbeziehen.

Das heißt nicht, dass es keine freiwilligen und fairen Eigentumsübergänge im Kolonialismus gegeben hätte, allerdings muss die Anfangsvermutung sein, dass Gewalt oder die Gewaltandrohung eine Rolle spielte; es geht hier um Wahrscheinlichkeiten.

Für den Umgang mit kolonialen Sammlungen bedeutet dies, dass die Beweislast umgekehrt werden muss, ein Objekt sollte also als unrechtmäßig erworben gelten, bis das Gegenteil erwiesen wird. Die gängige Annahme, alles sei rechtmäßig erworben, bis das Gegenteil erwiesen ist, schreibt dagegen die koloniale Rechtfertigungslogiken fort, zumal die Dokumentation fast vollständig aus der Feder der Kolonisierenden stammt.

Dem Problem der Provenienz und der Restitution ist mit Verweis auf "das" Recht, sei es deutsches oder europäisches, alleine nicht beizukommen. Dieses Recht ist das Recht der (ehemaligen) Kolonialherren, und dessen Gültigkeit in kolonialen Verhältnissen resultiert aus der kolonialen Okkupation und kolonialen Herrschaft. Es gehört selbst zum kolonialen Erbe und ist ungeeignet, um Legitimität des kolonialen Erwerbs zu bewerten.

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Hier liegt auch ein Unterschied zum Umgang mit NS-Raubkunst. Der Blick auf die Enteignungen und Räubereien im Nationalsozialismus erlaubt zwar einen bezeichnenden Blick auf das System und die Gesellschaft des Dritten Reiches, er stellt den "westlichen" Blick aber nicht grundsätzlich infrage. Vielmehr wird durch die Restitutions- und Wiedergutmachungspraxis das Rechtssystem des globalen Nordens grundsätzlich stabilisiert, beweist es doch die Fähigkeit, Unrecht zu korrigieren. Postkoloniale Raubkunstforschung lenkt den Blick jedoch auf unsere gesamte heutige Museumslandschaft, ja unsere heutige Gesellschaft als Ganzes. Es geht um die Hinterfragung, die Dekolonisierung des europäischen, des kolonialen Blicks auf die Welt, der Produktion dieses Blicks, und der tatsächlichen Aneignung dieser Welt. Die gewaltsame Unterdrückung mag zumindest formal beendet sein, die epistemologische Hegemonie ist es nicht.

Der Frage nach dem kolonialen Erbe ist auch eine Auseinandersetzung mit der Globalisierung

Die Diskussion um "koloniale Raubkunst" ist Teil eines breiteren Diskurses über koloniales Erbe und koloniale Amnesie. Hier ist vor allem der Streit über den Umgang mit dem Genozid an den Herero und Nama zu nennen. Die gefährliche Schlagseite, die das Humboldt-Forum bekommen hat, ist auch dem Umstand geschuldet, dass sich der Diskurs über Raubkunst mit dem über den ersten deutschen Völkermord verband, architektonisch symbolisiert durch das wiederaufgebaute Stadtschloss. Einen nachhaltigen Umgang mit dem (post-)kolonialen Erbe wird es nur geben, wenn weithin akzeptierte Konzepte für den Umgang mit beiden Themenkomplexen gefunden wurden.

Beide Debatten, um die koloniale Raubkunst ebenso wie um den ersten deutschen Genozid, sind auch ein Symptom des allgemeinen Übergangs von der kolonialen zur postkolonialen Globalisierung. Wir verhandeln nichts weniger als unsere Zukunft in einer Welt, in der Europa dauerhaft dezentriert und provinzialisiert ist. Der Umgang mit dem kolonialen Erbe Europas ist eine der großen, wenn nicht die größte Identitätsdebatte unserer Zeit, und der Streit um koloniale Objekte ist ein Kapitel daraus.

In der Frage der Restitution gibt es nur zwei Optionen: Man bekennt sich zum Grundsatz, geraubte Objekte zu restituieren oder man lehnt diesen Grundsatz ab. Manche plädieren für einen Schlussstrich, für die Festlegung eines Zeitpunkts, vor dem man die Vergangenheit ruhen lässt oder zumindest alle Restitutionsforderungen aufgibt. Das mag einleuchtend scheinen, wirft es jedoch die Frage auf, wer eigentlich diesen Zeitpunkt bestimmen kann, und wann dieses Datum ist. Warum etwa die NS-Raubkunst auf dieser und nicht auf der anderen Seite dieses Cutoff-Punktes gesetzt wird? Darüber gälte es zu streiten! Jedenfalls darf durch den Hinweis auf Provenienzforschung die grundsätzliche Entscheidung nicht verschoben werden.

Deutschland braucht ein postkoloniales Erinnerungskonzept, das auch der Frage nach Gedenkorten und Lern- und Forschungseinrichtungen nachgeht. Deutschland, wie Europa insgesamt, muss sich neu in der Welt positionieren. Dies durch eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Geschichte zu tun und die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen, wäre ein wichtiger Schritt. Nur so ist auch das Humboldt-Forum zu retten, sonst erdrückt die Hülle des Stadtschlosses die viel beschworene Agora.

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