Jalmari Helanders "Big Game":Weiße Hölle Bavaria

Samuel L. Jackson

Samuel L. Jackson dreht in München den Film "Big Game", in dem er den US-Präsidenten spielt.

(Foto: dpa)

Was macht Samuel L. Jackson in München und in den Bergen von Garmisch? Er spielt einen US-Präsidenten auf sehr fremdem Terrain - eine Begegnung in Geiselgasteig.

Von David Steinitz

Warum Bayern das bessere Finnland ist und Samuel L. Jackson mit grimmigem Blick, Platzwunde und nassem Anzug durch ein Flugzeug watet, das gerade in einem riesigen Wasserbecken untergeht, zeigt sich an diesem Oktobertag in den Bavaria-Studios im Münchner Süden.

Draußen kämpft sich über dem Catering-Wagen die Sonne durch die Herbstwolken, drinnen wird in den Produktionsbüros hektisch telefoniert. Im Aufenthaltsraum warten Statisten mit blutigen Schminkverletzungen auf ihren Einsatz. Und in der Studiohalle dirigiert der finnische Regisseur Jalmari Helander seinen Hauptdarsteller Jackson, der den amerikanischen Präsidenten spielt, durch einen eindrucksvollen Nachbau der Air Force One. Der Setdesigner ist auch da und schwört, dieser sei sogar moderner ausgestattet als das Original.

Im fertigen Film wird das Flugzeug in den finsteren finnischen Wäldern abstürzen - gedreht wird aber hier, in der Bavaria, und in Garmisch-Partenkirchen. "Viel besser als daheim", erklärt Helander dann in einer Drehpause, während grantelnde bayerische Crew-Mitglieder um ihn und seinen Star herumwuseln und die nächste Szene einrichten: "Die Bäume, die Berge - alles viel größer als bei uns."

Eifersüchtig auf Berlin

Helander hatte vor drei Jahren mit dem schrägen finnischen Weihnachtshorrorfilm "Rare Exports" einen ordentlichen Indie-Erfolg, im Anschluss kamen diverse Angebote aus Hollywood. Jetzt aber dreht er seinen neuen Film, das Action-Abenteuer "Big Game", in München, weil ihm da kein amerikanisches Studio reinredet. Was nicht nur ihn glücklich macht, sondern auch die Bayern. Hier schielt man schon seit Jahren eifersüchtig nach Berlin, wo sich in den Babelsberg-Studios immer wieder Meister wie Quentin Tarantino, Brian De Palma und George Clooney tummeln.

Die Bavaria-Studios sind zwar im Fernsehbereich sehr gut aufgestellt und haben durch die regelmäßigen Aufträge der deutschen TV-Sender eine bessere Auslastung als die Potsdamer Kollegen. Aber ein bisschen von dem alten Glamour, den einst Regisseure von Alfred Hitchcock über Ingmar Bergman bis Wolfgang Petersen in die Münchner Hallen brachten, wünscht man sich nun doch zurück.

So soll also "Big Game" ein Zeichen setzen. Und stolz ist man nicht nur auf Samuel L. Jackson, den Star, sondern auch darauf, dass diese Abenteuergeschichte eine rein europäische Produktion ist, während die berühmten Babelsberg-Gäste meist mit Hollywood-Geld anreisen. Für US-Verhältnisse ist das Budget von neun Millionen Euro zwar ein Witz; für europäische und deutsche Dimensionen aber ist es doch ziemlich üppig.

Stoisch durch jede Story

Zur finalen Entscheidung, in und um die Bavaria zu drehen, dürfte auch der Sondertopf des FilmFernsehFonds Bayern beigetragen haben, der in diesem Jahr insgesamt drei Millionen Euro an Standortförderung für internationale Produktionen vergeben kann. Eine davon ist an "Big Game" gegangen.

Helander und der deutsche Koproduzent Jens Meurer, der gerade mit seinen Beteiligungen an "Rush" und "Drecksau" international gut dasteht, bewerben ihren Film als skurrilen Mix aus "Rambo" und "Kevin - Allein zu Haus". Es geht um einen dreizehnjährigen Jungen, der nach einem alten Mutproben-Ritual seines Dorfes eine Nacht allein im Wald verbringen muss. Und genau in dieser Nacht stürzt über dem finnischen Hinterland dramatisch die Air Force One in den See. Der mächtigste Mann der Welt ist plötzlich auf den kleinen Jungen mit Pfeil und Bogen angewiesen.

Das klingt ein bisschen nach Achtzigerjahre-Videotheken-Stoff, passt aber gut zu dem schwarzen Humor, mit dem Helander bereits seinen "Rare Exports" ausgestattet hat. Und außerdem ist da noch der Mann, der schon so manches schräge Filmprojekt im Alleingang geschultert hat.

Spielen ist Fließbandarbeit

Samuel L. Jackson hat nach seinem Lunch noch Zeit für ein Gespräch - und ignoriert, einmal in Fahrt, den Ruf zurück ans Set. Im grauen Jogginganzug, immer noch mit großer Platzwunde geschminkt, thront er in der Couchecke eines kleinen Büros und hat die Hände vor der Brust verschränkt, wie sie nur ein Mann verschränken kann, dem herzlich egal ist, ob andere ihn nun für den coolsten Hund des Universums halten - oder auch nicht.

"Hollywood", philosophiert er, "existiert zwar noch als Ort. Man kann mich da im Supermarkt treffen. Aber die ganze Filmbranche ist viel internationaler geworden. Ich schaue gerne Filme von überall, ich drehe gerne Filme überall, ob das in Amerika oder in Finnland oder in Bayern ist, ist mir vollkommen egal."

Jackson ist noch ein Anhänger der alten Schule: Nicht lange rumdiskutieren und künstlerische Ansprüche abwägen, sondern einfach machen. Einen Film nach dem anderen. "Ich drehe ungefähr neuneinhalb Monate im Jahr. Nächste Woche bin ich hier fertig, dann geht es direkt nach London, danach nach Atlanta, dann wieder zurück nach London, wo der zweite Teil der "Avengers" losgeht. Bis Juni 2014 bin ich also schon mal voll." Spielen, sagt er damit, ist Fließbandarbeit.

Und während für manchen Kollegen die Jackson'sche Rollenauswahl vermutlich einige Karriereknicks bereithielte, spielt dieser sich stoisch durch jede Story, die ihm gefällt - inklusive Kult-Grotesken wie "Snakes on a Plane". Jetzt aber muss er zurück in den durchnässten Anzug und die bayerisch-finnische Kälte.

Aber wirkt der Unterschied zwischen Hollywood und Bayern nicht doch recht groß für einen, der die an Hybris grenzenden Sets von Quentin Tarantino oder George Lucas gewöhnt ist? Da kratzt sich Jackson nur kurz am Kinn, zieht beim Aufstehen die Jogginghose hoch und wiegelt ab. "Scheinwerfer hängen hier genauso viele wie drüben. Und an jedem Set rennen viel zu viele Leute mit Walkie-Talkies rum. Allerdings fahren sie in München alle mehr Fahrrad."

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