"Jack" im Kino Hänsel und Gretel in Berlin

Jack (Ivo Pietzcker, links) ist erst zehn, aber wirkt schon ziemlich erwachsen. Er kümmert sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um seinen sechsjährigen Bruder Manuel (Georg Arms).

(Foto: dpa)

Auch wo Liebe ist, kann Verwahrlosung sein: Der Kinofilm "Jack" erzählt von zwei Kindern, die auf den Straßen der Hauptstadt alleine über die Runden kommen müssen. Und zeigt Berlin aus einer bisher unbekannten Perspektive.

Von Martina Knoben

Jack rennt und rennt und rennt. Der Wecker liefert das Startsignal. Jack muss Frühstück machen für sich und seinen kleinen Bruder, dann hetzt er zur Schule. Auch später wird Jack immerzu laufen, fliehen, U-Bahn fahren oder Bus.

Und dieses Rennen erinnert an die iranischen Kinderfilme der Neunziger- und Nullerjahre, die mittlerweile zum Kino-Kanon gehören. In denen waren hastende Kinder ein festes Motiv, standen für ein Land und seine Menschen, die sich immer und immer wieder - und oft vergeblich - um das Allernotwendigste bemühen. Wie Jack.

Schwer zu sagen, ob Edward Berger sich von diesen Filmen hat inspirierenden lassen. Es ist ihm zuzutrauen. Sein Film über zwei Kinder, die in einem kalten Berlin sich selbst überlassen sind und verzweifelt nach ihrer Mutter suchen, erinnert in seiner Haltung und seinem Formwillen an die großen Iraner, den italienischen Neorealismus oder auch an das Werk der belgischen Dardenne-Brüder.

Berger, der zuvor nur Fernsehen gemacht hatte, nahm damit am diesjährigen Berlinale-Wettbewerb teil. Und schon die erste Einstellung seines Films kündet von einem Formwillen, der bei sozialrealistischen Filmen nicht selbstverständlich ist: Da liegen Jack (Ivo Pietzcker) und Manuel (Georg Arms) schlafend auf dem Bett, vielleicht etwas dürftig angezogen, nur in Unterhemden.

Das Licht aber umhüllt die beiden so wohlig-rosig wie die Tonspur mit einlullendem Blätterrauschen, so dass dieses Schlafen vollendet geborgen wirkt. So sollte Kindheit sein. Und gegen alle Umstände kann Jack sich diese Schutzhülle bewahren, das unterscheidet Bergers Film am Ende von thematisch ähnlichen Elendsszenarien.

Auch wo Liebe ist, kann Verwahrlosung sein

Jack ist erst zehn, aber wirkt schon ziemlich erwachsen. Er kümmert sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um seinen sechsjährigen Bruder, versorgt ihn, trägt ihn, bringt ihm das Schleifebinden bei.

Ihre Mutter Sanna (Luise Heyer) ist jung und lieb und den beiden mehr große Schwester als Mutter. Wenn die drei balgen, weil sie Hund spielen, ist die Nestwärme in diesem Rudel groß. Aber auch wo Liebe ist, kann Verwahrlosung sein, das sieht man, ganz ohne Anklage. Jack kommt ins Heim.

Ivo Pietzcker spielt den Jungen mit übergroßem Ernst und einer Würde, die im Gedächtnis bleibt. Den Namen dieses jungen Darstellers wird man sich merken müssen. Berger filmt ihn auf Augenhöhe.

Not, die schnell zur Grausamkeit wird

Die Kamera wird so tief gehalten, dass Erwachsenen immer wieder mal der Kopf fehlt. Jack gibt den Blick vor, die Kamera folgt ihm oder nimmt das Gesicht des Jungen in den Blick. Die Erwachsenen sind auch deshalb immer wieder nur halb zu sehen, weil sie nicht richtig da sind für die Kinder.

"Jack" erzählt eine Hänsel-und-Gretel-Geschichte, von zwei Kindern, die ausgesetzt werden aus Not, die schnell zur Grausamkeit wird. Als Jack seine Mutter dringend braucht, weil er Streit im Heim hatte und wegläuft, ist Sanna über Tage hinweg nicht erreichbar.

Jack holt auf eigene Faust seinen Bruder bei einer Freundin ab. Zusammen streifen sie durch Berlin, schlafen in einer Parkgarage, essen Zucker aus den Tütchen, die in Coffeeshops herumliegen. Den Erwachsenen fällt das nicht auf. Und Jack kommt auch alleine klar - ist also ein richtiger Kinoheld.

Seine Einsamkeit und seine wachsende Verzweiflung vermittelt die Tonspur. So spiegelt das Hämmern des Verkehrs auf einer Autobahnbrücke das Hämmern von Jacks Herzen wieder. Selten hat ein deutscher Regisseur den Ton so subtil und gleichzeitig atmosphärisch prägend eingesetzt wie hier Berger - der damit auch ein Berlin-Bild zeichnet.

Kurzkritiken zu den Kinostarts der Woche

Starker Auftritt als großer Zampano

Die Stadt ist die Stadt, die wir kennen. Aber wir erleben sie neu aus der Perspektive der Kinder: Einkaufsstraßen, Autobahnen, einen Autoverleih, einen Elektromarkt. Es ist eine gleichgültige Stadt, ein Transitraum, der keine Heimat bietet. Es gibt nur selten einen deutschen Film, der unsere Sichtweise auf dieses Land berührt, sie um Nuancen verschiebt: dies ist einer.

Jack, D 2014 - Regie: Edward Berger. Buch: Nele Mueller-Stöfen, E. Berger. Kamera: Jens Harant. Schnitt: Janina Herhoffer. Mit: Ivo Pietzcker, Georg Arms, Luise Heyer. Verleih: Camino, 103 Minuten.