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Bürgerkriegsland Kongo:Verfluchter Reichtum

Weißer wird in einer Hängematte getragen, 1923

Alltag in der belgischen Kolonie Kongo im Jahr 1923: Ein Weißer lässt sich in der Hängematte von Eingeborenen tragen.

(Foto: SCHERL)

Der Kongo, ein vor Rohstoffen strotzendes Land, wird seit jeher von Plünderern regiert. Am Beginn der schlimmen Geschichte stehen Bismarck und die belgische Kolonialherrschaft - die CIA und Che Guevara spielen später eine Rolle.

Er hat sich inzwischen einen Vollbart wachsen lassen, der junge Präsident, staatsmännisch-grau meliert tritt er auf, er hat ja auch Großes vor. Nichts weniger als eine Zeitenwende will er einleiten, er will den alten kongolesischen Traum endlich wahr machen, den Traum, den alle seine Vorgänger unerfüllt ließen: Die Bodenschätze, vor denen die Erde dieses riesigen Landes im Herzen Afrikas nur so strotzt, sollen endlich den Menschen zugutekommen, die auf dieser Erde leben.

Dafür hat Joseph Kabila, 47 Jahre alt, Präsident der Demokratischen Republik Kongo, dieses Frühjahr ein Gesetz unterzeichnet, das endlich Gerechtigkeit herstellen soll: Die internationalen Minenfirmen müssen künftig deutlich höhere Abgaben auf jede Tonne Kupfer, Kobalt oder Zinn zahlen, die sie aus der kongolesischen Erde graben.

Der Widerstand der Firmen war erwartungsgemäß riesig, doch der Präsident gab sich unbeirrt: Kabilas Unterschrift drücke den "Willen des kongolesischen Volkes" aus, verkündete sein Sprecher; die neuen Regeln würden dem Staat endlich "substanzielle Einnahmen für seine wirtschaftliche und soziale Entwicklung einbringen".

Wirtschaftliche und soziale Entwicklung, die hat das Land in der Tat bitter nötig. Jeder sechste seiner 80 Millionen Einwohner ist auf humanitäre Hilfe angewiesen, nicht einmal jeder zweite kommt regelmäßig an sauberes Trinkwasser.

2013 bis 2015 verschwanden 750 Millionen Euro staatliche Bergbau-Einnahmen

Der gesamte Haushalt dieses Staates, der die Bezeichnung Staat kaum verdient, umfasst im Jahr 2018 gerade einmal 4,3 Milliarden Euro. Und das, obwohl unermessliche Vorräte an Diamanten, Gold, Uran und Kupfer in seinen Böden schlummern. Etwa die Hälfte der Weltproduktion allein an Kobalt bringt das Land hervor; ein seltenes Metall, das für die Batterien von Elektroautos unverzichtbar ist.

Und jetzt soll plötzlich alles ganz anders werden? Die Oppositionsbewegung "Lucha" will daran nicht glauben: Das neue Bergbaugesetz werde "den Raubbau an unseren Bodenschätzen nicht beenden", vom Streit zwischen Konzernen und Regime werde das Volk nichts haben: "Zwei Lager von Plünderern ringen um die kongolesische Beute."

Und auch die auf Korruptionsbekämpfung spezialisierte, internationale Organisation Global Witness macht sich wenig Illusionen darüber, in wessen Taschen die Mehreinnahmen landen dürften. Sie vergleicht den kongolesischen Minensektor mit einem gigantischen "Geldautomaten" für das Regime: Allein zwischen 2013 und 2015 seien etwa 750 Millionen Dollar an staatlichen Bergbau-Einnahmen auf unbekannten Wegen verschwunden.

Dabei ist Joseph Kabilas graubärtiges Antlitz nur das jüngste Gesicht eines Plünderungssystems, das den Kongo seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten im Griff hat - und das seit jeher vom Rohstoffhunger ausländischer Akteure befeuert wird.

Die Geschichte dieses Plünderungssystems beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts im fernen Europa. Ein junger Mann namens Léopold Louis-Philippe Marie Victor, 24 Jahre alt, Sohn des belgischen Königs, lässt in ein Stück Marmor den Satz eingravieren: "Il faut à la Belgique une colonie" - Belgien braucht eine Kolonie. Die steinerne Botschaft schenkt er, als Briefbeschwerer, dem Finanzminister des jungen Staats, der sich erst 1830 in einem Aufstand vom Vereinigten Königreich der Niederlande losgesagt hat und noch seinen Platz in Europa sucht.

Im Jahr 1865 folgt der junge Mann seinem Vater auf den Thron, die große Verheißung liegt für Leopold II., wie er sich jetzt nennen darf, weiterhin jenseits von Europas Grenzen. Er liest die Berichte der Abenteurer und Entdecker, die zu jener Zeit immer tiefer ins Innere des afrikanischen Kontinents vordringen.

1876 ruft der König drei Dutzend Forscher und Geschäftsleute zu einer Konferenz in Brüssel zusammen, sie dürfen vier Tage lang in seinem Palast wohnen. Sie sollen ihn seinem großen Ziel näherbringen: sich ein Stück von "ce magnifique gâteau africain" zu sichern, diesem "prächtigen afrikanischen Kuchen".

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Auf der "Kongokonferenz" in Berlin, einberufen vom deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck Ende 1884, wird der Traum wahr: Die europäischen Mächte beginnen den afrikanischen Kontinent unter sich aufzuteilen, und Leopold II. sichert sich ein riesiges Kuchenstück in der Mitte.

Der neue "Kongo-Freistaat" wird zum Privatbesitz des Königs, 76-mal so groß wie Belgien selbst; zum Symbol von Leopolds Herrschaft wird die "chicotte", eine Peitsche aus sonnengetrockneter Nilpferdhaut, mit der all jene riskieren verprügelt zu werden, die sich dem Plünderungssystem widersetzen. Private Unternehmen unter königlicher Lizenz lassen Frauen als Geiseln nehmen, um deren Männer zur Kautschukernte zu zwingen; wer sich auflehnt, riskiert, eine Hand abgehackt zu bekommen.

Die Zahl der Menschen, die unter der belgischen Plünderungsherrschaft sterben, ist unter Historikern umstritten; Schätzungen reichen bis zu zehn Millionen.

Stoff für die Atombomben, die auf Hiroshima und Nagasaki fielen

Bis in die 1950er-Jahre steigt der Kongo, den König Leopold inzwischen an die belgische Regierung abgetreten hat, zum viertgrößten Kupferproduzenten der Welt auf. Auch die anderen Bodenschätze sind für die westlichen Mächte lebenswichtig: Kobalt, Tantal - und Uran. Ein Rohstoff aus dem Kongo hat sogar dazu beigetragen, den Ausgang des Zweiten Weltkriegs zu entscheiden; ihre Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki haben die Amerikaner mit Uran und Plutonium aus einer Mine namens Shinkolobwe bestückt.

Für die Mehrheit der Kongolesen ist das Dasein trotzdem nach wie vor entwürdigend; Schwarzen droht weiterhin jederzeit die Züchtigung mit der Nilpferdpeitsche, die weißen Herren halten die meisten von ihnen systematisch von höherer Bildung fern. Und doch bildet sich in jener Zeit eine kleine, schwarze Mittelschicht heraus; ihre Mitglieder nennen sich selbst évolués, "Entwickelte"; sie haben ihre Bildung auf Missionsschulen erworben, sie tragen gepflegte Anzüge und mühen sich, möglichst makelloses Französisch zu sprechen.

Sie wollen sich das erkämpfen, was ihnen die fremden Herren seit Jahrzehnten versagen: Würde. Sie werden immer mehr, sie werden selbstbewusster, sie fordern, zu Tausenden auf den Straßen versammelt: "Dipenda!" - Unabhängigkeit.

Einer ihrer Anführer, Patrice Lumumba, darf in Belgiens Hauptstadt Brüssel an einem "runden Tisch" mit den Kolonialherren Platz nehmen. Die Belgier wollen vermeiden, dass die Unruhen im Kongo eskalieren, so wie im Norden des Kontinents: Dort, in Algerien, tobt bereits seit Jahren ein Bürgerkrieg zwischen Befreiungskämpfern und der Kolonialmacht Frankreich. Sie verkünden deshalb: Schon bald, am 30. Juni 1960, soll der Kongo unabhängig werden. Die Entscheidung fällt den Belgiern nicht allzu schwer - denn parallel bereiten sie alles Nötige vor, um im Hintergrund die Kontrolle über die Minen des Landes zu behalten.

In einer weiteren Verhandlungsrunde in Brüssel handeln die Belgier mit den kongolesischen Politikern im Detail aus, wie die Eigentumsrechte an den Minen und Unternehmen nach der Unabhängigkeit neu verteilt werden.

Patrice Lumumba hält es nicht für nötig, für solche vermeintlichen Nebensachen noch einmal nach Brüssel zu reisen; er konzentriert sich lieber auf den Wahlkampf und schickt stattdessen einen Vertreter aus der zweiten Reihe seiner Partei: einen gewissen Joseph-Désiré Mobutu, der sich unter den Belgiern in der Armee zum Feldwebel emporgedient und später als Journalist gegen das Kolonialregime angeschrieben hat.

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Jener Mobutu wird später im Rückblick erzählen, wie ihn bei diesem Treffen die "größten Haie der belgischen Finanzwirtschaft" über den Tisch zogen: "Selbstverständlich haben wir uns bestehlen lassen. Durch eine ganze Reihe von juristischen und sachlichen Spitzfindigkeiten ist es unseren Gesprächspartnern gelungen, den Zugriff der Multinationals und der belgischen Kapitalisten auf das kongolesische Portfolio völlig abzusichern."

Die Belgier setzen durch, dass die Eigentumsanteile des Kolonialstaats an Fabriken, Eisenbahnen und Minen nicht einfach auf den neuen, unabhängigen Staat übergehen, sondern auf eine neue belgisch-kongolesische "Entwicklungsgesellschaft". "Die politischen Schlüssel hatte man in der Tasche", schreibt der belgische Historiker David van Reybrouck, "die ökonomischen aber lagen sicher aufbewahrt in Belgien."