Klassik:Vom Erlkönig

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Klassik: Countertenor Philippe Jaroussky

Countertenor Philippe Jaroussky

(Foto: Loic Venance/AFP)

Philippe Jaroussky singt in München Barockes, Brasilianisches und Mozart. Immer geht es um die Liebe - und manchmal auch um Krankes.

Von Reinhard J. Brembeck

Dem Alltag für zwei Stunden entfliehen, so kündet nach den ersten Liedern Philippe Jaroussky Sinn und Zweck seines Liederabends im Münchner Prinzregententheater an, der Beifall ist riesig. Philippe Jaroussky ist der neugierigste, virtuoseste und aufgeschlossenste unter den mit Kopfstimme, also in Frauenlage singenden Countertenören. Bekannt wurde er als Koloraturengroßmeister, keine noch so lange Endlostonfolge bei Georg Friedrich Händel und Konsorten konnte ihn aus der Bahn werfen oder gar um den Atem bringen. Doch bloß für Vokalartistik war Jaroussky unüberhörbar immer ein viel zu guter Musiker. Er kann mehr, er will mehr und er macht auch mehr.

Zuletzt brachte er mit "À sa guitarre" (Erato) ein Album heraus, das jeden Superlativ wert ist. Begleitet von dem Gitarristen Thibaut Garcia singt er Liebeslieder: Barockes wie ein Chanson von Barbara, Brasilianisches wie Henry Purcells Todesklage der Karthagerkönigin Dido, Spanisches, Italienisches und französische Romantiklieder, sogar sogar zwei Komponistinnen. Sowie Wolfgang A. Mozarts todessüchtige "Abendempfindung" und, das ist eine Sensation, den "Erlkönig" von Franz Schubert.

Dieser Stilmix funktioniert auf der Platte hervorragend und beim pausenlosen Münchner Konzert, Jaroussky und Garcia Thibaut lassen sich unaufdringlich verstärken, noch besser. Jaroussky kann Pop wie Hochkultur gleicherweise singen. Weil er jedem der Lieder Weite verleiht, Melancholie, Leichtigkeit, Gefühlstiefe. Hochdruck, Dramatik, Brunst, Leidenschaft, also alles, was einem Musiker den Angriff aufs limbische System der Hörer erleichtert, ist einem Countertenor ja nicht gegeben. Bei Jaroussky wirkt das nicht als Mangel, sondern als Befreiung. Er erzeugt Intensität und Dringlichkeit im Leichten und Verhangenen. Das aber ist ein ganz großes Wunder, das vom Publikum uneingeschränkt gefeiert wird.

Süß ist das Glück - bis zum Tod

Doch die Flucht vor dem Alltag funktioniert selbst bei Philippe Jaroussky nicht völlig. Zumindest nicht für den, der auf die Texte achtet, sie sind in CD-Booklet und Konzertprogramm abgedruckt. "Wer glaubt, die Liebe sei süß zu genießen," heißt es bei Francesca Caccini, "dem sag ich, dass es süßer ist die Liebe zu meiden...und nicht ihr Martyrium herauszufordern..." Alle Texte verhandeln das Liebe als eine extrem Existenzerfahrung, die zutiefst den Alltag stört, Menschen lähmt oder sogar in den Tod treibt.

So werden an diesem singulären Abend alle gängigen Liebeskonzeptionen in aller Schärfe durchdekliniert, Jarousskys und Garcias elegante Zurückhaltung verhindert jeden Überdruck ob dieser Monomanie. Auch das Thema Missbrauch von Kindern wird nicht ausgespart. Die Chansonette Barbara hat in ihren Memoiren und in Andeutungen in ihren Liedern erzählt, dass sie von ihrem Vater missbraucht wurde. Auch der "Erlkönig" von Johann Wolfgang Goethe erzählt von einem Kindsmissbrauch, der zudem tödlich endet. Schubert hat die Leidenschaft des alten Königs für den Jungen mit einer Sinnlichkeit aufgeputscht, der sich wohl kein Hörer entziehen kann. Und es doch nach dem gerade erst publizierten Gutachten zum Kindsmissbrauch im Erzbistum München doch gerne täte. Dieser Widerspruch ist unauflöslich, und jeder Hörer muss mit seinen widerstreitenden Gefühlen selbst zurechtkommen.

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