Literaturnobelpreis für Alice Munro Großes Drama aus engen Verhältnissen

Der Literaturnobelpreis 2013 geht an Alice Munro. Die Jury würdigte die kanadische Bestsellerautorin als "Virtuosin der zeitgenössischen Novelle". Munro ist erst die 13. Frau, die den Preis erhält. Das Werk der 82-Jährigen dreht sich in weiten Teilen um das Überleben in kleinstädtischen Milieus.

Der Literaturnobelpreis 2013 geht an die Schriftstellerin Alice Munro aus Kanada. Damit geht der Preis zum ersten Mal nach Kanada und zum 13. Mal an eine Frau.

Die 82-jährige Munro ist vor allem bekannt für kurze Prosa. Die Schwedische Akademie in Stockholm würdigte die Bestsellerautorin als "Virtuosin der zeitgenössischen Novelle". Munro habe diese spezielle Form zur Perfektion gebracht, sagte Jury-Sprecher Peter Englund. Ihr Schreiben sei gekennzeichnet durch "Klarheit und psychologischen Realismus", heißt es in einer Erklärung der Akademie weiter.

Für manche sei sie ""die größte Autorin in Nordamerika und ja, ich würde dem zustimmen", erklärte Englund. "Wir sagen nicht nur, dass sie auf bloß 20 Seiten viel sagen kann - mehr als ein durchschnittlicher Roman-Autor - sondern dass sie Tiefgang hat. Sie kann in einer einzelnen Kurzgeschichte Jahrzehnte verarbeiten und es funktioniert."

Munro wurde am 10. Juli 1931 in Wingham in der kanadischen Provinz Ontario geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf: Das Zuhause war sehr bescheiden, der Vater erfolgloser Pelztierzüchter, die Mutter früh an Parkinson erkrankt. Doch Alice Munro fand ihren Weg im Leben, auch gegen die damals noch männerdominierte Gesellschaft ihrer Heimat, und gilt heute als eine der wichtigsten kanadischen Autorinnen.

"Aus der schieren Enge kleinbürgerlicher Verhältnisse"

Obwohl sie von ihren Eltern auf eine Zukunft als Frau eines Farmers vorbereitet wurde, wollte Munro schon mit neun Jahren Schriftstellerin werden. Ihre ersten Geschichten verfasste sie als Teenager. Ein Journalismus-Studium musste sie wegen Geldmangels abbrechen. Nach Jahren unter anderem als Buchhändlerin im Laden ihres Mannes stellte sich der Erfolg als Autorin ein. Die erste Geschichtensammlung erschien 1968.

Kurzgeschichten-Sammlungen wie "Wozu wollen Sie das wissen?" beschäftigen sich mit Munros Familiengeschichte. Oft spielen ihre Erzählungen im Milieu von Kleinstädten, wo die Hoffnungen und Ambitionen der Charaktere mit deren familiären und sozialen Hintergründen kollidieren. Die Neue Zürcher Zeitung lobte 2002, Munro verstehe es, "aus der schieren Enge kleinbürgerlicher Verhältnisse großes Drama zu destillieren".

"Literarisches Wunder"

Mit ihrer offenen Erzählweise und ihren Themen machte sich Munro nicht nur Freunde. In "Kleine Aussichten: ein Roman von Mädchen und Frauen" (1971) etwa schuf sie die Figur der jungen Del, die im Kanada der 1940er und 50er Jahre erste sexuelle Erfahrungen macht und den katholischen Glauben hinterfragt. Was heute kaum mehr schockieren würde, führte in konservativen Kreisen ihres Landes zu erheblicher Aufregung, die Munro ihrerseits gelassen zur Kenntnis nahm.

Ihrer Karriere schadeten solche Skandälchen nicht. Die New York Times feierte die Erzählkunst Munros als "literarisches Wunder". Die Autorin wurde auch selbst schon Gegenstand von literarischer Beobachtung: Ihre Tochter Sheila publizierte 2002 "Lives of Mothers & Daughters. Growing up with Alice Munro".

"Für uns als Frauen"

Munro ist seit 1976 in zweiter Ehe mit dem Geografen Gerald Fremlin verheiratet. Das Paar lebt auf einer Farm in der Nähe des Lake Huron, unweit von Munros Geburtsort. Über ihren Nobelpreis wurde die Autorin von ihrer Tochter telefonisch mit den Worten "Mama, du hast gewonnen" informiert. Sie selbst sei begeistert und "wie erstarrt", sagte Munro dem kanadischen Sender CBC weiter.

Ihre Freude sei grenzenlos. "Es ist so überraschend und so wunderbar." Der Preis werde auch Auswirkungen auf die Literaturszene ihres Heimatlandes haben. "Jetzt werden kanadische Autoren sicher mehr wahrgenommen. Das wird uns helfen und ein Antrieb für uns sein." Sie habe nicht gewusst, dass unter den mehr als 100 Preisträgern seit 1901 nur 13 Frauen sind, sagte sie CBC: "Kann das sein? Das ist ja unglaublich! Das macht mich noch glücklicher, dass ich diesen Preis bekommen habe. Für uns als Frauen."

Im vergangenen Jahr hatte der Chinese Mo Yan ("Das rote Kornfeld") den Preis erhalten. Letzte deutschsprachige Gewinner waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999).

Die Preisträger seit dem Jahr 2000 im Überblick:

2012: Mo Yan (China)

2011:Thomas Tranströmer (Schweden)

2010: Mario Vargas Llosa (Peru/Spanien)

2009: Herta Müller (Deutschland)

2008: J.M.G. Le Clézio (Frankreich)

2007: Doris Lessing (Großbritannien)

2006: Orhan Pamuk (Türkei)

2005: Harold Pinter (Großbritannien)

2004: Elfriede Jelinek (Österreich)

2003: John M. Coetzee (Südafrika)

2002: Imre Kertész (Ungarn)

2001: V.S. Naipaul (Trinidad und Tobago/Großbritannien)

2000: Gao Xingjian (China/Frankreich)