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Schriftsteller James Baldwin:Die Befreiung der Weißen

Aug 14 2014 James Baldwin 1924 87 American Novelist Playwright and Social Critic Portrait

"Schwarze waren nicht überrascht, dass Weiße zu so was wie Holocaust in der Lage waren." James Baldwin in Istanbul.

(Foto: imago/ZUMA Press)

James Baldwins ikonischer Essay "The fire next time" liegt wieder in deutscher Sprache vor. Er hat den Verdammten dieser Erde eine Sprache gegeben und könnte aktueller nicht sein.

Während das deutsche Kulturpublikum erstmals ernsthaft über die Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes nachdenkt, eignet es sich zu gleicher Zeit einen Vordenker der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung an: den Schriftsteller und charismatischen Redner James Baldwin. Das ist beides eine gute Sache. Woher also rührt das leise Unbehagen dabei?

Leicht geht es einem über die Lippen, dass James Baldwin zu den ganz großen Klassikern der Literatur gehört und dass man ihn in einem Atemzug mit Weltstars wie Philipp Roth, Haruki Murakami und J. M. Coetzee nennen müsste. Genau das passiert aber nicht.

Obwohl sein neuer deutscher Verlag dtv richtig auf die Zuspitzung rassistischer Gewalt in den USA reagierte und wie Raoul Peck mit seinem Dokumentarfilm "I'm not your Negro" die Bedeutung Baldwins zur rechten Zeit erkannte, obwohl dieser Verlag also Baldwins Werk durch Miriam Mandelkow neu übersetzen lässt und ihm sehr klug die Aufmerksamkeit verschafft, die ihm gebührt, ist James Baldwin im deutschsprachigen Raum immer noch kein Weltstar.

Es wäre leicht zu sagen, er werde eben nicht in einem Atemzug mit Roth und anderen genannt, weil er zu politisch ist oder weil er ein Schwarzer Autor war, um die Schreibweise mit dem großen "S" zu verwenden, die sich abgrenzt von einer rassistischen Markierung der Hautfarbe. Oder weil man ihn als versöhnlich missverstehen könnte mit seinem Festhalten an der Liebe. Aber daran liegt es wohl nicht.

Wer "Nach der Flut das Feuer" liest, wird sich der Frage der Adressierung dieses Textes nicht entziehen können. Möglicherweise erklärt sie, warum Baldwin jetzt erst wiederentdeckt wird in Deutschland.

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Und auch, warum es längst nicht gesagt ist, dass er wirklich in den Kanon der ganz Großen eines mehrheitlich privilegierten, will heißen von Rassismus-Erfahrungen freien Publikums aufgenommen werden wird.

Es könnte etwas mit der Entlastungssehnsucht der Nachkommen derjenigen zu tun haben, die selbstverständlich davon ausgingen, dass sie intelligenter, zivilisierter und empfindsamer sind als jemand wie Baldwin.

Für die es selbstverständlich war, jemandem wie ihm das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit abzusprechen, das Recht, sich politisch zu äußern und zu beteiligen, frei und froh zu leben und für seine Kinder sorgen zu dürfen. Menschen, die sich dabei frei von jeder Schuld fühlen wollen.

Dass Baldwin noch nicht zu den Weltstars gezählt wird, könnte vor diesem Hintergrund an der Frage liegen, die sich auch die Rezensentin stellte: Schreibt Baldwin auch für mich? Darf ich sein Werk einfach so für mich beanspruchen? Schließt er mich nicht mit voller Absicht aus?

James Baldwin stellt seinen Essay schon durch das titelgebende Motto "God gave Noa the rainbow sign, / No more water, the fire next time!" in einen biblischen und einen politischen Rahmen, was sich in der Struktur des Essays wiederholt. Er besteht aus zwei langen Briefen, die James Baldwin klar adressiert hat: "für James / James / Luc James".

Einer der Adressaten ist sein Neffe, dem er zum 15. Geburtstag und anlässlich des 100. Jahrestags der Sklavenbefreiung den Brief "Mein Kerker bebte" geschrieben hat. Der zweite Teil des Essays heißt "Vor dem Kreuz. Brief aus einer Landschaft meines Geistes" und richtet sich also sowohl an Gott als auch an Baldwin selbst.

Baldwin prophezeit die endgültige Befreiung von Sklaverei und Rassismus frühestens für das Jahr 2063

Indem Baldwin seinem Neffen schreibt und die endgültige Befreiung von Sklaverei und Rassismus frühestens für das Jahr 2063 prophezeit, richtet er sich an die Zukunft. Im zweiten Brief blickt er in die Vergangenheit, zu dem 14-jährigen James Baldwin, der er einmal war, und verfolgt seinen Weg ins Jahr 1963.

Er spannt den Regenbogen, Gottes Zeichen der Hoffnung und Freude, von einem Ende zum anderen. Der Regenbogen aber hat kein Ende und keinen Anfang, er ist eine Illusion, und auch darüber schreibt James Baldwin.

Im Gespräch mit der Paris Review antwortete er einmal auf die Frage, ob er auch als Schriftsteller Prediger sei: Auf der Kanzel müsse man den Anschein erwecken, genau zu wissen, worüber man spreche. Als Schriftsteller versuche man hingegen, etwas herauszufinden, von dem man selbst nichts wisse und das man vielleicht gar nicht herausfinden wolle.

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"The fire next time" steht als Essay zwischen Predigt und dem literarischen Text des Schriftstellers. Baldwin spricht hier selbstsicher, mit Überzeugungskraft, weil er um die Evidenz seiner Erfahrungen und Argumente weiß.

Er verkündet eine Botschaft, zeigt den Regenbogen, aber auch die Möglichkeit des Feuers, wie es im Neuen Testament, im 2. Brief von Petrus angekündigt wird.

Der Regenbogen steht zunächst einmal für die Erkenntnis, dass auch sein Neffe noch in eine Gesellschaft geboren wurde, die ihm zu verstehen gibt, er sei wertlos: "Du hast nicht hoch hinaus zu wollen: Du hast Dich mit Mittelmaß zufriedenzugeben. Wo Du Dich auch hingewandt hast in Deinem kurzen Leben auf dieser Erde, James, hat man Dir gesagt, wo Du hin kannst, was Du tun kannst (und wie), wo Du leben und wen Du heiraten kannst."

Es ist eine so simple Tatsache: Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst.

Aber das sei noch nicht das Verbrechen, mit dem Baldwins Neffe es zu tun habe, schreibt sein Onkel ihm. In der Unschuld liege das Verbrechen, darin dass seine Landsleute, "hunderttausendfach Leben zerstört haben und immer noch zerstören und nichts davon wissen und nichts davon wissen wollen."

In Wörtern wie "Akzeptanz" und "Integration" liege das Verbrechen. Baldwin schreibt: "Die schreckliche Wahrheit ist, mein Junge: Du musst sie akzeptieren", und meint damit, dass es, Zitat Baldwin, die "Weißen" sind, die befreit werden müssen.

Er schreibt, es bewirke etwas Unaussprechliches, "in einem angloteutonischen, sexfeindlichen Land als Schwarzer geboren zu sein." Sehr bald "und ohne es zu wissen" gebe man alle Hoffnung auf Gemeinschaft auf.

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Er schreibt: "Wenn Gott als Idee überhaupt einen Wert oder Zweck hat, kann es nur der sein, uns größer, freier und liebevoller zu machen. Wenn Gott das nicht schafft, ist es an der Zeit, ihn loszuwerden."

Er schreibt: "Schwarze waren nicht überrascht, dass Weiße zu so was wie dem Holocaust in der Lage waren." Er schreibt: "Es ist eine so simple Tatsache und eine, die offenbar schwer zu begreifen ist: Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst."

James Baldwin predigt in diesem Essay über die Evidenz der Verhältnisse am Beispiel seines Lebens: seiner Flucht in die Kirche, seiner Erkenntnis ihrer gefährlichen Lehre vom "sanftmütigen Jesus", am Beispiel vom Unwissen der "Weißen" über sich selbst, von Religion, Macht und Nationalismus, von Hass, Verachtung und Mitleid und Liebe. Er schreibt dies grandios.

Ein literarischer Höhepunkt sind die Szenen, die von der Begegnung mit Elijah Muhammad und seiner Nation of Islam erzählen, in denen Baldwin seine Bewunderung beiläufig durch einige wenige Bemerkungen kippen lässt in den Satz "Doch gerade (...) weil er sich in einer bestimmten Verantwortung sah und ich in einer anderen (...), würden wir einander immer Fremde sein und möglicherweise sogar eines Tages Feinde."

Nun könnte man sagen, "The fire next time" setzt sich mit amerikanischer Geschichte auseinander. Die Probleme, die Baldwin beschreibt, sind dort nicht vergangen und werden von Autorinnen und Autoren wie Claudia Rankine und Ta-Nehisi Coates heute immer noch benannt. Aber gilt das auch für Deutschland?

Liest man den Essay, wird man den Diskrimierten auch in Deutschland anders zuhören können

Seit mehr als 400 Jahren, schreibt Jana Pareigis in ihrem Vorwort, leben Schwarze in Deutschland. Wer sich Dagmar Schultz' Dokumentarfilm über die Dichterin Audre Lorde ("Audre Lorde - The Berlin Years") anschaut und von ihrer Bedeutung für die in Deutschland lebenden Schwarzen erfährt, muss die Korrespondenzen der Erfahrungen erkennen.

In dem Film wird gezeigt, wie Audre Lorde "weiße" Studierende bittet, den Seminarraum zu verlassen, da sie zunächst einmal einen Raum schaffen wolle, in dem diejenigen, die für ihre Erfahrungen struktureller Gewalt und Diskriminierung keine Sprache hätten, diese lernen könnten. Man mag es übertrieben finden, was Aktivistinnen und Aktivisten unter Strategien der Selbstermächtigung verstehen. Liest man Baldwins Essay, wird man ihnen anders zuhören können.

Insofern noch einmal die Frage: Schreibt Baldwin auch für mich, für eine Leserin, die zu einem Kollektiv gehört, das Rassismus ausübt? Ja, das tut er. Allerdings schreibt er über mich. Er ermöglicht damit auch dieser privilegierten Leserin eine Erfahrung und die ist so wenig angenehm, wie die Einschätzung der europäischen Gegenwart und Zukunft durch jemanden wie den Philosophen Achille Mbembe.

Baldwin schreibt, vielleicht liege die Wurzel unserer "menschlichen Misere" darin, "dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben."

Er spricht die "einigermaßen bewussten Weißen und die einigermaßen bewussten Schwarzen" an, diesen "rassistischen Albtraum zu beenden" und die Verantwortung für das Leben zu übernehmen, dieses "kleine Signalfeuer in der beängstigenden Dunkelheit, aus der wir kommen und in die wir zurückkehren werden."

"Nach der Flut das Feuer. The fire next time" ist aktueller denn je, nicht nur in den USA. "Man kann rein gar nichts geben, ohne sich selbst zu geben", schreibt James Baldwin. Man könnte diesen Satz erweitern und sagen: Man kann Baldwin nicht lesen, ohne sich selbst in die Waagschale zu werfen.

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer / The fire next time. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Mit einem Vorwort von Jana Pareigis. dtv Verlag, München 2019, 128 Seiten, 18 Euro.

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