Jugoslawien-Tribunal in Den Haag Aus schwarz und weiß wird grau

Kampf für historische Fairness: In der Frühphase des Jugoslawien-Tribunals lag der Fokus zu einseitig auf den Verbrechen der serbischen Truppen. Die Chefankläger Carla del Ponte und Serge Brammertz betteten die Wahrheitssuche aber in ein differenzierteres Bild ein. Alle Seiten des Konflikts sind inzwischen wohl etwa gleich unglücklich mit der Arbeit des Strafgerichtshofs.

Von Ronen Steinke

Nachdem Goran Hadzic nach Den Haag ausgeliefert wurde, jener Lagerist, der es 1992 zum Statthalter des serbischen Staatschefs Milosevic in Kroatien gebracht hatte, erklärte das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag die Suche nach Kriegsverbrechern für beendet.

Chefankläger Serge Brammertz: "Es war notwendig, eine gewisse Balance herzustellen, um zu zeigen, dass der Konflikt nicht nur schwarz-weiß ist."

(Foto: REUTERS)

Natürlich gibt es noch viele weitere Täter, die unbestraft sind. Viele, die während der Balkankriege mordeten, folterten, vergewaltigten, an Tausenden Tatorten, sind namentlich bekannt. Das Tribunal aber musste sich beschränken. Die langjährige Chefanklägerin Carla Del Ponte erklärte 2001 vor den UN, sie habe zwischen "vielen Tausenden" relevanter Ermittlungsziele auszuwählen.

Nur 161 mutmaßliche Täter wurden am Ende ausgewählt, um die Geschehnisse im ehemaligen Jugoslawien repräsentativ abzubilden. Diese Miniatur ist nun vollständig - und sie soll tatsächlich die historische Wahrheit des Jugoslawienkonflikts darstellen: Weil nur die Wahrheit "den ethnischen und religiösen Hass auswaschen und den Heilungsprozess beginnen" könne, wie die damalige amerikanische UN-Botschafterin Madeleine Albright bei der Gründung des Tribunals im Sommer 1993 sagt. Und weil die klare Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern wahrscheinlich das Beste ist, was ein Tribunal für die Überlebenden tun kann. Es schützt sie damit vor Geschichtsklitterern, die die Opfer von gestern als Lügner diskreditieren wollen.

Fragt sich nur: Wessen Wahrheit? Die Erzählung des Jugoslawienkonflikts, die zwischen Serben auf der einen Seite und Kroaten, bosnischen Muslimen und Kosovo-Albanern auf der anderen Seite bis heute heftig umstritten bleibt, ist nie bloß eine Frage mathematisch zu addierender Opferzahlen gewesen.

Ein Gericht kommt nicht umhin, sich bei der Auswahl zwischen wesentlichen und unwesentlichen Details für ein überwölbendes Verständnis der Geschichte zu entscheiden. Doch genau darin steckt hier die zentrale Schwierigkeit. Wer am Abzug einer Pistole war, lässt sich vielleicht noch klären. Welche Kriegspartei aber welchen Anteil an Schuld auf sich geladen hat und in welchem Umfang sie unter den 161 Personen auf der Anklagebank repräsentiert sein sollte, ist eine Frage, bei der man ohne politische Wertungen nicht mehr ganz auskommt.

Politische Komponente der Täter-Auswahl

Die Ankläger am Jugoslawien-Tribunal haben gut daran getan, aus dieser politischen Komponente ihrer Täter-Auswahl nie einen Hehl zu machen - bis hin zum derzeitigen Chefankläger, dem Belgier Serge Brammertz, mit dem man offen über den wechselhaften Weg sprechen kann, den die "historische Wahrheit" in achtzehn Jahren in Den Haag genommen hat.

"Es ist nicht Aufgabe des Gerichts, die Geschichte des Jugoslawienkonflikts zu schreiben", sagt Brammertz. Dennoch bestehe kein Zweifel daran, dass das Gericht eine wichtige Rolle spiele im Ringen um die historische Deutung. Weshalb ein Ankläger sich stets bewusst sein müsse: Jeder Fall, den er für das Tribunal auswähle, werde vom Publikum als Teil einer Auffassung der Geschichte rezipiert.

In der Frühphase des Tribunals, als der Südafrikaner Richard Goldstone als erster Chefankläger hier wirkte, war das in Den Haag gepflegte Geschichtsbild noch leicht zu erkennen: als westliche Anschauung der Ereignisse. In Bosnien tobte der Krieg, die Nato stellte sich serbischen Truppen entgegen, weigerte sich auf der anderen Seite aber, die brutale Vertreibungskampagne der kroatischen Armee ("Operation Sturm") zu verurteilen. Und in Den Haag zeichnete der UN-Ankläger Goldstone ein Bild, in dem serbische Nationalisten nicht bloß die wichtigsten Aggressoren auf dem Balkan waren, sondern beinahe die einzig erwähnenswerten.

Bilder aus dem Gerichtssaal

Der General und sein Richter