Im Kino: Greenberg Neurosenstolz

Ein Stadtneurotiker kommt mit seinen Mitmenschen nicht klar - dabei ist er selbst das Problem: Ben Stiller spielt den Woody Allen für Arme.

Von Susan Vahabzadeh

Roger Greenberg ist eine tragische Figur. Er ist aus New York in seine Heimatstadt Los Angeles gekommen, um sich von einem Nervenzusammenbruch zu erholen, zum Housesitting für seinen Bruder, der mit der Familie Urlaub macht in Vietnam. Greenberg will allein sein, weil er mit seinen Mitmenschen nicht klarkommt. Irgendwie hat er aber noch nicht begriffen, dass er vor allem mit sich selbst nicht klarkommt - er ist sich also der schlechteste Gesellschafter überhaupt.

Gutmütiges Schaf

So sitzt er nun allein in der Villa in den Hügeln, und wenn ihm dann - sehr schnell - die Decke auf den Kopf fällt, nimmt er Kontakt auf mit der Außenwelt. Was regelmäßig zu hässlichen Konfrontationen führt, mit den alten Freunden, die er einst im Stich gelassen hat, am häufigsten aber mit der Haushälterin seines Bruders, Florence - ein gutmütiges Schaf, sie ist für ihren Job viel zu schade, hat aber nicht genug Durchsetzungsvermögen, um sich besser in der feindlichen Welt einzurichten. Der perfekte Punchingball für den Narziss Greenberg. Ein Stadtneurotiker, gestrandet in Los Angeles - eigentlich eine Steilvorlage für eine Komödie.

Noah Baumbach, der mit Der Tintenfisch und der Wal einen sehr schönen Film gemacht hat über ein Intellektuellenpaar, das sich gegenseitig quält, versucht sich hier an einer etwas leichteren Variante dessen, was er auch vorher praktizierte - Charaktere ausloten in ihrem Verhalten zu einander.

Er hat ein gutes Gespür dafür, wer diese Charaktere füllen kann - die unbekannte Greta Gerwig ist großartig als Florence, und auch der sonst eher dem Klamauk verhaftete Ben Stiller macht sich ganz gut als Greenberg, in einer Rolle, die ihm wesentlich mehr Feingefühl abverlangt als . . . Zoolander.

Charmanter, klüger, interessanter

Eine ordentliche Neurose, ein wenig echt empfundenes und nachvollziehbares Leid, das ist der eigentliche Kern einer guten Komödie - wenn das Drehbuch gut genug ist.

Bei Greenberg, geschrieben von Baumbach und seiner Frau Jennifer Jason Leigh, kommt eine Art Woody Allen für Arme heraus: auch Allens Figuren sind im Prinzip enervierend - aber charmanter, klüger, interessanter. Greenberg hat keine unheimlich witzigen Sarkasmen drauf. Wo sich Allen über den Zustand der Welt beschwert, moniert Greenberg bei seiner Fluggesellschaft, sein Sitz habe sich nicht verstellen lassen.

Er schlägt die Zeit tot mit Beschwerdebriefen, und das ist manchmal tatsächlich ganz lustig - mehr nicht. Er ist beleidigend und verletzend zu Florence - das ist nicht witzig. Und dass gestörte Menschen gerne nur noch um sich selbst kreisen, ist sicherlich richtig. Aber besonders tiefschürfende psychologische Mechanismen sind hier nicht zu beobachten.

"Hurt people hurt people" ist der zentrale, mehrfach wiederholte Satz, verletzte Menschen verletzen andere Menschen. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch irgendwie banal. Zumindest ist es, wenn man als Preis für das Erlangen dieser Weisheit zwei Stunden mit Roger Greenberg verbringen muss, ein bisschen dürftig. Vielleicht eckt Baumbach da an einer Stelle an, wo sich Europa und Amerika unterscheiden - der Stolz auf die eigenen Neurosen ist etwas sehr amerikanisches.

Der selbstgerechte Vater in "Der Tintenfisch und der Wal" kann einen in manchen Momenten zu Tränen rühren in seiner Hilflosigkeit. Für Greenberg gibt es keine Erlösung, er bleibt eine Nervensäge. Natürlich, das ist schon klar, soll er das auch sein - eine schwierige Vorgabe im Kino. Filmfiguren sind da manchmal wie richtige Menschen: Manche hält man zwar für ein bisschen bekloppt, aber es macht einem nichts aus, und andere soll gefälligst der Teufel holen. Wie man die Gruppen einteilt, ist individuell verschieden und fast immer unfair.

GREENBERG, USA 2010 - Regie: Noah Baumbach. Buch: Noah Baumbach, Jennifer Jason Leigh. Kamera: Harris Savides. Mit: Ben Stiller, Greta Gerwig, Jennifer Jason Leigh. Tobis, 107 Minuten.