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BDS in der Kulturszene:Hauptsache, dagegen

04 06 2018 Berlin Deutschland GER der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ISR zu Bes

BDS-Protest in Berlin beim Netanjahu-Besuch im Juni 2018.

(Foto: Imago/Stefan Zeitz)
  • Das anti-israelische Netzwerk BDS nimmt in der deutschen Kulturszene zunehmend Platz ein.
  • BDS steht für Boykott, Abzug von Investitionen und Sanktionen. Statt auf politische Lösungen setzt das Netzwerk auf medienwirksame Coups.
  • Die Kernfrage lautet: Ist BDS wirklich nur israelischkritisch, wie Aktivisten selbst beteuern, oder antisemitisch?

Lizzie Doron ist eine von Neugier getriebene Schriftstellerin. Mit eigenen Augen wollte sie sehen, was die Besatzung des Westjordanlandes mit den Palästinensern macht. So pendelte die jüdisch-israelische Autorin drei Jahre von Tel Aviv, wo sie lebt, ins Westjordanland, das ihr fremd war, und quartierte sich zwei Tage pro Woche bei einer palästinensischen Familie ein. Dann hatte sie Stoff für ihr Buch und auch einen Titel: "Sweet Occupation", süße Besatzung.

Doron rief ihre Verlegerin an. "Weißt du was? Ich bin nicht mehr nur in meiner eigenen Geschichte verhaftet, ich habe eine Geschichte über die anderen geschrieben." Über die anderen? Die Verlegerin war befremdet. "Lizzie, das geht nicht, du bist die Ikone des Holocaust. Du musst über den Holocaust schreiben, das erwarten deine Leser. Ein Buch über Palästinenser kann ich in Israel nicht veröffentlichen." Bis heute gibt es Dorons Buch nicht auf Hebräisch und auf Arabisch auch nicht.

Das Logo von BDS hat ein Zeichner entworfen, der Israelis gern mit Hakennase malt

Spätsommer 2018. Lizzie Doron sitzt in der Kulturbrauerei in Berlin, weit weg von den besetzten Gebieten. Zusammen mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer soll sie diskutieren, Thema: Boykott von Kulturveranstaltungen. BDS, das weltweite anti-israelische Netzwerk, hat zur Ächtung eines Popkulturfestivals aufgerufen, weil dort auch israelische Künstler auftreten, deren Flugtickets von der Kulturabteilung der israelischen Botschaft bezahlt wurden.

Im Publikum sitzen junge Menschen, Spanier, Palästinenser, jüdische Israelis, ältere Briten. Sie lassen Doron nicht ausreden. Sie sei eine "Unterstützerin des israelischen Besatzungsregimes". Sie brüllen im Namen von BDS. Dass Doron drei Jahre lang bei Palästinensern gelebt hat? Tut nichts zur Sache.

Das Kürzel BDS steht für Boycott, Divestment and Sanctions, zu Deutsch: Boykott, Abzug von Investitionen und Sanktionen. BDS ist ein Zusammenschluss von 171 Initiativen und Gruppen, im Juli 2005 gegründet, ein Jahr nach dem Urteil des Internationalen Gerichtshofs, wonach Israels Trennmauer illegal ist und "unverzüglich" abgebaut werden müsse. Das Logo von BDS ist ein Strichmännchen namens Handala. Die populäre Comicfigur hat ein palästinensischer Zeichner erfunden, in dessen Geschichten jüdische Israelis mit Hakennase dargestellt werden. Sie verführen arabische Frauen und können nur durch Maschinengewehre gestoppt werden.

Der Bewegung gehören palästinensische Frauengruppen an, NGOs, Flüchtlingsorganisationen, politische Parteien, Linke, Religiöse - es ist ein schwer durchschaubares Geflecht. Die 171 Gruppen fordern ein Ende der israelischen Besatzung, Gleichheit für die palästinensischen Bürger Israels und ein Rückkehrrecht für alle palästinensischen Flüchtlinge. Vorbild für BDS ist die Anti-Apartheid-Bewegung gegen Südafrikas rassistisches Burenregime in den Achtzigerjahren. BDS-Anhänger bezeichnen Israel als Apartheidstaat - dass Araber in Israel hochrangige Posten an Gerichten und Universitäten innehaben, in Krankenhäusern jüdische und arabische Ärzte gemeinsam jüdische und arabische Patienten versorgen und in der Knesset Vertreter arabischer Parteien sitzen, ändert daran nichts.

Die BDS-Forderung nach einem Rückkehrrecht für alle Palästinenser bedeutet, dass dies auch für deren Kinder, Enkel, Urenkel gelten würde. Die Palästinenser wären dann in der Mehrheit, der jüdische Staat Israel am Ende, so die Sorge vieler Israelis. In seiner Gründungserklärung fordert BDS, "die Besetzung und Kolonisation allen arabischen Landes" zu beenden. Sind mit "allen arabischen Landes" die Grenzen von 1948 oder die nach dem Sechstagekrieg 1967 gemeint? In seiner internationalen Erklärung bleibt BDS in diesem Punkt unklar.

Ist BDS wirklich nur israelischkritisch oder antisemitisch?

Der Abend in der Kulturbrauerei endet unversöhnlich. Über eine Stunde brüllen sich die Kontrahenten gegenseitig an. Der israelische Regisseur Udi Aloni, der sich für BDS engagiert, wirft den Veranstaltern vor, dass sie keinen palästinensischen Vertreter eingeladen haben. Die Organisatoren des Festivals hatten Künstler gebeten, an dem Podiumsgespräch teilzunehmen, die BDS unterstützen und das Festival boykottiert haben - doch niemand sagte zu. Als der Kultursenator BDS "strukturellen Antisemitismus" unterstellt, gerät Aloni in Wut. Wie Lederer ihn, den Sohn von Holocaustopfern, als Antisemiten bezeichnen könne? Die Veranstaltung wird abgebrochen.

Ein paar Tage später gibt es in Bochum eine Diskussion über die "Freiheit der Künste", nachdem ein Streit um die Ruhrtriennale eskaliert war. Die Intendantin der Ruhrtriennale, Stefanie Carp, hatte die schottische Pop-Band Young Fathers zunächst ein-, dann aus- und schließlich wieder eingeladen, weil die Band die BDS-Kampagne unterstützt haben soll. Spätestens da war unübersehbar, wie sehr der Streit um BDS die deutsche Kulturlandschaft polarisiert, ja, dominiert. Und es stellten sich Fragen: Hat dieses Wechselspiel aus Boykott und Gegenboykott etwas mit der deutschen Geschichte zu tun, oder ist es die Verlagerung des Nahostkonflikts nach Deutschland? Ist BDS wirklich nur israelischkritisch, wie Aktivisten selbst beteuern, oder antisemitisch?

Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, hat zur zweiten Frage eine klare Meinung: "Wer wie BDS das Existenzrecht Israels abstreitet und die israelische Politik mit den Nazis gleichsetzt, der übt keine legitime Kritik an Israel mehr, sondern agiert im Kern antisemitisch." Diese offizielle Haltung haben sich inzwischen Städte wie Berlin, Frankfurt und München zu eigen gemacht. Sie stellen Veranstaltern keine Räume mehr zur Verfügung, bei denen für die Forderungen von BDS geworben werden könnte. Inzwischen, das zeigt der Fall der Ruhrtriennale, reicht schon der Verdacht, jemand könne mit BDS sympathisieren, um im Abseits zu landen.