"Beale Street" im Kino Wie man in einer Welt voller Hass überleben kann

Zusammenhalt ist alles: Teyonah Parris, KiKi Layne und Regina King in Barry Jenkins Film "Beale Street".

(Foto: Tatum Mangus / Annapurna Picture; DCM)
  • Der Film "Beale Street" schildert, wie die Liebe eines schwarzen Paares im Harlem der Siebzigerjahre durch Rassismus auseinandergerissen wird.
  • Das Gefängnissystem erscheint darin wie eine Fortführung der Sklaverei.
  • Gäbe es einen Oscar für schwarzes weibliches Empowerment, dann hätte die Schauspielerin Teyonah Parris ihn mehr als verdient.
Von Philipp Stadelmaier

Die Kamera erhebt sich in die lauen Lüfte eines Frühlingstags, fährt geschmeidig durch das wärmende Licht und über die Liebenden, die sich an den Händen halten, einen Weg entlanglaufen. Frische, die Magie eines Anfangs, das spürt man in diesen ersten Minuten. Die Liebenden, das sind Fonny und Tish, die schon modisch gut zusammenpassen, in ihrem gelb-blauen Partnerlook. "Bist du bereit", fragt Fonny. "Ja", antwortet Tish. Sie küssen sich. Wie in Zeitlupe, zum ersten Mal, jedenfalls zum ersten Mal im Film.

Wir wären dann auch bereit. Für die Zukunft, für die Liebe, für ein langes glückliches Leben. Aber das Glück dauert nicht länger als diese Szene. Um das klar zu machen, braucht es nur einen klaren, brutalen Schnitt. Da sitzt Tish auf der einen Seite einer Glaswand, Fonny auf der anderen, im Besuchsraum eines Gefängnisses. Fonny wurde verhaftet, für eine Vergewaltigung, die er nicht begangen hat. Obwohl er ein Alibi hat.

"Beale Street", das ist der neue Film von Barry Jenkins, der 2017 einen Oscar für "Moonlight" gewann. Der erzählte von den Lehrjahren des Herzens eines schwarzen schwulen Mannes aus einem Armenviertel von Miami, dessen Leidenschaft für seine große Liebe Hand in Hand geht mit der Gewalt, die ihn ebenso prägt. In seinem neuen Film geht die Hoffnung auf ein glückliches Leben Hand in Hand mit der Möglichkeit, jederzeit im Knast zu verschwinden. Wir sind in New York, im Harlem der Siebzigerjahre, und was dem Bildhauer Fonny (Stephan James) widerfährt, ist für afroamerikanische Männer exemplarisch - daran lässt Tish (Kiki Layne), die mit sanfter Stimme aus dem Off seine Geschichte erzählt, keinen Zweifel. Fonny macht die albtraumhafte Erfahrung, schwarz zu sein in einer Gesellschaft, die vom Rassismus und der Angst der Weißen vor den Schwarzen geprägt ist, von ihrer Besessenheit, Schwarze zu demütigen, einzusperren, zu töten. Das Gefängnissystem erscheint wie eine Fortführung der Sklaverei. "Im Knast können sie mit dir machen, was sie wollen", so erzählt es ein Freund von Fonny, der gerade wieder draußen ist.

Kaum jemand hat diesen Albtraum besser beschrieben als der 1987 gestorbene amerikanische Schriftsteller James Baldwin, der gerade in den USA und auch hierzulande eine gewaltige Renaissance erlebt. Dessen Roman "If Beale Street Could Talk" (deutscher Titel "Beale Street Blues", 2018 in neuer Übersetzung bei dtv erschienen) hat Jenkins hier adaptiert. Der Titel bezieht sich auf eine berühmte Straße in Memphis, einen wichtigen Ort der Bürgerrechtsbewegung und des Blues. Er unterstreicht ein gemeinsames Erbe, eine gemeinsame schwarze Geschichte, die weitererzählt werden muss. Der Weg von Baldwin zu Jenkins führt noch über ein anderes Buch und einen anderen Film, Raoul Pecks "I Am Not Your Negro". Darin liest Samuel L. Jackson ein nachgelassenes Fragment von Baldwin mit dem Titel "Remember the House" vor, eine Mischung aus Autobiografie und Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Peck konfrontierte den Text mit Archivmaterial, mit Fotos und Filmen aus dem Gestern und Heute: schwarzer Aktivismus und weiße Hollywoodwelten, Interviews mit dem brillanten Baldwin und Zeugnisse rassistischer Polizeigewalt. Wie Peck blendet nun auch Jenkins hin und wieder schwarz-weiße Fotografien ein, die schwarzes Leben und Leiden der damaligen Zeit dokumentieren, während Tish aus dem Off erzählt.

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Ihre Geschichte geht zurück in die Vergangenheit des Paares. Hier folgt man ihren Bemühungen, sich ein "normales" Leben aufzubauen, in einer Umgebung, wie Fonny sagt, in der die Weißen ihre Zimmer "lieber an Leprakranke vermieten würden als an Schwarze". In der Gegenwart sitzt Fonny im Gefängnis - und Tish ist schwanger. Ihre Eltern und ihre Schwester reagieren großartig auf die Nachricht, liebevoll und solidarisch. Sie kriegt ein Kind, während ihr Freund im Knast sitzt? Das ist trotz aller Widrigkeiten ein Grund zur Freude. Es ist auch ein Grund zum Kampf: Tishs Mutter, gespielt von Regina King, die gerade den Oscar als beste Nebendarstellerin gewonnen hat, sucht einen weißen Anwalt, der Fonny verteidigen soll, und später auch nach der Frau, die ihn fälschlicherweise beschuldigt hat - weiße Polizisten haben sie unter Druck gesetzt.

Er mag, sagt der menschliche Vermieter, einfach Leute, die sich lieben

Beinahe noch beeindruckender ist die Figur von Ernestine, Tishs Schwester, und ihre energische Aufforderung: "Erhebe deinen Kopf, Schwester!" Was so viel heißt wie: Niemals sollst du dich schämen, nicht als Schwarze, nicht als Frau, nicht als schwarze Frau und schon gar nicht als eine, die schwanger ist. Gäbe es einen Oscar für schwarzes weibliches Empowerment, dann hätte die Schauspielerin Teyonah Parris ihn mehr als verdient.

Tish bekommt ein Kind, und das ist gut so - ihr Sohn verkörpert auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Weniger, weil man annehmen würde, man könnte als Afroamerikaner irgendwann in einer besseren Welt ohne Rassismus aufwachen - ein Blick auf unsere Gegenwart zeigt, wie stark diese Strukturen fortwirken. Es geht viel bescheidener darum, zu leben und neues Leben zu zeugen - zu existieren und weiter zu existieren. Nun sind die Figuren bei Jenkins besonders lebendig durch ihre Art, sich anzuschauen. Und so sind es ihre intensiven Blicke, denen er die Zeichen ihres Gefühlslebens abliest - die Liebe zwischen Fonny und Tish spiegelt sich darin ebenso wie der Hass im Starren eines weißen Polizisten, der das Paar vor einer Lebensmittelhandlung drangsaliert. Tish arbeitet als Parfümverkäuferin und erklärt in einer wunderbaren Sequenz die Unterschiede in den Blickkontakten mit ihren Kunden: mit den weißen Frauen, den weißen Männern, den schwarzen Frauen, den schwarzen Männern. Wie man sich anschaut oder nicht, den Kopf zu- oder abwendet, all das verrät unendlich viel über die Verletzlichkeit, schwarz zu sein in einer Welt der Weißen.

Irgendwo auf dem Grund dieser Blicke liegt die Antwort auf die Frage, wie man in einer Welt voller Hass überleben kann. Einmal geraten Fonny und Tish an einen netten oder einfach nur menschlichen Vermieter. Er selbst, sagt er, sei einfach der Sohn seiner Mutter. Ein großartiger Satz. Durch seine Mutter als Jude geboren, gehört auch er zu einer (schwer gebeutelten) Minderheit. Er mag, sagt er ihnen, Leute, die sich lieben. So wie Fonny und Tish sich lieben, wie Tish von ihren Eltern geliebt wird. Die Antwort - Liebe - mag einfach scheinen, schmalzig und kitschig. Aber das ist sie nicht. Sie ist so einfach wie der Hass der anderen, und sie macht den ganzen Unterschied aus.

If Beale Street Could Talk, USA 2018. - Regie und Buch: Barry Jenkins. Romanvorlage: James Baldwin. Kamera: James Laxton. Mit Kiki Layne, Stephan James, Teyonah Parris. Verleih: DCM, 117 Min.

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