"Lost Berlin Tapes" von Ella Fitzgerald:Ein Tisch ganz vorne für Marilyn

Marilyn Monroe with Ella Fitzgerald

Ella Fitzgerald und Marilyn Monroe bei einem Jazzkonzert im Tiffany Club in Hollywood.

(Foto: Bettmann/Bettmann Archive)

Ein wiederentdeckter Konzertmitschnitt aus Berlin zeigt, dass der Jazz von Ella Fitzgerald vor allem eines war: die Musik des Fortschritts und der Moderne.

Von Andrian Kreye

Es gibt zu dem neulich erschienenen Album mit der Aufnahme eines Ella-Fitzgerald-Konzertes im Berliner Sportpalast eine Anekdote, die ganz gut beschreibt, warum Jazz immer eine Musik der Zukunft war. Auch wenn man jetzt zwischen den Jahren hin und wieder das Gefühl bekommt, es handele sich da um eine musikalische Antiquität. Es stimmt ja auch, dass in den Tagen, in denen Louis Armstrongs "Winter Wonderland" und Ellas "Sleigh Ride" rechtzeitig für Silvester von Frank Sinatras "My Way" und Dinah Washingtons "Drinking Again" abgelöst werden, Jazz ähnlich wie Eames-Möbel und Cocktails aus Kristallschalen lediglich die Aufbruchsstimmung des amerikanischen "Midcentury Modern" beschwört.

Für das Designbürgertum ist das die rein ästhetische Abgrenzung zum Lebkuchen- und Sektkübel-Mief der eigenen Kindheit. Wobei die Jazz-Moderne in diesen Tagen gar kein so schlechter Eskapismus wäre, um sich auf die Zeit vorzubereiten, wenn die Welt nicht mehr stillsteht. Denn gerade die Vorgeschichte zu den "Lost Berlin Tapes" aus dem März 1962, denen man heute noch anhört, wie die Sängerin nur mit einem Trio einen Konzertsaal in Bestlaune trieb, in den bis zu zehntausend Leute passten, zeigt, dass Jazz immer auch der Soundtrack des Fortschritts war.

Nur sieben Jahre vor dem Konzert im Sportpalast hatte Ella Fitzgerald ein relativ leidliches Auskommen mit ersten Schallplattenaufnahmen und Tourneen, die sie vor allem durch die Jazzclubs des Landes führten. Sie wollte aber mehr. Zum Beispiel im Mocambo auftreten, dem Nachtclub auf dem Sunset Boulevard in West Hollywood. Charles Morrison hatte Anfang der Vierzigerjahre den Filmausstatter Tony Duquette engagiert, der das Lokal mit dem unerhörten Budget von hunderttausend Dollar in einen Glamourtempel im damals so beliebten Exotika-Stil verwandelte, mit einer Bühne, auf der eine ganze Big Band Platz fand, Dschungel-Deko und Glaskäfigen mit lebendigen Papageien und Tropenvögeln. Humphrey Bogart und Lauren Bacall gehörten zu den Stammgästen, Charlie Chaplin, Grace Kelly und Errol Flynn. Wer hier auftrat, war danach offiziell ein Star.

Ella Fitzgerald war "nicht glamourös" genug - Code für "zu fett"

Die New Yorker Jazzsängerin mit der mächtigen Stimme wollte Morrison allerdings nicht haben. Das hatte nichts mit ihrer Hautfarbe zu tun, wie es später hieß. Eartha Kitt hatte die sogenannte "color barrier" im Mocambo 1953 gerissen. Nein, er fand Ella Fitzgerald "nicht glamourös" genug. Das war Code für "zu fett". Nun hatte Ella Fitzgerald jedoch eine Freundin mit viel Macht und Einfluss in Hollywood, die solche frauenfeindlichen Allüren der Herrenriegen nicht abkonnte.

1954 hatte Fitzgerald sich während eines Gastspiels im Tiffany Jazzclub mit Marilyn Monroe angefreundet. Die war ein Fan. Ihr Gesangslehrer Phil Moore hatte ihr mal als Hausaufgabe aufgetragen, sich hundert Mal hintereinander Platten von Ella anzuhören. Das war in der Zeit, als sie noch als Model arbeitete. Für eine Fotosession der Zeitschrift Life hatten sie ihre Gesangsstunde sogar mal ins Mocambo verlegt und Morrison kennengelernt. Als Superstar war sie dann sowieso gern gesehener Gast, weil sie in der Regel eine ganz Kohorte Fotografen und Klatschreporter im Schlepptau hatte. Das war auch das Argument, mit dem sie Morrison davon überzeugte, Ella Fitzgerald anzuheuern. Sie würde dafür sorgen, dass der Club bei den Auftritten mit Stars gefüllt sei. Die Garantie für gute Presse.

Morrison gab nach. Und so kamen sie. Am ersten Abend schon waren Frank Sinatra und Judy Garland im Publikum. Als Ella Fitzgeralds Engagement zehn Tage später zu Ende ging, war der Gig der Wendepunkt in ihrem Leben. Später erinnerte sie sich: "Ich schulde Marilyn Monroe wirklich etwas. Sie rief persönlich den Besitzer des Mocambo an und sagte ihm, er solle mich sofort buchen, und wenn er das tun würde, würde sie jeden Abend einen vorderen Tisch nehmen. Sie sagte ihm - und es stimmte, aufgrund von Marilyns Superstar-Status -, dass die Presse verrückt spielen würde. Der Besitzer sagte Ja, und Marilyn war da, am vordersten Tisch, jeden Abend. Die Presse drehte durch. Danach musste ich nie wieder in einem kleinen Jazzclub spielen. Sie war eine ungewöhnliche Frau - ihrer Zeit ein wenig voraus. Und sie wusste es nicht."

Selbst wenn sie Standards sang, holte sie die Musik in den Strophen zurück in die Moderne

Fitzgeralds Karrieresprung im Mocambo, ihre Konzerte in großen Sälen und Hallen und ihre Vorstöße in den Pop, wie in der "Tom Jones Show" oder mit ihren Covern von Rockhits, gehörten zu den Gründen dafür, dass der Modern Jazz, für den sie stand, heute so vertraut und deswegen auch altmodisch klingt. Dabei war sie keineswegs so konservativ wie etwa Louis Armstrong, der sich in der Popstar-Phase seines Lebens durchaus zügeln konnte. Oder Frank Sinatra und Sammy Davis Jr., die den Jazz in Las Vegas für die Massen mit einem Glamour aufpumpten, der sehr weit weg war von den intellektuellen Widerständen, die der Modern Jazz zu der Zeit aufbaute.

Ella Fitzgerald reservierte der eigentlichen Moderne einen festen Platz in der Popkultur. Selbst wenn sie Standards sang wie "Cheek to Cheek", "Manhattan" oder auch "Mack the Knife" aus der "Dreigroschenoper", das zu einer Art Erkennungsmelodie für sie wurde, holte sie die Musik in den Strophen zurück in die Moderne. Wie nur wenige konnte sie nur mit ihrer Stimme in den Scat-Passagen mit den Feuerwerken der Musiker ihrer Zeit mithalten. Wenn sie über "How High the Moon" improvisierte, explodierte ihre Linienführung mit derselben Radikalität wie bei Charlie Parker und Dizzy Gillespie.

Das war die Musik, die der Essayist und Kritiker Stanley Crouch mit den Worten beschrieb: "In der Musik spiegelte sich das industrielle Selbstbewusstsein der Kultur wider, die Wolkenkratzer errichten konnte. Die Energie, die die Schienen legte, die U-Bahnen grub, die Auto um Auto von den Fließbändern rollen ließ, die die amerikanische Nacht erhellte. Es war der Klang von Stahl, Elektrizität und Beton, die zu Lyrik wurden."

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