Unabhängigkeitsheld des Senegal Léopold Sédar Senghor, der Freund der Franzosen

Hans Belting, Andrea Buddensieg: Ein Afrikaner in Paris. Léopold Sédar Senghor und die Zukunft der Moderne. Verlag C.H. Beck, München 2018. 287 Seiten. 28 Euro. E-Book: 22,99 Euro.

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Léopold Sédar Senghor führte Senegal in die Unabhängigkeit, wollte aber die Beziehung zu Paris intensivieren. Biografie eines Widersprüchlichen.

Rezension von Wolfgang Freund

Der senegalesische Franzose oder französische Senegalese Léopold Sédar Senghor war sowohl französischer Politiker als auch senegalesischer Staatspräsident. Und er hatte, fast wie Martin Luther King, lebenslang "einen Traum": Frankreich und Senegal, Europa und Afrika gehörten für ihn "zusammen", sollten sich Hand in Hand begleiten und gemeinsam ins ausgehende 20. und 21. Jahrhundert führen.

Europäischer Rationalismus und afrikanische Négritude waren für Senghor jene frei schwebenden Spurenelemente, die sich zu treffen und eine neue voll humane Zivilisation zu begründen hätten.

Er dachte, "träumte" vertikal, Nord-Süd, nicht horizontal, West-Ost, wie Goethe auf seinem West-östlichen Diwan und all die sonstigen "Orientalisten" des Westens. Das mag sogar religiöse Gründe gehabt haben; denn Léopold Sédar Senghor (1906 - 2001) war zwar Staatschef eines zu 90 Prozent islamischen Landes, selbst jedoch praktizierender Katholik mit animistischen Wurzeln, um es verkürzt zu sagen.

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Zu den gegenwärtigen Ländern der früheren arabo-islamischen Sklavenhändler unterhielt er durchaus Beziehungen (etwa mit Habib Bourguibas Tunesien), doch sein "Herz" gehörte anderen auswärtigen Partnern, unter diesen ganz oben: La France. Er war der "schwarz-weiße" Anti-Rassist par excellence. "Nègre", "Nigger", "Neger" waren für Senghor keine Schmähwörter, sondern das Markenzeichen einer besonderen Form von transkultureller Noblesse.

Vielleicht auch ein bisschen in jener Tonart vorgetragen, die Jacques Brel in einem seiner Chansons angesungen hatte: "... l'élégance d'être Nègre ...". Seine Zukunftsvision war ein ineinander verwobenes Eurafrique (Europa und Afrika). Natürlich flackerte das französische Modell als politisch-ideologisch-kulturelle Grundstruktur immer irgendwo im Hinterkopf seines Projektes.

Die Kulturwissenschaftler Hans Belting (Wien, Karlsruhe, Paris) und Andrea Buddensieg (Karlsruhe) haben nun ein Buch vorgelegt, das erstmals in deutscher Sprache das Vielschichtige und Verwickelte in Léopold Sédar Senghors Persönlichkeit bis hinein in nahezu intime Details kenntnisreich ergründet, ohne im Verlauf der Verwirklichung dieses Vorhabens in einen Langeweile erzeugenden rein akademischen Routinestil zu verfallen.

Die zahlreichen Illustrationen sind von großer Qualität. Die perfekte Beherrschung des Französischen gestattete beiden Autoren, die vorhandenen nahezu ausschließlich französischsprachigen Primär- und Sekundärquellen zum Leben und Werk Léopold Sédar Senghors weitgehend auszuwerten sowie der Zitierung von französischen Begriffen und Texten die richtige, ins Schwarze treffende deutsche Übersetzung hinzuzufügen. Ein echter Lesegenuss ohne Abstrich.

Unter den Ex-Besitzungen des französischen Kolonialismus schuf Senghor die einzige westafrikanische Republik, die bislang noch nicht in klar erkennbare gesellschaftspolitische Formen von Diktatur oder "Demokratur" zurückfiel. Sein persönliches Netzwerk war entsprechend: Literaten, bildende Künstler, Philosophen, Politiker, die seine eigene gesellschaftspolitischen Vorstellungen goutierten, standen in Senghors Adressbuch. Große Namen befinden sich darunter, Menschen, deren "philoafrikanische" Ausrichtung für Senghor außer Frage stand: etwa die Politiker Charles de Gaulle und Georges Pompidou, die Maler Pierre Soulages und Pablo Picasso oder die Schriftsteller André Malraux und Aimé Césaire.

Natürlich sind die beiden Autoren dieses sympathischen Buches auch irgendwo vergleichbar mit Dompteuren einer wundervoll eingespielten Zirkustruppe "weißer Elefanten". Sie lassen diese (Senghor wie alle seine politischen, literarischen und künstlerischen Mitstreiter und Freunde) vortanzen, und es beeindruckt, wie die Akteure einer solchen euro-afrikanischen Edelgemeinschaft symphonisch aufeinander einzuwirken scheinen.

Senghor gehört zu den wenigen Staatschefs, die im Alter freiwillig von der Macht lassen

Aber es sind eben nur "weiße Elefanten", behaftet vom Makel letztendlicher Unwirklichkeit; denn die vielberüchtigte France Afrique, wie sich diese nach den westafrikanischen Unabhängigkeiten von Mutter Frankreich herauszuschälen begann, war mit ganz anderen Steinchen gebaut worden: neokolonialistisch, ausbeuterisch, geldgierig, plündernd. L'empire du bakchich (Anspielung auf das "real existierende" postkoloniale Frankreich) sowie porteurs de valises (Träger von "Koffern mit Inhalt") wurden zu Codeworten einer wenig schönen Wirklichkeit.

Besondere Geste von "Noblesse" bei Senghor übrigens: Er gehört jener klitzekleinen Riege von Staatschefs an, die nach Erreichen eines gewissen Alters aus eigenem Entschluss ins Privatleben zurückkehrten. Im Falle Senghors geschah dies 1980 im Alter von 74 Jahren - nach 20 Regierungsjahren.

War Léopold Sédar Senghor nun ein Traumtänzer? Mit Blick auf Gestalten wie Donald Trump, den türkischen "Neo-Sultan" Erdoğan oder verschiedene europäischen "Sendgrafen" eines neuartigen populistischen Nationalismus erscheint eine solche Frage legitim. Und von der Senghor'schen Eurafrique sehen wir heute allenfalls jene Afrikaner, die es, Winden und Meeresgezeiten trotzend, geschafft haben oder weiterhin schaffen, an Gestaden des nördlichen Mittelmeeres festen Boden unter den Füßen zu gewinnen.

Wolfgang Freund ist deutsch-französischer Sozialwissenschaftler (Schwerpunkt "Mittelmeerkulturen"). Zahlreiche Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch. Lebt heute in Südfrankreich.

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