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Kate Bush - Konzert in London:Tour de Force der Gefühle

Danach geraten besonders "Hounds Of Love" und das wuchtig perkussionierte "Running Up That Hill" spektakulär. Den typisch gellenden Kate-Bush-Sopran gibt es nicht mehr. Aber ihre Stimme ist eindrucksvoll gereift, und Ton um Ton trifft sie präzise.

In einen schwarzen Fransenmantel gehüllt und an den Füßen nur mit Strumpfsocken bekleidet, wandelt sie bedächtig-würdevoll über die Bühne. Von der alten, ballerinahaften Geschmeidigkeit ist kaum noch etwas zu sehen. Als inzwischen 56-jährige Frau muss sie sich dafür allerdings ganz sicher nicht rechtfertigen. Nach "King Of The Mountain", das mit raunenden Keyboards und krächzender Gitarre erfreulich unbedächtig vorgetragen wird, geht der Vorhang zu.

Und gleich wieder auf: In bläulichem Licht erblickt man das Gerippe eines Schiffes, Fisch-Skelette schleichen umher. Bald wird sie um ihr Leben singen, treibend auf dem Meer. Und der Verdacht erhärtet sich: Kate Bush nimmt sich nun den zweiten Akt des Konzept-Albums "Hounds Of Love" vor, genannt "The Ninth Wave". Es ist eine Suite aus sieben Stücken und es geht um eine Nacht, die eine Schiffbrüchige auf dem offenen Meer verbringt. Was in ihr alle möglichen Gemütszustände auslöst, von der Sinnlichkeit des ruhigen Dahintreibens bis zu blanker Panik.

Es überfliegt dann ein Helikopter ohrenbetäubend den Schauplatz. Und bald sitzt in einem windschiefen Wohnzimmer Bushs 16-jähriger Sohn Bertie vor dem Fernseher. Mutter Kate, in Gedanken ganz nah und doch so lost at sea, quengelt dazu wunderschön "Watching You Without Me". Das symbolträchtige Element Wasser nutzt die Phantastikerin Bush dabei für eine Tour de Force der Gefühle.

Die Vorbereitung des Comebacks dauerte 18 Monate

Nach einer zwanzigminütigen Pause geht es weiter. Nun wendet sie sich "A Sky Of Honey" zu, der zweiten Albumhälfte von "Aerial". Und man findet sich im 19. Jahrhundert wieder: Bertie verkörpert nun einen Maler, der den Himmel auf einer übergroßen Leinwand abbildet. Papierflieger und eine Holzpuppe kommen ins Spiel. Alsbald wird sie so frei sein wie die Vögel, die man als Video-Projektion sehen kann.

Und wenn man etwas kritisieren wollte, dann vielleicht, dass dieser 45-minütige Akt des Konzertes dramaturgische Schwächen hat. Man muss sich einlassen auf die ruhige Stimmung, die Launen des Himmels, diesen Raum der Freiheit, der natürlich eine perfekte Allegorie für die selbstbestimmte Künstlerin Kate Bush ist.

18 Monate wurde all das vorbereitet, unter anderem mit dem renommierten britischen Theaterregisseur Adrian Noble. Und es hat sich gelohnt. Denn es gelang ein echtes Kunststück: eine große Pop-Oper, bei der die ungewöhnlich opulente optische Inszenierung kein albernes Eigenleben führt, sondern einfach nur die Schönheit und Eigenwilligkeit dieser Popmusik noch etwas heller strahlen lässt.