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Erotikdrama "Königin":Sie wird schon wissen, was sie tut

Anne (Trine Dyrholm) und Gustav (Gustav Lindh) in „Königin“.

(Foto: Square One)

"Königin" erzählt von einer Anwältin, die eine Affäre mit dem Sohn ihres Mannes beginnt - und ist einer der interessantesten Filme der Post-"Me Too"-Ära.

Vielleicht hätte man ahnen können, dass einer der interessantesten Filme der Post-"Me Too"-Ära aus Skandinavien kommen würde. Aus dem Norden, der dem Rest der Welt in geschlechtlichen Fragen immer ein Stück voraus war: Erst in seiner Freizügigkeit und später in der Erkenntnis, dass sexuelle Freiheit immer auch die Freiheit des anderen Geschlechts ist. Aus Dänemark kommt nun also das Liebesdrama "Königin" von Regisseurin May el-Toukhy, ein kühl konstruierter Thesenfilm zur Frage, wie Missbrauch aussieht, wenn er allen Erwartungen an Geschlechterrollen widerspricht. Es ist eine strenge moralische Erzählung. Wem das zu anstrengend klingt, dem sei gesagt, dass dieser souveräne Film, der in diesem Jahr die dänische Einreichung bei den Oscars war, auch ein aufregender Psychothriller ist.

Die Familie von Anne und Peter wirkt wie ein bürgerlich-skandinavisches Idyll. Beide haben einen sie erfüllenden Beruf. Er, ein Schwede, ist Arzt. Sie, Dänin, arbeitet als Anwältin auf der guten Seite des Rechts. Sie verteidigt missbrauchte junge Frauen. Auch solche, denen vor Gericht niemand glaubt, weil sie mit ein paar Männern zu viel geschlafen haben. Annes einziger Makel scheint ein gewisser Hang zur Rechthaberei zu sein. Der Familienwohnsitz mitten in einem dänischen Wald ist ein Moderne-Traum aus Holz und Glas, der aussieht wie aus dem Architekturmagazin. Annes Kleidung ist modern und luxuriös. Die Zwillingstöchter sind fröhlich und in der örtlichen Reitschule angemeldet.

Diese Gutverdiener-Idylle wird erschüttert, als Peters 17-jähriger Sohn Gustav aus einer früheren Beziehung bei ihnen einzieht. Er ist aus dem Internat in Schweden geflogen und passt nicht in dieses Haus, das für ein ganzes Milieu und für das richtige, privilegierte Leben steht. Gustav trägt eine proletarisch wirkende Silberkette. Das schwarze Haar ist kurz geschoren. Sein Schwedisch ist klar und kräftig im Vergleich zum gemütlich vernuschelten Dänisch der blonden Familie. Gustav ist ein Bad Boy. Als solcher bringt er, kaum eingezogen, ein zu stark geschminktes Mädchen namens Amanda mit nach Hause. Anne hört die beiden beim Sex, und dass ihr das nicht ganz egal ist, erkennt man daran, dass sie danach im Elternschlafzimmer vor dem Spiegel steht und ihren trotz Zwillingsschwangerschaft attraktiven Körper begutachtet.

Die Anwältin sagt Sätze, für die ihr Harvey Weinstein auf die Schulter klopfen würde

Wäre Anne ein Mann, würde man spätestens jetzt von einer Midlife-Krise sprechen. Denn um unangreifbar zu sein, fehlt ihrer Ehe dann doch der Pepp: Ihr Mann schreibt abends lieber Arztberichte als sie ins Schlafzimmer zu ziehen, sein Schwedisch ist von den Jahren in Dänemark angenuschelt, und um die Körpermitte ist er ein wenig weich geworden. Weil das Midlife-Narrativ bei Frauen aber - ungerechtfertigter Weise? - nicht ganz so naheliegt, nimmt man als Beobachter viel ernster, was mit Anne passiert. Und weil Trine Dyrholm mit ihrem fragenden und zugleich immer schon wissenden Blick dieser Frau so eine kluge Präsenz verleiht, will man ihr eine gewisse Transgression sogar gönnen. Sie wird schon wissen, was sie tut. Es ist ja Sommer, und Gustav ist zwar jung, aber eben auch ein weißer, heterosexueller Mann. So einen muss man nicht schonen. Außerdem spielt Gustav Lindh dessen Teenagerarroganz mit einer unterschwellig brodelnden Wut, die ihn eher gefährlich als verletzlich erscheinen lässt. Bevor Anne also den hübschen Stiefsohn verführt, hat der Film das mit seinen Zuschauern schon längst getan.

An einem golden leuchtenden Sommerabend mit Gästen auf der Terrasse gießt sich Anne einen Aperol Spritz ein, von dem sie weiß, dass es der eine zu viel ist. Wie ein Teenager geht sie heimlich rauchen, dann in die nächste Bar - und Gustav nimmt sie mit. Das Gespräch, das sie dort führen, ist die Schlüsselszene des Films, weil hier klar wird, dass auch so aufgeklärte Menschen wie Anne jene Geschlechterklischees für sich instrumentalisieren können, die sie sonst empört dekonstruieren. Ob Amanda seine Freundin sei, fragt Anne Gustav. Dann küsst sie ihn auf den Mund, weil sie ihn für die Art jungen Mann hält, mit dem man gewisse Dinge tun kann, ohne dass es ihm und einem selbst schadet. Eine Fehleinschätzung. Nachts geht Anne in sein Schlafzimmer und beginnt in einer sehr pornografisch gefilmten Szene eine Affäre mit ihm.

Dass diese Entscheidung katastrophal ist, liegt nicht daran, dass Gustav unter dem Sex leiden würde. Zumindest oberflächlich betrachtet ist der einvernehmlich und scheint für beide Seiten beglückend zu sein. Was man aber mit über 40 Jahren weiß und als 17-Jähriger vielleicht noch nicht: Aus Sex kann eine Verbindung entstehen, die sich nicht so einfach kappen lässt. Schlimm wird es deshalb erst, als die Affäre aufzufliegen droht. Denn da macht Anne ihr Herz sehr schnell zu und geht in den Verlustvermeidungsmodus. Mit erschreckender Härte sagt sie, die Opferanwältin, plötzlich Sätze, für die Harvey Weinstein ihr auf die Schulter klopfen würde. Es geht um Macht und nicht um Sex, war das Fazit der "Mee Too"-Debatte. "Königin" zeigt, dass Macht nicht nur in Großunternehmen existiert. Und dass auch die größten Moralisten nicht vor Doppelmoral gefeit sind, wenn es ihnen gerade in die Sommerpläne passt.

Dronningen, DK/S 2019, Regie: May el-Toukhy, Drehbuch: May el-Toukhy und Maren Louise Käehn, Kamera: Jasper J. Spanning. Mit: Trine Dyrholm, Gustav Lindh, Square One, 127 Minuten. Der Film ist als Video on Demand unter anderem bei iTunes und Google Play erhältlich.

© SZ vom 09.05.2020
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