Im Kino: The American Ein letzter Blick aufs Leben

Ein wortkarger Film, unterlegt mit einem Score von Herbert Grönemeyer. Ganz konzentriert sehen Corbijn und sein Kameramann Martin Ruhe Jack bei der Arbeit zu - wie er am Tisch sitzt und die Waffe baut, wie er durch die Gassen des Städtchens geht, in dem er sich versteckt. Kleine Gesten, unauffällige Blicke, die Angst, die auf einem Gesicht vorüberhuscht - das alles entfaltet seine wahre Wirkung erst in Bildern am Rande des Stillstands.

Zwischen Killer und Mensch

Das bedeutet nicht, dass diese Geschichte keine Spannung entwickelt: Sie tut es nur unendlich viel kunstvoller, als es derzeit Hollywood-Standard ist, wo man Action und Suspense ständig verwechselt. Corbijn setzt auf kleine Reize, einen Verfolger, den man nie richtig sieht, eine leise, permanente Ahnung von Bedrohung. Mr. Butterfly, einmal ganz beiläufig ausgesprochen von der falschen Frau. So weiß man in "The American" nie, was aus Jack werden wird - will es aber die ganze Zeit wissen.

Auch das ist klassisches New Hollywood - eine reizvolle Irritation zu erzeugen mit einem düsteren Helden, dem man sich nicht entziehen kann. Corbijn inszeniert das, als wolle er beweisen, mit wie wenig Vorgeschichte, Dialog, emotionalen Ausbrüchen man das erzeugen kann, ein Lehrstück in Minimalismus.

"The American", basierend auf dem Roman "A Very Private Gentleman" von Martin Booth, vom Drehbuchschreiber Rowan Joffe adaptiert, ist die ruhige, langsame Studie eines Mannes, der einen Weg eingeschlagen hat und ihn nicht mehr verlassen kann, und es ist eine Liebesgeschichte - nicht wirklich mit der Frau, die er trifft, eher die Vorstellung von einem Leben, von einer Zukunft, in die er sich verliebt. Jack ist vollkommen in seinem Beruf, ein perfekter Krieger - bis auf einen kleinen Fehler: Er ist auch ein Mensch. Profikiller, das ist ein Job für einen emotional Verstörten, für einen eisigen Egozentriker.

Aber auch am neuen Ort erliegt Jack immer wieder der Versuchung, sich wie ein Mensch zu benehmen, wenn ihn jemand wie ein Mensch behandelt. Hilft einem Bauern, der mit seinem Schaf-Transporter liegengeblieben ist. Trinkt mit dem Pfarrer, der seine Nähe sucht. Geht in den Puff, zu einer Nutte, die aussieht wie die Frau in Schweden, immer wieder zu derselben Frau, wenn sie nicht da ist, geht er wieder nach Hause. Ein Surrogat für eine Beziehung. Bis er ihr auf der Straße begegnet, und wieder der Versuchung erliegt, ein Mensch zu sein. Manchmal ist das Böse ein Kerker, aus dem man nicht mehr herauskommt. Das macht Jack zu einem wandelnden Toten, der wie ein Schmetterling einen letzten Blick auf das Leben wirft.

THE AMERICAN, USA 2010 - Regie: Anton Corbijn. Buch: Rowan Joffe. Kamera: Martin Ruhe. Mit: George Clooney, Vilante Placido, Thekla Reuten, Paolo Bonacelli, Johan Leysen. Tobis, 99 Minuten.