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In Imre Kertész' Buch "Der Betrachter" kann man die Gedanken eines Menschen lesen, der unerschrocken in Abgründe blickt. Eine Wiederentdeckung.

Von Johanna Adorján

In Imre Kertész' Buch "Der Betrachter", seine Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1991 bis 2001, heißt es auf Seite 191: "Ich weiß nicht, wann in der Geschichte des Menschen das Katastrophengefühl nicht allgegenwärtig gewesen wäre. Gab es eine solche Zeit? Die Bibel erzählt ständig von der Katastrophe, und im Wesentlichen geht es auch in Kunst und Philosophie darum. Der Mensch hat Angst, und seine Angst ist berechtigt und begründet."

Kein beruhigendes Zitat, und dennoch beruhigt es. Dann ist es am Ende etwas ganz Natürliches, über den offenbar immer schon bevorstehenden Untergang der Welt, wie wir sie kennen, unglücklich zu sein.

Es ist überhaupt ein großes Geschenk, dass Kertész seine Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht hat. Hier kann man die Gedanken eines Menschen lesen, der unerschrocken in Abgründe blickt, seien diese nun politischer, gesellschaftlicher oder grundsätzlich menschlicher Natur. Eine Selbsterforschung ist es auch. Lange fühlte sich Kertész, der Jahrzehnte in Ungarn schrieb, ohne gelesen zu werden, als Schriftsteller nicht wertgeschätzt, und als der Erfolg schließlich kam, ihn aufstöberte in seiner abgeschiedenen Budapester Konzentration, brachte er nicht die ersehnte Erfüllung, sondern weckte neue Zweifel. Auch von diesen ist in diesem Band die Rede, das allerdings endet, bevor der Literaturnobelpreis über ihn hereinbrach.

Kertész ist kein sentimentaler Tagebuchschreiber. Er glaubt nicht an Versprechen, braucht keine Hoffnung, begreift Leiden als einzige Realität im Leben. Und ist doch letztlich davon überzeugt, dass nur die Liebe einen retten kann. Oder anders: dass die Liebe einen retten kann. Diese Erkenntnis, die erst spät in sein Leben kommt (in Gestalt seiner zweiten Frau, im Buch "M." genannt) blitzt in diesem Buch nur auf. Größtenteils handelt es von den schweren Themen des 20. Jahrhunderts. Kertész zufolge hat Gott die Welt da schon verlassen. Er sei im Jahrhundert zuvor gestorben. "Er hinterließ noch einen Stern, der sein scheidendes Licht auf die Erde streute, dann verschwand zu Beginn des Jahrhunderts auch dieser. Es wurde dunkel. Die Schönheit erlosch."

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© SZ/hert
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