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Kino und Gesellschaft:Unsterbliche Superreiche kaspern das Geschick der Welt unter sich aus

Menschen oder gar die Organisationsform, in der sie leben - das hat in diesen Kontexten keinerlei Bedeutung. In "Avengers - Infinity War" sind die Menschen, (oder, wahlweise, die grünen Männchen), nur undefinierte belebte Materie, die im Off zerschossen wird, Kanonenfutter für Special-Effects-Szenen; die übermenschlichen Helden bleiben sonst lieber unter sich und liefern sich ihre Schlachten in entvölkerten Straßenzügen. Was für eine schreckliche Vision: Ein paar unsterbliche Superreiche kaspern das Geschick der Welt aus, das Fußvolk ist diffuse Masse, zum Abschuss freigegeben. Wenn der Tod nichts mehr gilt - dann ist die Idee, dass es relevant sein könnte, ob Menschen leiden oder nicht, außer Kraft gesetzt.

Schaut man sich an, was vor fünfzehn oder zwanzig Jahren mit Erfolg im Kino lief, sieht die Sache anders aus. "Titanic" war der größte Blockbuster der Neunzigerjahre - James Cameron verschob da die Perspektive auf die bekannteste aller Schiffskatastrophen, die bis dahin vor allem wegen der untergegangenen Superreichen und der Pracht der ersten Klasse Legende geworden war - Leonardo DiCaprio aber spielt einen Passagier aus der dritten Klassen. Wen hat es vor Camerons Film interessiert, dass es in der dritten Klasse kaum Überlebende gab? Oder Steven Spielbergs "Jurassic Park": Da beschwört Richard Attenborough mit seinem genmanipulierten Dino-Vergnügungspark fast die Apokalypse herauf, nur um des Geldverdienens willen. Da waren "Independence Day" (Außerirdische wollen die Welt ausbeuten), "Avatar" (Menschen wollen Außerirdische ausbeuten), "Fluch der Karibik" (Piraten verführen ordentliche Töchter von Kolonialherren zum wilden Leben auf See).

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Gemessen daran sind Superhelden nun wirklich Establishment. Schon deswegen, weil Typen wie Batman und Iron Man ja selbst nicht wissen, wohin mit ihrem Geld - sie sind keine Underdogs, sie sind Milliardäre mit besonderen Fähigkeiten. Nun ist das vielleicht auch irgendwie ehrlicher als Hollywoods vorgespiegelte Sympathie für gesellschaftliche Verlierer. Denn die kapitalismuskritischen Blockbuster wurden von sehr, sehr reichen Filmemachern wie Steven Spielberg und James Cameron gemacht und von Firmen finanziert und ins Kino gebracht, die den Riesenkonzernen, die in ihnen so oft als Schreckgespenst firmieren mussten, nicht ganz unähnlich sind.

1972, also viele Jahrzehnte, bevor die Superhelden das Kino unterjochten, schrieb Umberto Eco seinen Essay "Mythos Superman". Es besteht, schreibt er da, ein wesentlicher Unterschied zwischen Heldenmythen, von griechischen Göttern oder den Protagonisten nordischer Sagen, und den Superhelden von heute in der Zeitverschiebung - Herkules war eine fest in der Vergangenheit verankerte Figur, Superman aber wird erst noch sein. Er darf sich nicht verändern, damit man ihn, wie Herkules, immer wieder erkennen kann. Und doch ist er nicht Gegenstand einer abgeschlossenen Geschichte, sondern Leseware in einer im Kern konservativen Welt, die sich nie verändern darf. Metropolis ist ewig, und es bleibt immer gleich. Weil es, so Eco, bereits eine Welt ist, in der keine Entwürfe mehr zur Wahl stehen, sondern etwas Fertiges, das einem doch unbedingt gefallen muss.

Reflektiert das Kino nur die Wirklichkeit?

Damit hat Eco im Grunde vorausgesagt, was die Marvel-Universe-Filme und andere Comic-Verfilmungen sein werden - und alles, was im Kino so teuer und erfolgreich ist, dass es in Serie produziert wird: Die Figuren dürfen sich nicht verausgaben, keine Erfahrung machen, denn jeder Schritt in Richtung Tod, und wenn es nur eine Stunde ist, schrieb Eco damals, erzeugt unweigerlich Veränderung. Das Kino hat das mit den letzten Comic-Blockbustern ins Absurde getrieben - sterbende Superhelden werden flugs reanimiert, entweder im nächsten Film oder manchmal auch schon in dem Film, in dem sie gestorben sind.

Reflektiert das Kino am Ende, wenn es den Status quo gar nicht mehr antasten mag, nur die Wirklichkeit? Zumindest der Fernseh- und Serienteil der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, der ja viel schneller auf Entwicklungen eingehen kann, befasst sich natürlich sehr wohl mit politischen Fragen. Serien werden oft sehr zeitnah produziert, und derzeit immer zeitnaher geschrieben - weil sich die Ereignisse so überschlagen, dass die Bücher angeglichen werden müssen, damit sie der Realität nicht allzu sehr hinterherhinken. In der Anwaltsserie "The Good Fight" wird in einer neuen Folge das ominöse Russland-Video gefunden, das die Amerikaner "pee-pee-tape" nennen und von dem man einstweilen nicht weiß, ob es existiert - es ist halt gar nicht so leicht, noch einen draufzusetzen auf das, was sowieso passiert. Die Wirklichkeit sei eben gerade, sagte Hauptdarstellerin Christine Baranski dazu, "stranger than fiction" - viel merkwürdiger als alles, was man sich ausdenken kann.

Es gibt in Hollywoods Unterhaltungsindustrie nicht nur Angst vor Trumpmüdigkeit, sondern auch davor, dass sich die Nachrichtenlage so grundlegend verändert hat, bis ein Film fertig ist, dass man die Wirklichkeit am besten ganz draußen lässt. Das Kino hat sich derweil, so scheint es, in eine Fantasie der Unverwundbarkeit zurückgezogen, in der kein Raub und keine Qual und kein Todesfall Relevanz hat. Das ist entweder so eine Art Super-Eskapismus - oder tatsächlich ein hässliches Abbild der Wirklichkeit.

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