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Klassik und Coronavirus:Passion und Pleite

michael Volle

Zu Hilfe! Selbst ein Sängerstar wie er hat keine Rücklagen: Der Bariton Michael Volle als Jochanaan in Richard Strauss' "Salome".

(Foto: Michael Pöhn/Wiener Staatsoper/)

Die Stille im Opern- und Konzertbetrieb bringt freie Musiker in existenzielle Nöte. Selbst berühmte Sänger haben wenig Rücklagen und auch renommierte Ensembles sind in Gefahr.

Musik, sagt man, komme aus der Stille. Doch wenn auf die Stille keine Musik mehr folgt, dann kann sie zur Belastung werden. Gerade auch für die, die mit ihrem Klang, mit ihrer Stimme die Stille zu füllen gewohnt sind. "Einfach leer" sagt der Sänger Michael Volle, fühle er sich im Moment an manchen Tagen, wie heruntergefahren "von hundert auf null".

Den Bariton hat das Coronavirus mit voller Wucht getroffen, auch wenn er selbst gesund geblieben ist. Er probte gerade an der Mailänder Scala für Richard Strauss' "Salome", als dort zwei Mitarbeiter positiv getestet wurden. Zurück in seinem Haus in Brandenburg, musste er mit seiner ganzen Familie in Quarantäne, geplante Auftritte in der Zeit fielen aus. Dann kamen sukzessive die Absagen von all den anderen großen Häusern in der Welt, wo Michael Volle üblicherweise singt. Seitdem weiß er nicht mehr, wie es weitergeht. Zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent seines üblichen Jahreseinkommens habe er bereits jetzt verloren, sagt Volle.

Man könnte meinen, dass es dem prominenten und damit auch sehr gut bezahlten Sänger noch relativ gut gehe, auch wenn mal ein paar Wochen lang die Honorare ausbleiben. Auch er selbst hält sich für "immer noch privilegiert". Doch Volle muss das Haus abbezahlen, hat zwei Kinder, für die er eine Kinderfrau finanzieren muss, weil seine Ehefrau, die Sopranistin Gabriela Scherer, auch Sängerin ist - und jetzt ebenfalls nichts mehr verdient. Inzwischen habe er bereits wohlhabende Freunde um Geld bitten müssen, sagt er, sämtliche seiner üblichen Spenden habe er gestrichen, immerhin habe sich die Bank kulant gezeigt. Denn Rücklagen hätten er und seine Frau in diesem Beruf nie bilden können.

Passionsmusik und Osterzeit: Eigentlich wäre jetzt Hochbetrieb. Doch wer nicht auftritt, kriegt kein Geld

Dies lässt ermessen, wie es den vielen freiberuflichen Sängern und Instrumentalisten geht, die auch in besseren Zeiten nicht so viel verdienen wie er. Täglich, sagt Volle, bekomme er Nachrichten von Kollegen, die einfach nicht mehr wüssten, wie sie das stemmen sollen. Wer nicht auftritt, aus welchen Gründen auch immer, bekommt kein Geld - so sehen es die Verträge der öffentlichen finanzierten Opernhäuser vor, die neben ihrem festen Ensemble Sänger als Gäste für einzelne Produktionen engagieren.

Das lässt sich auch nicht so einfach ändern, weil sich die Häuser damit in rechtliches Neuland begeben müssten. Die Verträge sind dafür gedacht, dass mal eine oder zwei Vorstellungen ausfallen, nicht gleich ganze Serien abgesagt werden. Das Staatstheater Nürnberg habe ihr eine Kulanzregelung angeboten und die Hälfte der Gagen in Aussicht gestellt, erzählt die Sopranistin Eleonore Marguerre, die dort noch Vorstellungen von Giacomo Puccinis "Manon Lescaut" hätte singen sollen. Am Theater Erfurt, wo ihr Ehemann, der Tenor Uwe Stickert, hätte auftreten sollen, reagiere man dagegen nicht auf Anfragen. Viele Kollegen hätten auch Angst, glaubt Marguerre, "in dieser Situation Gehaltsforderungen zu stellen, weil sie Sorge haben, dann später nicht mehr beschäftigt zu werden".

Erst recht können private Konzertveranstalter derzeit keine Honorare auszahlen, weil sie selbst nicht wissen, wie es weitergeht. Das trifft gerade auch die Ensembles hart, die nicht wie die staatlichen und kommunalen Orchester fest an ein Haus gebunden sind. Nicht selten sind sie als Gesellschaften bürgerlichen Rechts organisiert, das heißt: Die Musiker selbst sind Eigentümer des Orchesters. Was ihnen eigentlich die künstlerische Freiheit von staatlichen und städtischen Institutionen sichern sollte, könnte ihnen nun zum Verhängnis werden. Denn bei Absagen bekommen sie zum einen keine Honorare ausgezahlt, zum anderen müssen sie trotzdem weiterhin die Infrastruktur des Orchesters finanzieren.

So haften etwa beim Ensemble Modern, das die Geschichte der Neuen Musik in Deutschland und darüber hinaus entscheidend mitgeschrieben hat, die 19 festen Mitglieder voll mit ihrem privaten Vermögen. Eigentlich hätte man in diesem Jahr das 40-jährige Jubiläum feiern wollen, jetzt herrscht auch hier nur noch Stille - und Leere in den Kassen. Eine Viertelmillion Euro, sagt Geschäftsführer Christian Fausch, habe man durch entgangene Konzerte allein bis Mitte April bereits verloren, rund 16 Prozent der für das Jubiläumsjahr anvisierten Honorareinnahmen.

Nicht anders ergeht es dem Concerto Köln, einem sehr renommierten Ensemble für Alte Musik, bei dem eigentlich gerade Hochbetrieb herrschen würde. Schließlich sind wir mitten in der vorösterlichen Zeit, in der die Akteure der historischen Aufführungspraxis, aber auch viele freiberufliche Sänger und Instrumentalisten landauf, landab für Passionsmusiken gebucht werden. "Momentan müssen die Musiker aus ihren Reserven leben", sagt Geschäftsführer Jochen Schäfsmeier, "wir sind ausgeliefert und können nur noch Schadensbegrenzung betreiben." Wie Fausch hofft er darauf, dass nun nicht der Staat auch noch die Fördergelder für Projekte zurückfordert, die nicht stattfinden können. Schließlich sind sie zum großen Teil bereits in die Vorbereitungen investiert.

Die Bundesregierung will auch Kulturschaffenden helfen - nur wie, das ist noch sehr unklar

Tatsächlich hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters am vergangenen Freitag in Aussicht gestellt, dass von Rückforderungen "im Rahmen einer Einzelfallprüfung" abgesehen werden könne, aufgrund von ausgefallenen Veranstaltungen ersparte Mittel aber grundsätzlich zurückerstattet werden müssen. Die Bundesregierung hat bei den Folgen des Coronavirus Abhilfe in Milliardenhöhe versprochen, zu den in Aussicht gestellten Erleichterungen gehören unter anderem die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes, erleichterte Kredite und die Stundung von Steuerzahlungen. Grütters hat zusagt, dass auch die Kultur-, Kreativ- und Medienwirtschaft dadurch massiv unterstützt werden soll.

Doch wie sich das genau gestalten soll, darüber hat sie bislang keine Aussagen getroffen. So ist unklar, ob die Regelungen für Selbständige bei freiberuflichen Solisten überhaupt greifen. Schließlich gelten sie als Angestellte auf Zeit, wenn sie ein Engagement an einem Theater antreten. Sie seien rechtlich "nicht Fisch und nicht Fleisch", sagt Christian Sist von "Art but fair", sie würden zwischen einem Angestelltenverhältnis und einer freiberuflichen Tätigkeit hin- und hergeschoben. Die Organisation, die schon länger für verbesserte Arbeitsbedingungen von freiberuflichen Musikern kämpft, sieht sich durch die aktuelle Lage bestätigt. So warne man seit Jahren vor der Abwärtsspirale bei Honoraren für Gastverträge, die dazu führten, dass Freiberufler keinerlei Rücklagen bilden könnten. Das begrenzte Angestelltenverhältnis sorge außerdem dafür, dass viele nicht mal Arbeitslosengeld beantragen könnten, wenn sie nicht die dafür geforderte Mindestarbeitszeit nachweisen können.

Die Krise lässt juristische Lücken deutlich werden, die der gut laufende Betrieb bisher überspielen konnte. So dürfen etwa freie Orchester wie das Ensemble Modern keine Rücklagen bilden, wenn sie gleichzeitig öffentliche Fördermittel bekommen. "Wir sind gezwungen, auf null zu spielen", sagt Christian Fausch, "und haben dadurch keinerlei Polster in einer Situation wie der aktuellen." Er fürchtet zudem, dass in Zukunft Stiftungen abspringen könnten, wenn sie selbst geschädigt aus der Krise hervorgehen.

Fausch fordert deshalb von der Kulturpolitik "unbürokratische und schnelle Lösungen", die "bisher noch nicht in Sicht" seien. Sein Kollege Jochen Schäfsmeier vom Concerto Köln sieht dagegen viel guten Willen, etwa im Kontakt mit dem Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Doch es herrscht allerorten Verwirrung - und alle Branchen rufen gleichzeitig nach dem Staat, dessen Mittel auch nicht endlos sind. So hat der Deutsche Musikrat gefordert, sämtlichen freiberuflichen Kreativschaffenden für die nächsten sechs Monate ein Grundeinkommen in Höhe von eintausend Euro zu gewähren. Man fordere ausdrücklich kein unbefristetes Grundeinkommen, stellt Generalsekretär Christian Höppner im Gespräch klar, es gehe nur um Hilfe in der Not. Denn Höppner glaubt nicht, dass die staatlichen Hilfsmaßnahmen sich umstandslos auf Kleinstunternehmer wie freiberufliche Musiker anwenden lassen werden. So könnten die meisten selbst bei besten Konditionen keine Kredite aufnehmen, weil sie damit das Problem nur in die Zukunft verschieben würden.

Niemand glaubt so recht, dass der Spielbetrieb nach dem 20. April wieder losgehen wird

Wann aber diese Zukunft beginnt, weiß niemand mehr. Kaum jemand scheint damit zu rechnen, dass am 20. April, wenn in den meisten Bundesländern die bisher gesetzte Frist für die Schließung ausläuft, in den Opernhäusern und Konzertsälen wieder Musik statt Stille herrschen wird. Das gilt erst recht, weil wegen des erhöhten Altersdurchschnitts viele Besucher zu einer Gruppe mit hohem Risiko im Ansteckungsfall zählen. So sind die Händel-Festspiele Göttingen, die Ende Mai hätten beginnen sollen, bereits jetzt verschoben, spätestens auf 2021, wie es heißt. Man glaube nicht mehr daran, teilten die Veranstalter an diesem Dienstag mit, dass das vorgesehene Programm wie geplant durchgeführt werden könne. Das Publikum haben sie aufgefordert, nach Möglichkeit auf eine Rückerstattung der bereits erworbenen Eintrittskarten zu verzichten, weil sonst die Festspiel-GmbH in ihrer Existenz bedroht sei - eine Forderung, die als Hashtag auch im Internet kursiert.

Wo die Hilfe durch den Staat ungeklärt ist, sind auch die Konsumenten gefordert. So hat das Klassikmagazin Crescendo eine Spendenaktion für Musiker ins Leben gerufen, während die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) Inhabern von Wahrnehmungsverträgen aus der freien Szene eine Soforthilfe von 250 Euro spendiert hat.

Doch das alles könnten nur Tropfen auf den heißen Stein sein, wenn die Krise lange anhält. Denn die Löcher in den Kassen werden von Tag zu Tag größer werden - und die Lebensbedingungen von freien Musikern schlechter. "Das Schlimmste", sagt Michael Volle, "ist die Ungewissheit."

© SZ vom 19.03.2020
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