Jazz in Deutschland:Wer entscheidet, was guter Jazz ist?

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Von einer solch schlechten Finanzausstattung ist jedoch nicht nur der Jazz, davon sind fast alle zweckfreien, zeitgenössischen Kunstformen betroffen. Hier lässt die öffentliche Hand in der Bundesrepublik eine unverständlich große Lücke. Tatsächlich besteht keine Balance zwischen der Förderung unseres kulturellen Erbes und der Förderung neuer Kunstformen. So stehen den 84 Opernhäusern in Deutschland gerade einmal vier kommunal unterstützte Spielstätten gegenüber, die überwiegend Jazz und Improvisierte Musik veranstalten können.

Damit ist die Forderung nach einer besseren finanziellen Ausstattung für den Jazz auch nicht ein bloßes Schielen nach öffentlichen Subventionen, sondern berührt die grundsätzliche Frage, wo und warum die öffentliche Hand korrigierend in Markt-Prozesse eingreift, und wo und warum sie es unterlässt. Sollte der Tag kommen, an dem mehr Geld in das System Jazz fließt, bleibt eine weitere Frage unbeantwortet: Wer entscheidet, was guter Jazz ist, was also gefördert werden soll, und was nicht? Die Tatsache, dass jemand ein Instrument beherrscht und gerne vor Publikum auftritt, rechtfertigt noch lange nicht den Anspruch, dafür auch öffentlich alimentiert zu werden.

Hier greift nur ein sehr komplizierter Mechanismus, der Jahre benötigt, um funktionieren zu können. Wie es geht, haben uns die skandinavischen Länder, und hier vor allen Dingen Norwegen, vorgemacht. Mit ihrem Vermittlungsprojekt "Kulturelle Skolesekken" (Kultur-Rucksack), mit dem Kinder und Jugendliche regelmäßig über die Schulzeit verteilt von professionellen Künstlern mit allen Formen künstlerischen Schaffens spielerisch in Berührung gebracht werden, ist ein Publikum herangewachsen, das gelernt hat, künstlerische Codes zu entschlüsseln und zu unterscheiden, was gute Kunst und was sehr gute Kunst ist.

Dies hat inzwischen auch die Politik in Deutschland erkannt und beginnt zu reagieren. Ebenfalls positiv ist, dass immer mehr Musiker ihren Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe und Akzeptanz formulieren. In den USA haben immer mehr Musiker erkannt, dass Jazz eigentlich der ideale Soundtrack der Occupy-Bewegung ist. Und auch hier in Deutschland formiert sich eine neue Generation von Jazzmusikern, die pragmatisch und frei von Ressentiments sind.

Diese Musiker, von denen die besten auf Augenhöhe mit der Weltspitze agieren, könnten zu einem entscheidenden Faktor für eine Neubewertung des Jazz in Deutschland werden. Und diese Musiker werden all den Städten, die ein Opernhaus betreiben, zu Recht die Frage stellen, ab wann sie bereit sind, sich auch für die Entwicklung des Jazz und der Improvisierten Musik einzusetzen.

Der Autor ist künstlerischer Leiter des Moers-Festival und Programmchef im Kölner "Stadtgarten".

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