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Jazzkolumne:Die wichtigsten Jazz-Alben des Jahres

Jazzcover

Nubya Garcia: "Source".

(Foto: Concord)

Von Nubya Garcia über die "Irreversible Entanglements" bis zu "Fette Hupe" und, nach geplantem Verriss, doch: Pat Metheny. Eine sehr subjektive Bestenliste.

Von Andrian Kreye

Spätestens im Herbst wurde einem als Jazzhörer mit aller wolkengrauen Schwere klar, dass man sich für eine Kunst begeistert, die vor allem vom Moment des Entstehens lebt. Zum Glück gab es eine ganze Flut grandioser Platten. Vor allem rhythmisch brach noch mal sehr viel weiter auf. Und wie jedes Jahr bleibt vieles außen vor, wenn man sich beim Rückblick auf zehn Alben beschränkt. Durchbruch-Alben, die von Konzerten flankiert ihre ganze Wirkung entfaltet hätten, wie das Kaleidoskop der Global Beats der Tenorsaxofonistin Nubya Garcia auf "Source" (Concord) oder der unfassbar dichte Funk der Band Butcher Brown auf "#KingButch" (Concord). Alben aus Städten, die man gerne besucht hätte, weil sie gerade ihren eigenen Weg finden wie Johannesburg (Ndabo Zulu, Linda Sikhakhane, Asher Gamedze, Thandi Ntuli) oder Chicago (Jeff Parker, Makaya McCraven, Matana Roberts). Deswegen gilt auch dieses Jahr die Maxime der objektiven Betrachtung der subjektiven Wahrnehmung, also: Was blieb im Stapel vor dem Plattenspieler, was rotierte in den Playlisten des privaten Streams? In alphabetischer Reihenfolge:

Christian Scott aTunde Adjuah: "Axiom" (Ropeadope). Wenige Tage vor dem Lockdown in New York spielte der Trompeter mit seiner Band noch ein Live-Set, das auch als Aufnahme enorme Wucht entwickelt.

Fette Hupe: "Modern Tradition" (Berthold). Eine der besten zeitgenössischen Big Bands arbeitet in Hannover. Fette Hupe haben einen Zusammenhalt, mit dem das Orchester einen Schwebezustand erreicht, den sonst nur sehr Erleuchtete und Gurus hinkriegen.

Irreversible Entanglements: "Collective Calls" (International Anthem). Nicht einmal der Hip-Hop brachte die Wut der "Black Lives Matter"-Generation so heftig auf den Punkt wie das Kollektiv der Lyrikerin Moor Mother aus Philadelphia.

Cover Jazzkolumne

Jyoti: "Mama, You Can Bet!".

(Foto: Someothaship)

Jyoti: "Mama, You Can Bet!" (Someothaship). Unter dem Pseudonym Jyoti produziert Georgia Anne Muldrow sehr persönliche Musik. Auf dem dritten Alben unter dem Künstlernamen, den ihr einst Alice Coltrane gab, geht es um Mutterrollen. Durch alle Generationen durchdekliniert. Musikalisch sind Jyoti-Alben dafür eine Art "State of the Union" des amerikanischen Jazz jenseits von New York. Groovy. Woke. Hip. Alles ganz buchstäblich.

Nduduzo Makhathini: "Modes of Communication" (Blue Note). So viel Inbrunst und Freiheit in einem großen Kollektiv kommt nicht aus dem Nichts. In der südafrikanischen Heimat hat der Pianist Nduduzo Makhathini schon acht Alben veröffentlicht. Alle sind grandios. Die erste internationale Platte ist ein später, aber guter Einstieg.

Pat Metheny: "From this Place" (Nonesuch). Zugegeben, für das Album war Anfang des Jahres ein Verriss in Vorbereitung. Diese Streicher! Dieser Liebreiz! Dieses Pathos! Aber dann kam der Lockdown und das alles wirkte plötzlich so vertraut besänftigend. Und irgendwann entdeckte man in den Klangwolken eine hochmoderne Ästhetik, die an der Avantgarde geschult ist und zwei sich sonst so fremde Welten miteinander versöhnt.

Kamaal Williams: "Wu Hen" (Black Focus). Keiner hat den großen Kosmos der Londoner Club-Beats immer wieder so konsequent auf die Besetzung eines Jazzquartetts übertragen wie der Keyboarder Kamaal Williams. Live sowieso mit Hochdruck. Aber auch im Studio gelingt ihm das mit jedem Album besser.

Evan Parker, Paul Lytton: "Collective Calls (Revisited)". Zwei englische Free-Jazz-Legenden zeigen, dass man sich auch in der vollkommenen Freiheit weiterentwickeln und einander immer noch Neues zu sagen haben kann.

Chip Wickham: "Blue to Red" (Lovemonk). Flöte und Harfe? Zwei der schwierigsten Instrumente im Jazz, aber auf diesem Album meistert Chip Wickham das mit der Harfenistin Amanda Whiting vor allem im Zusammenspiel mit Dan Goldmans hartem Fender-Rhodes-Piano im Groove des Spiritual Jazz.

Immanuel Wilkins: "Omega" (Blue Note). Der Altsaxofonist Immanuel Wilkins ist zwar noch sehr jung, aber er hat den Ideenreichtum eines Veteranen. Weil er den im Quartett-Rahmen mit großer Eleganz und Leichtigkeit ausstößt, ist "Omega" ganz einfach ein fantastisches Modern-Jazz-Album, dem man erst beim mehrmaligen Hören anmerkt, wie viele Grenzen es überschreitet.

Ach ja, die Archiventdeckungen. Gehören auch dazu:

Ella Fitzgerald: "The Lost Berlin Tapes", (Verve). Ella in Bestform und allerbester Laune.

Jazzcover Kolumne

Jazzcover Kolumne

(Foto: Label)

Ron Jefferson Choir (Sam). Minimalismus aus Paris. Schlagzeuger Jefferson kam 1965 gerade aus Afrika zurück und entwickelte im Trio ein Rhythmusgefühl, das Spiritual Jazz und Hip-Hop voraussah. In einer der Liebhabereditionen des Ein-Mann-Vinyl-Labels Sam Records, das Frederic Thomas als non-profit betreibt. Viel zu cool für Spotify.

Thelonious Monk: "Palo Alto" (Impulse). Jazz an einem Sonntagnachmittag. Der Bebop-Pionier im Umbruchsjahr 1968 in einer High-School-Aula, in die ihn ein naseweiser Teenager gelockt hatte.

Charles Tolliver: "Impact" (Pure Pleasure). Das Music-Inc.-Ensemble des wegweisenden Trompeters mit wunderbaren Spiritual-Jazz-Arrangements. Wann immer ein Kleinstlabel eine dieser Deep-Jazz-Platten aus den Siebzigern von Labels wie Strata East oder Black Jazz neu auflegt, sofort sichern. Sind nirgendwo im Stream. Und meist schnell ausverkauft. Aus gutem Grund.

© SZ/biaz
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