Kino Paris liegt in Schwabing

Oscar-Preisträgerin Caroline Link verfilmt den Roman "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl". Ein Set-Besuch in München

Von Barbara Hordych

Dezember 1933 in Paris: Draußen ist es schon dunkel, als die Geschwister Anna und Max den Schreibwarenladen betreten. Im Schaufenster sind Weihnachtskugeln dekoriert, in den Regalen stapeln sich Hefte und Stempel, Briefwaagen und Geschenkpapier.

Wenig später haben die Geschwister Stifte bezahlt, ohne Geld zurück erhalten zu haben. "Aber Mama hat doch gesagt, wir dürfen das Wechselgeld für uns behalten", sagt Anna enttäuscht zu ihrem älteren Bruder, als sie auf den Ausgang zusteuern. Entschlossen dreht sie noch einmal um, blättert in ihrem Wörterbuch, während sie "billig ... billig ... billig" vor sich hin murmelt. Mutig streckt sie dem Ladenbesitzer den gerade gekauften Stift entgegen: "Crayon bon marché?", fragt sie ihn. Monsieur versteht, geht zu einem hinteren Regal, holt einen anderen Stift hervor. Und siehe da, Anna bekommt 20 Centimes Wechselgeld heraus. Stolz hüpft sie zu ihrem Bruder, der nun seinerseits dieselbe Umtauschaktion verlangt. "Überleg mal, was wir dafür alles kaufen können", sagt Anna erfreut, dann verlassen die beiden den Laden.

"Prima habt ihr das gemacht!", erklingt eine klare Stimme aus dem Hintergrund. Es ist Caroline Link, die Oscar-prämierte Münchner Regisseurin ("Nirgendwo in Afrika"), die derzeit Judith Kerrs Jugendroman "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" aus dem Jahr 1971 verfilmt. Ihre Adaption mit den Kinderdarstellern Riva Krymalowski und Marinus Hohmann soll im Winter 2019 in die Kinos kommen. In der berühmten Buchvorlage erzählt die Autorin sehr berührend und anschaulich aus der Kinderperspektive von der Flucht und dem Exil einer jüdischen Familie, die in den Dreißigerjahren von Berlin über Zürich nach Paris und schließlich nach London floh.

Die Regisseurin Caroline Link bespricht mit der jungen Hauptdarstellerin Riva Krymalowski, ihrem Filmbruder Marinus Hohmann und Andreas Matti als Verkäufer die Szene im Schreibwarenladen.

(Foto: Florian Peljak)

Jetzt sind wir im winterlichen Paris, und das liegt an diesem Sommertag in Schwabing, an der Schellingstraße 17, wo ein Antiquariat sorgfältig als historisches Schreibwarengeschäft verkleidet worden ist.

"Es wäre super, wenn ihr die Szene noch einmal wiederholen könntet - und Rivalein, bitte ein wenig schlechter Französisch sprechen", instruiert sie die Kinder. Denn sie sollen mit ihrer Mutter Dorothea, einer Pianistin, und ihrem berühmten Vater Arthur, einem Schriftsteller und erklärten Feind der Nazis, erst vor einigen Wochen nach Paris angekommen sein. Ähnlich wie seinerzeit Judith Kerr, die ihre Kindheitserinnerungen für ihren achtjährigen Sohn aufschrieb, will auch Caroline Link mit ihrem Film von Verfolgung und Flucht während des Nationalsozialismus erzählen, auf eine für Kinder unter 14 Jahren zugängliche Weise. Riva Krymalowski, 9, spielt die Hauptprotagonistin Anna, Marinus Hohmann, 14, ihren Bruder Max. Schnell malt die Maskenbildnerin den beiden die winterlich geröteten Nasen nach, dann probieren sie die Szene erneut. "Und vergiss nicht, das Wörterbuch mitzunehmen, Hase", ruft Caroline Link Riva zu. Die betont dieses Mal das Wort "Crayon" wie gewünscht etwas schiefer als zuvor.

Danach ist erst einmal Pause. Und die jungen Darsteller rupfen sich die Mützen vom Kopf, schälen sich aus ihren Mänteln. Denn in Wirklichkeit ist es nicht sechs Uhr abends, sondern halb ein Uhr mittags, als Riva und Marinus mit der Filmcrew den Laden verlassen und in die sommerliche Hitze hinaustreten. Schwere dunkle Decken verhängen den Eingang, um winterliche Dunkelheit zu erzeugen, die Inschriften auf den Schaufensterscheiben verheißen eine "Papeterie".

Im Antiquariat an der Schellingstraße erhielten die Regale Vorbauten, in denen Waren aus den Dreißigerjahren präsentiert werden.

(Foto: Florian Peljak)

Die Verfilmung wird unter anderem vom Film-Fernseh-Fonds Bayern gefördert, deshalb sind Schauplätze und Drehtage in Bayern eingeplant. "Paris Innen" in München, demnächst wird es für "Paris Außen" Aufnahmen in Prag geben. Warum nicht in Paris selbst? "Zum einen ist es sehr teuer, dort zu drehen. Zum anderen sieht aber vieles in Paris heute nicht mehr so aus wie in den Dreißigerjahren. In Prag dagegen schon", erklärt der Produzent Jochen Laube von der Firma Sommerhaus-Film.

Jetzt geht es erst einmal mit einem kleinen Bus weiter in die "Basis" an der Türkenstraße, zum Mittagessen in schattigen Pavillons bei den Cateringwagen. Dort warten die Mütter von Riva und Marinus. Für den 14-jährigen Münchner, der bereits in dem Musical "Tschitti Tschitti Bäng Bäng" des Gärtnerplatztheaters spielte, sind die Dreharbeiten ein Heimspiel. Anders ist es bei seiner Filmschwester, die in Berlin lebt. "Ich gehe sogar auf dieselbe Schule, auf der auch damals Judith Kerr war", sagt sie stolz. Das Buch gehöre dort zur Schullektüre. "Eigentlich erst in der sechsten Klasse. Aber meine Mama, die auch schon auf der Schule war, hat mir das Buch schon vorher gegeben, und ich liebe es sehr."

Das Schaufenster verheißt eine "Papeterie".

(Foto: Florian Peljak)

Im Film verkörpert die Schweizer Schauspielerin Carla Juri ("Paula") die Mutter von Anna und Max. Eine spannende Figur. "Sie fängt als jemand an, der ein schönes und behagliches Leben führt, dann aber alles verliert, ihr Klavier, ihre Karriere als Pianistin, ihr Geld, ihre Kultur, ihre Sprache", sagt Juri über ihre Rolle. Ihre Komfortzone zu verlassen sei für sie eine schwierige Herausforderung. Aber auch eine Befreiung. "Sie lernt, sich über einfache Dinge zu freuen. Und sie merkt, wie sehr sie ihre Familie liebt. Heute morgen haben wir eine Szene gedreht, in der ich meine Ohrringe verkaufe. Weil ich mitbekomme, dass meine Kinder sich ausgegrenzt fühlen in der Schule, weil sie nicht die richtigen Schulsachen haben, Stifte und Hefte brauchen." Zumindest die Stifte, die haben sie jetzt bereits.