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Neuaufnahme von "Tea for the Tillerman":So sehr bei sich

Yusuf Cat Stevens

Ganz bei sich selbst und in der Metropole Dubai angekommen: Yusuf Cat Stevens.

(Foto: Universal Music)

Yusuf Cat Stevens lebt seit zehn Jahren in Dubai. Er arbeitet dort an einem Kinderbuch, seiner Biografie - und jetzt auch am Erbe seiner großen Jahre. Ein virtueller Besuch am Golf.

Von Andrian Kreye

Yusuf Cat Stevens erzählt gerade von seiner neuen Platte, die eine sehr alte Platte ist, weil er "Tea for the Tillerman" nach fünfzig Jahren einfach noch mal eingespielt hat, wie wichtig diese Musik ihm und sehr vielen anderen war und warum sie heute wieder so relevant ist, als die Ente quakt. Irgendein Kreischvogel antwortet. Dann ist kurz Stille in der Leitung. Enten? "Ja. Wir haben hier Enten", sagt er. "Und Möwen und Elstern. Wir sehen hier auch ein wenig vom Wasser. Das ist sehr angenehm hier."

Seit zehn Jahren lebt Yusuf Cat Stevens schon in einer Villa in Dubai, und wenn man ihm so zuhört, klingt es, als sei er in einem Schmelztiegel-New-York der Zukunft gelandet. "Dubai ist sehr, sehr vielfältig", sagt er. "Die Bevölkerung besteht vielleicht aus 300 000 Einheimischen. Die restlichen drei Millionen kommen aus aller Welt." Man könne hier wunderbar sein Leben leben. Man hört solche Schwärmereien über die Supermetropole inzwischen von Nigeria bis Indonesien in vielen Gegenden der Welt, wo der Business-Class-Islam-Lifestyle des Stadtstaates vor allem für Moslems so etwas wie der alte amerikanische Traum von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten ist. Er habe hier eine der produktivsten Phasen seines Lebens, sagt Yusuf Cat Stevens auch noch.

Sein Alltag: Jeden Morgen neigt er sich zum Gebet. Dann springt er in den Pool. Frühstück. Wieder Gebet. Dann arbeitet er. Für seine wohltätige Organisation, die "Peace Train"-Spielplätze baut. An seinem Kinderbuch. An seiner Autobiografie. An seiner Musik.

Und dann kam die Geschichte mit seiner Tochter Hasanah

Als er noch Yusuf Islam hieß, hatte er es als Moslem in seiner Heimatstadt London nicht leicht. Nach Amerika wollten sie ihn nach den Anschlägen des 11. September erst gar nicht einreisen lassen, aber auch in England waren sie auf Männer mit langem Bart, Kaftan und Gebetskappe nicht gut zu sprechen. Selbst wenn sie früher mal Superstar waren. Und dann kam die Geschichte mit seiner Tochter Hasanah. "Sie wollte eigentlich nur Geld auf die Bank bringen. Sie ist in London geboren, sie ist weiß, blauäugig, blondhaarig. Aber sie hatte einen Schal um, und deswegen rief die Dame in der Bank die Polizei, wegen einer kleinen Falte in ihrem Ausweis. Sie kamen und nahmen sie für etwa drei Stunden fest. Seither leidet sie unter Panikattacken." Da stand für ihn die Entscheidung fest.

Für einen, der die Stimme der Sinnsuchergeneration war, ist Yusuf Cat Stevens mit 72 Jahren erstaunlich sehr bei sich und der Welt angekommen. Es gab ja neben den vielen Hoffnungen auf den Frieden, die Liebe und den Anbruch neuer Tage doch immer ziemlich viele Fragen und Zweifel in seinen Songs. Wo sollen die Kinder noch spielen? Wie erklär' ich's meinem Sohn? Warum hat Lady D'Arbanville einen so ruhigen Schlaf?

Wenn man sich als Teenager gerade auf die Suche nach der eigenen Männlichkeit gemacht hatte, als Cat Stevens mit seinen Samtaugen durch Sportstadien und Fernsehstudios zog, waren solche Lieder ein Problem. Die Siebzigerjahre waren eigentlich die Zeit, als Männer wie Jimmy Page, Tony Iommi und Ritchie Blackmore ihre Gitarren wie Sturmgewehre behandelten. Cat Stevens Gitarrenläufe perlten aber eher wie Blumengirlanden aus seinen Liedern, die auch noch die Nebenwirkung hatten, dass man sie nicht mehr aus dem Kopf bekam. "Morning has bro - ken". "Lala Lala Lalala La La, Laha". Dazu konnte man vielleicht Vanilletee trinken und mit Patchoulistäbchen wedeln, aber keinesfalls an Mofas rumschrauben, Zigaretten rauchen und über Charles-Bronson-Filme reden, oder was man sonst noch so für Mannsein hielt.

Irgendwann war Cat Stevens dann weg. Das fiel nicht weiter auf, weil seine Lieder blieben. Er rührte jahrelang kein Instrument mehr an, weil er als Konvertit den Islam sehr streng auslegte. Er leitete damals sogar alle Tantiemen für Songs, die Sünden wie Ehebruch und Lust beschworen, direkt an Spendenkonten weiter.

Cat Stevens Wearing Leather Jacket; Cat Stevens

honorarfrei als Pressefoto

Samtaugen, die die ganze Welt betörten: Cat Stevens in Superstarzeiten.

(Foto: Shepard Sherbell/Corbis via Getty Images)

Es sollte bis in die späten Neunzigerjahre dauern, bis man sich wieder an ihn erinnerte. Zu der Zeit entwickelte der Filmregisseur Wes Anderson als Erster so etwas wie eine heterosexuelle Camp-Ästhetik. Er war ein Meister darin, fast schon vergessener Popkultur als ironischem Kitsch eine neue Aura des Cool zu verleihen. Vor allem in den Soundtracks seiner Filme, die Namen wie Peter Sarstedt, Emitt Rhodes oder eben Cat Stevens zurück in den Pop-Pantheon holten.

Bald darauf tauchte Stevens mit dem neuen Vorvornamen Yusuf auch selbst wieder auf. Er ging auf Tour, nahm neue Platten auf, auch wenn nichts dabei war, was im Ohr geblieben wäre. Nicht einmal das Album, das er mit dem genialischen Rick Rubin aufnahm. Deswegen erinnert Yusuf Cat Stevens die Welt in diesem vermaledeiten Seuchenjahr 2020 daran, dass es mal eine Zeit gab, in der man unbeschwert zusammen Vanilletee trinken, Räucherstäbchen anzünden und seine Lieder mitsingen konnte.

"Ich schaue auf jemanden wie Greta Thunberg und sage: Gott sei Dank, wir haben Kinder, die ein Bewusstsein entwickelt haben."

Deswegen also noch mal "Tea For The Tillerman", das er mit erstaunlich unverbrauchter Stimme noch einmal singt. Ein großer Vorteil des Islam ist für einen Rockstar in fortgeschrittenem Alter ja, dass man sich die Stimme nicht mit Alkohol, Tabak oder anderen Substanzen ruiniert hat, die über die Atmungsorgane eingeführt werden. Es kommen die Tage außerdem noch große Geschenkschachteln mit allen möglichen Zusatzaufnahmen und Bilderbüchlein dazu, auch für das Album "Mona Bone Jakon". Mit den beiden Schallplatten begann 1970 seine zweite Laufbahn (an seine erste Laufbahn mit den Beat-Schlagern, Rüschenhemden und toupierten Haaren erinnert sich wirklich nur noch Wes Anderson). "Das ist ja alles 50 Jahre her, als wir das gemacht haben. Es war eine dieser ziemlich mysteriösen Zeiten, wo die Dinge einfach passierten. Man hatte das nicht wirklich unter Kontrolle und wusste nicht, was sich aus dem, was im Studio passierte, tatsächlich entwickeln würde. Aber am Ende wurde es ein ziemliches Meisterwerk."

Hört man sich das mit dem Abstand der Jahrzehnte an, fällt einem vor allem auf, wie präzise Cat Stevens damals nicht nur die Sinnsuchereien, sondern auch den Optimismus seiner Zeit auf den Punkt brachte. In den manchmal so betulichen Melodien. Und in den Texten. Gleich am Anfang von "Father and Son" heißt es, "entspann dich, nimm's leicht". Und sein vielleicht größter Hit "Peace Train" beginnt mit den Zeilen: "Ich war in letzter Zeit so glücklich, wenn ich an die guten Dinge denke, die da kommen."

Ist das im Jahr 2020 nicht Kitsch und Eskapismus? Ist er selbst denn noch so hoffnungsfroh, wie das auf diesen beiden Platten klingt? "Ich bin ein ewiger Optimist", sagt er. "Ich denke, dass viele Kinder mit einer gewissen Skepsis aufgewachsen sind. Aber ich schaue auf jemanden wie Greta Thunberg und sage: Gott sei Dank, wir haben Kinder, die ein Bewusstsein entwickelt haben und die Welt zum Zuhören bringen."

Es fällt einem natürlich auch etwas leichter, Optimismus zu bewahren, wenn man im Lockdown morgens bei 25 Grad und Sonnenschein im Garten einer Villa in den Pool springt. Er lacht. "Das hilft wirklich, denn diese Art von 'Morning has broken' jeden Tag ist ein wunderbares Gefühl. Klar, auch hier gibt es Einschränkungen, aber jeder scheint sich an die Regeln zu halten. Ich denke, das ist eine gute Sache. Ich glaube, das Problem in den USA ist, dass die Leute so daran gewöhnt sind, ihre Freiheit zu haben, zu tun, was sie wollen, wie es ihnen passt. Das funktioniert nicht, wenn ein Virus wie dieser umgeht, dann muss man sich einschränken." Aber war das nicht die lange und hart erkämpfte Errungenschaft, all diese Freiheiten? Hat nicht gerade seine Generation in diesem Kampf große Sprünge gemacht? Ja schon, sagt er. "Freiheit ist großartig. Aber dann muss man die Freiheit mit Verantwortung nutzen. Wenn man das nicht tut, dann missbraucht man seine Freiheit."

© SZ/biaz
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