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Italien:Die Mafia sind wir

Anime nere - black souls

Filme, Sendungen, Bücher widmen sich dem Kampf gegen die Mafia, auch der Spielfilm "Anime nere", Schwarze Seelen. Und die Mafia? Verdient mit.

(Foto: Cecchi Gori)

In Italien widmen sich Bücher, Filme und Fernsehserien dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Ein italienischer Journalist hat nun herausgefunden, wer dabei vor allem verdient.

Von Thomas Steinfeld

Vor dreißig Jahren, im Januar 1987, publizierte der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia in der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera einen Artikel mit dem Titel "I professionisti dell'antimafia": "Die Profis von der Antimafia". Damals waren mehrere Auftragsmörder in Palermo gefasst und andere Mafiosi, zum Teil in Abwesenheit, zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Endlich, so schien es, gab es Richter und Staatsanwälte, die es mit dem organisierten Verbrechen aufnehmen wollten und konnten. Doch anstatt die jungen Erfolge zu begrüßen, widersetzte sich Leonardo Sciascia der Zustimmung: "Nichts befördert eine juristische Karriere auf Sizilien mehr, als dass man an einigen Verfahren gegen die Mafia teilgenommen hat", schrieb er. Die Verklärung der Staatsdiener, die sich um die Verfolgung der Mafia verdient gemacht hätten, habe zur Folge, dass jeder, der sich von den öffentlichen Auftritten nicht beeindrucken lasse, selbst für einen Mafioso gehalten werde.

Der Artikel löste einen Aufschrei aus, der bis heute nicht verklungen ist. Es dauerte damals nicht lange, bis sich Sciascia von seinem Text distanzierte. Der Verdacht aber gegen die Helden der Gerichtsbarkeit blieb lebendig, auch wenn mehrere von ihnen ihr Leben hingaben.

Die Komparsen, die Busse, die Pasta und die Salami - alles wird von der "Cosa Nostra" bezogen

In diesen Tagen erschien in Italien ein Buch, das - wäre es in besseren Zeiten, also vor der sogenannten Finanzkrise publiziert worden - geeignet gewesen wäre, den Skandal um Leonarda Sciascias Artikel wieder aufleben zu lassen: "La mafia siamo noi" ("Wir sind die Mafia", add editore, Turin 2017), verfasst von Sandro de Riccardis, einem Redakteur der Tageszeitung La Repubblica. In der Einleitung erzählt er eine Geschichte, in der es um die populäre italienische Serie "Squadra antimafia - Palermo oggi" geht, die der Privatsender Tele 5 in 74 Folgen ausstrahlte, vom Frühjahr 2009 bis zum vergangenen Herbst.

Die Dreharbeiten hatten begonnen, als die Polizei die Telefongespräche eines führenden Mafioso abhörte. "Diese Fernsehserie ist unser Glück", erklärte der Mann einem anderen Verbrecher, sie werde dem ganzen Verein ("die Freunde der Freunde") für fünf Jahre Arbeit geben, ohne dass man deswegen zur offenen Gewalt greifen müsse: Die Komparsen, die Busse, die Pasta und die Salami, alles werde von der "Cosa nostra" bezogen. "Am Ende ist es die Mafia, von der die Erzählungen über die Antimafia beliefert werden", sagte dazu ein Staatsanwalt in Palermo.

Dieses Buch ist ein Werk der journalistischen Recherche. In acht Kapiteln wird darin berichtet, wie die Mafia - oder genauer: das Mafiöse - in alle Bereiche der Gesellschaft eingreift: in die Industrie, in die freien Berufe, in die Landwirtschaft und in das Bauwesen, in das Gastgewerbe und in die Kirche, in allen Teilen des Landes. Sandro de Riccardis enthält sich dabei weitgehend der Empörung, und es interessiert ihn auch nicht das schreckliche Detail. Er bleibt bei der Sache, und das heißt: beim Klientelismus in seinen harten und zumeist italienischen Varianten.

Der Klientelismus erscheint dabei als etwas so Allgemeines, dass die gängigen Bilder von der Mafia als Krake, Krebsgeschwür oder Monster sich als Ideologie entpuppen. Das organisierte Verbrechen, sagt Riccardis in einem Interview mit dem Internet-Magazin Linkiesta, sei so tief in der Gesellschaft verwurzelt, dass die Unterscheidung zwischen gesundem und krankem Gewebe sinnlos sei. Im Buch sagt ein Staatsanwalt aus der Lombardei, bereits die Behauptung, die Mafia habe eine Gesellschaft "infiltriert", beruhe auf einem Fehler. Sie setze auf der Seite des Angegriffenen eine Unschuld voraus, die eine Illusion sei, und diene der Gesellschaft zur Selbstverklärung.

Entscheidend sei vielmehr das Prinzip der "instrumentellen Freundschaft", und diese gebe es überall - wenngleich man wohl hinzufügen muss, dass die Bereitschaft, solche Freundschaften mit kriminellen Mitteln durchzusetzen, regional durchaus unterschiedlich auszufallen scheint, in Abhängigkeit von einem Staat etwa, der das Gewaltmonopol nicht allgemein zu behaupten vermag.

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