bedeckt München

Kinos in der Krise:Was das Kino für die Stadt bedeutet? Na alles

Ufa -oder auch Kristallpalast Dresden. Architekt: Coop Himmelb(l)au Bauzeit: 1996-98 Dresden Sachsen GERMANY *** Ufa or

Filmgeschichte ist auch Kinogeschichte: Wie vom Himmel gefallen wirkt der "Ufa- oder auch Kristallpalast" in Dresden.

(Foto: imago images/Sylvio Dittrich)

Wenn man ins Kino geht, geht man nicht nur in einen Film. Man geht in die Stadt und in einen Film. Also in die Welt. Und wenn für die Kinos die Lichter ausgehen, sieht es auch für die Städte dunkel aus.

Von Gerhard Matzig

Wolf Prix ist der Chef eines weltweit bekannten Architekturbüros in Wien. Es heißt Coop Himmelb(l)au auch deshalb, weil in diesem Büro immer gleich nach den Sternen im Himmel gegriffen wird. Mindestens. Und weil Prix nicht nur ein begnadeter Architekt, sondern auch ein begnadetes Genie der Boshaftigkeit ist, ein Wiener eben, fragte er den Reporter vor dem im März 1998 in Dresden eröffneten "Ufa-Kristallpalast", der mehr ein Spektakel des öffentlichen Raumes als ein Kino im öffentlichen Raum ist, wer um Himmels willen "Titanic" sehen möchte, wenn er auch einfach das grandiose neue Treppenhaus als reales Abenteuer erleben kann.

Der Film mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio war gerade in die deutschen Kinos gekommen. Prix: "Man weiß doch, wie die Sache ausgeht: Das verdammte Schiff sinkt - was bitte soll daran spannend sein?" Im Gegensatz zu seiner Architektur. Denn diese illuminiere nicht die Kunst des Untergangs, sondern das Versprechen des Aufbruchs. Es war die Zeit, da das heute drohende "Kinosterben", wenn es eines ist, noch so wohltuend weit entfernt war wie derzeit kaum weniger wohltuend, aber leider der titanichaft herumgurgelnden Pandemie geschuldet, das nachbarschaftliche Popcorngeknuspere und das Quietschen der Gummibärchentüte.

Man geht nicht nur in einen Film. Man geht in die Stadt und in einen Film. Also in die Welt

Man darf daran erinnern, dass es mal eine Zeit gab, da das Kino bautypologisch vorwärtsdrängend aufrückte in die Ränge jener erbaulichen Baulichkeiten, die immer auch Sehenswürdigkeiten, ja Stadttrophäen sind: Residenz, Kirche, Rathaus, Wirtshaus, Museum, Oper, Theater - und das Lichtspieltheater. In aller Welt erfand sich das Kino seinerzeit neu. Mitten in Dresden wurde das, was einmal als bescheiden budenhaftes Panoptikum der Jahrmärkte am Rand der Städte begonnen hatte, zum zentral gelegenen, aufsehenerregenden "Kristallpalast", der zur Sicherheit den Palast bereits im Namen führt.

Dieses Kino sieht ja auch aus wie ein vom Himmel gefallener Kristall. In der Innenstadt sorgt der Bau als transparenter Schauraum, ein einladendes Foyer bergend, dazu skulptural ausgeformte Treppen und eine in einen Drahtkegel eingehängte Bar, für genau das, was mit dem Begriff der Urbanität gemeint ist. Man geht nicht nur ins Kino. Man geht in die Stadt und ins Kino. Also in die Welt. Der Kontrast zu den oft hermetisch geschlossenen "Unterhaltungsmaschinen" (Prix über Kinos, die nicht von Prix sind), die es natürlich auch gibt als Architekturen des zeitgenössischen Elends, könnte kaum größer sein.

Das Kino, begreift man in Dresden, ist nicht allein eine Traummaschine, sondern im günstigsten Fall auch eine Raummaschine, die von der Stadt und ihrem Publikum lebt, aber auch für die Stadt bedeutsam ist wie wenig andere Typologien. In einer Schrift über das Kino "als Erfahrungsraum" heißt es: "Von den Anfängen bis heute ist die Filmerfahrung in besonderer Weise an die Erfahrung des Kinos gebunden, an Bauten, Foyers, Säle, Sitzordnungen, Technik und die Gegenwart des Publikums. Filmgeschichte ist auch Kinogeschichte, und die Erinnerung an Filme blickt immer wieder in jene Räume zurück, in denen wir den Filmen begegneten." Das gilt für das kleine Programmkino von nebenan wie für das ehemalige Kino, das man in Berlin auf den Namen "Marmorhaus" taufte - der Palastartigkeit wegen.

Schon immer ist das Kino als Ort der Kunst und der Unterhaltung ein Raum der Vielfalt und der Widersprüche. Genau wie die Stadt. Heide Schlüpmann, emeritierte Professorin für Filmwissenschaft, sagt: "Der exzeptionelle Charakter des Kinos besteht in der Mischung von Öffentlichkeit und privatem und intimen Raum - von einer anderen Art Theater und einer anderen Art Häuslichkeit." Das Kino ist in dieser Sichtweise eine Architektur der Komplexität, die existenziell für den Stadtraum ist. Vielleicht geht ja auch deshalb, weil das spürbar ist im kollektiven Gedächtnis, ein kummervolles Raunen durch die Öffentlichkeit, wenn wieder einmal ein Kino vor dem Aus steht. Kinos sind Sehnsuchtsorte nicht allein, weil darin Filme zu sehen sind, die von der Sehnsucht handeln, sondern weil sie die Emotionen selbst verorten.

Klar, immer mal wieder verschwinden Gebäude und Gebäudetypen aus dem Gedächtnis der Stadt. Denn die Stadt ist immer eine Stätte des Werdens - und somit auch der Transformation. Man hat erlebt, wie Tankstellen, Bordelle und die Redaktion dieser Zeitung aus der Münchner Innenstadt verschwunden sind. Die Innenstadt hat das bisher halbwegs überlebt. Sollte es ein Kinosterben geben, sind die Kinos vom Palast bis zur Klitsche aber schon ihrer grundsätzlich komplizierten und haustechnisch aufwendigen Raumorganisation wegen denkbar ungeeignet, um mal eben neuen Nutzungen zugeführt zu werden.

Wenn in den Räumen, die dazu bestimmt sind, dass das Licht ausgeht, tatsächlich das Licht ausgeht, wird es auch für die Stadt einigermaßen dunkel. Wer die Homepage vom Kristallpalast in Dresden aufruft, der erfährt, dass der "Durstexpress" Getränke "bis in die Wohnung liefert". Man sollte ganz schnell ins Kino und in die Stadt gehen, also in die Welt, dort ein Bier trinken und einen Film angucken, mindestens aber ein Treppenhaus, bevor sich das Sofa daheim als letzte Zuflucht der Sehnsucht erweist.

© SZ vom 08.10.2020
Bond

SZ PlusKinokrise
:Stirb an einem anderen Tag

James Bond kommt nun erst 2021, genauso wie eine Reihe anderer Blockbuster. Doch die deutschen Verleiher und Kinobesitzer stemmen sich gegen die existenzielle Krise: Mit lokalen Mitteln - und Filmen.

Von Philipp Bovermann, Tobias Kniebe und Susan Vahabzadeh

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite