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Kino:Unseren täglichen Film gib uns heute

Mit mehr als 30 Produktionen aus aller Welt soll das Seriencamp neugierig machen auf kommende Streaming- und TV-Höhepunkte - häppchenweise und auf großer Leinwand in der HFF.

Schnell muss es gehen, denn natürlich ist der Herr Landtagsabgeordnete in Eile. Also drängelt er durchs Treppenhaus und brüllt: "Der Münchner Wohnungsmarkt braucht eine Revolution, ich kümmere mich darum!" Dann hat er das Objekt der Begierde auch schon betreten: Altbau, fünf Zimmer, beste Innenstadtlage. Zur Maklerin sagt er: "Wir wären dran interessiert." So beginnt die zweite Staffel der schwarzhumorigen BR-Serie "Hindafing", wieder mit Maximilian Brückner in der Hauptrolle. Als Bürgermeister war er eine Vollkatastrophe, deshalb wird er jetzt in den Landtag befördert. Die Premiere steigt an diesem Freitag im Seriencamp.

Das Festival für Serien und TV-Kultur findet bereits zum fünften Mal statt: Bis Sonntag werden mehr als 30 neue Serien aus aller Welt gezeigt. Natürlich nicht in ganzer Länge, das würde den Rahmen sprengen, die ersten Folgen kann man sich aber mit anderen Serienbegeisterten in den Kinosälen der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) ansehen. Schnell muss man aber auch dafür sein, die Gratis-Tickets für "Hindafing" etwa sind schon weg. Für die meisten anderen Vorstellungen gibt es aber noch Karten, die auf der Seriencamp-Website reserviert werden können. Auch einige Stars und Macher haben sich angesagt, so wird etwa der Schauspieler Fritz Karl die Krimiserie "Meiberger" vorstellen (Sonntag, 17.45 Uhr). Die Autoren Daniel James Abraham und Ty Corey Franck, die sich hinter dem Pseudonym James Corey verstecken, kommen anlässlich der von ihnen mitverfassten Science-Fiction-Serie "The Expanse" nach München (Freitag, 18.15 Uhr). Aus Schweden wird die Schauspielerin Julia Ragnarsson erwartet; sie ist in der Finanzthriller-Serie "Blinded" mit dabei (Freitag, 22.30 Uhr).

Jude Law und John Malkovich in der Vatikan-Serie "The New Pope“.

(Foto: Gianni Fiorito)

Das Serienangebot verändert sich schnell, immer mehr Produktionen aus immer mehr Ländern buhlen um die Aufmerksamkeit des Publikums. "Die Veränderungen sind enorm", bestätigt Gerhard Maier, der gemeinsam mit Malko Solf das Seriencamp leitet. Selbst er sei überrascht von der "Geschwindigkeit, mit der sich Serien im Fahrwasser der Streaming-Revolution der vergangenen Jahre zur primären Erzählform entwickelt haben." Und das Tempo nimmt weiter zu: Die neuen Streaming-Portale von Apple und Disney stehen schon in den Startlöchern, weitere Anbieter kommen nächstes Jahr hinzu. Jeder von ihnen will exklusive Inhalte anbieten, also werden noch mehr Serien produziert. In der Branche spricht man seit längerer Zeit von "Content Overload", von einem Zuviel an Programm, einem ebenso überforderten wie übersättigten Publikum. Vielleicht wird auch deshalb gerade so leidenschaftlich über die Pläne des Streaming-Giganten Netflix gestritten, der Serienfolgen im 1,5-fachen Tempo abspielen lassen will. Nach Netflix-Logik könnten die Zuschauer auf diese Weise mehr Staffeln in kürzerer Zeit wegschauen, frei nach dem Motto: Noch schneller muss es gehen. Denn nicht alles, was von Streaming-Anbietern oder Fernsehsendern angeboten wird, findet ein Publikum. Und nicht alles, was dem Seriencamp offeriert wird, schafft es ins Programm.

"Der Auswahlprozess kann recht langwierig sein", sagt Gerhard Maier, dieses Jahr hätten sich 300 Titel angesammelt, 80 davon seien in die engere Wahl gekommen. Gleichzeitig zu den kostenlosen Vorstellungen des Seriencamps gibt es eine gebührenpflichtige Konferenz für Branchenvertreter. Das Programm erkennt man auch an den Sponsoren, selbst wenn die Macher ihre künstlerische Unabhängigkeit bei der Programmauswahl betonen und Produktionen aus exotischen Fernsehnationen wie Kroatien ("Success") oder der Ukraine ("Hide and Seek") nach Deutschland bringen. Präsentiert werden aber auch neue Vorzeigeserien von Amazon Prime Video ("Tom Clancy's Jack Ryan"), Sky ("The New Pope"), Vox ("Rampensau") oder Joyn ("Dignity"). Und wenn die Zuschauer nach den ersten Folgen angefixt sind und weiter schauen wollen, haben die Macher ihr Ziel erreicht.

Seriencamp Festival, Fr., 8., bis So., 10. Nov., HFF, Bernd-Eichinger-Platz 1, www.seriencamp.tv