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Antisemitismus:Dieses Buch sollte ein Weckruf sein

Holocaust-Mahnmal in Berlin

Nicht nur virtuell, auch real steigen judenfeindliche Übergriffe und Attacken, Drohungen und Beleidigungen. Im Bild: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

(Foto: picture alliance / Silas Stein/d)
  • Der Sammelband "Neuer Antisemitismus?" setzt sich in kritischen Beiträgen mit Antisemitismus auf linker und rechter Seite auseinander.
  • Er ist ein Beitrag zu einer globalen Debatte, die nicht neu ist - aber in letzter Zeit neue Aktualität erhalten hat.
  • Den Herausgebern gelingt es, ein Gesamtbild aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeichnen, ohne in Alarmismus zu verfallen.

Das Fragezeichen im Titel des Buches "Neuer Antisemitismus?" hätten sich die Herausgeber sparen können. In ihrem Vorwort stellen der Wiener Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici und der in Israel lehrende Soziologe Natan Sznaider fest: "Es gibt einen neuen Antisemitismus, der in den letzten Jahren an Macht gewann. In verschiedenen Städten Europas und der USA wissen sich Juden heute nicht mehr sicher. Dschihadistische Attentate gegen jüdische Institutionen haben zugenommen. Zugleich spielen in einigen Staaten autoritär-populistische Regierungen mit einschlägigen Ressentiments."

In diesem Sammelband finden sich dafür viele aktuelle Beispiele, auch wenn ein Teil der Texte bereits 2004 publiziert wurde. Darin liegt das Besondere dieses Bandes, in dem man wie in einem Werkstattbericht Entwicklungen nachspüren kann. Die noch einmal abgedruckten Beiträge und das von den Autoren eingeforderte Postskriptum sind gleichzeitig Dokumentation, Standortbestimmung und Fortsetzung einer Debatte, die durch politische Entwicklungen neue Aktualität erhalten hat.

Judith Butler sieht BDS als neue solidarische Allianz für mehr soziale Gerechtigkeit

Bei Judith Butler wuchs sich die geforderte kurze Aktualisierung zu einem neuen Essay aus. Dieser Beitrag, der für Diskussionen sorgen wird, geriet zu einem Plädoyer für die Unterstützung der BDS-Kampagne, also der internationalen Boykottbewegung gegen Israel. Die Professorin für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California in Berkeley ruft dazu auf, sich durch BDS - "Boykott, Divestment and Sanctions" - mit der palästinensischen Nationalbewegung zu solidarisieren und so den antirassistischen Kampf voranzutreiben. Ihr Argument: "Der Boykott richtet sich nicht gegen Juden, er zielt nicht auf israelische Bürger. Er zielt auf israelische Institutionen, die über die Macht verfügen, Druck auf die Regierung auszuüben, ihre verwerflichen Gesetze und politischen Maßnahmen bezüglich Palästina zu beenden." Sie sieht BDS als neue solidarische Allianz für mehr soziale Gerechtigkeit.

Den Grund, warum Unterstützung für BDS häufig mit Antisemitismus gleichgesetzt wird, sieht Butler darin, "dass eine neue Definition von Antisemitismus als Antizionismus in den letzten Jahren sowohl in den USA als auch in Europa Fuß gefasst hat". Demnach stelle jede harte Kritik an Israel Antisemitismus dar. Für sie "wird Antisemitismus mittlerweile ausschließlich als eine Waffe aufgefasst, von der man Gebrauch macht, um Kritik an Israel abzuwehren". Sie wirft Israel Doppelzüngigkeit vor und verweist in diesem Zusammenhang mehrfach auf Steve Bannon, den früheren rechten Mitstreiter Donald Trumps: "Das Netanjahu-Regime kann Steve Bannon, der auf der Website Breitbart Nazis einen Diskussionsort bot, verzeihen, weil er ein erklärter Zionist ist."

Der 2010 verstorbene Tony Judt sezierte in seinem Beitrag die Unterschiede zwischen Antisemitismus und Antizionismus - also Feindschaft gegen Juden und Feindschaft gegen den jüdischen Staat. Er bezeichnet es als falsch, "dass in Europa Antizionismus und Antisemitismus synonym geworden" seien. In den USA dagegen dominiere die Einstellung, dass "antizionistische Haltungen in ihrem Ursprung antisemitisch sein müssen". Es werde kein Unterschied gemacht, ob jemand "gegen Israel" oder "gegen Juden" sei. "Tatsächlich ist der Graben, der Europäer von Amerikanern im Hinblick auf den Nahostkonflikt trennt, heute eines der größten Hindernisse für ein transatlantisches Einvernehmen", schrieb Judt.

Fast fünfzehn Jahre später würde man gern wissen, wie der amerikanische Historiker, der mit seinem Buch über die "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart" ein Standardwerk verfasste, heute das Verhältnis zwischen Europa und den USA einschätzt. Und was hätte er wohl über Trump geschrieben?