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Im Kino: Black Swan:Dann kommt das Blut dazu

Zuerst flossen nur Schweiß, Angstschweiß und Tränen. Jetzt kommt das Blut dazu, immer deutlicher. Nina strengt sich an mit dem Versuch, locker zu lassen, folgt Lilly zu einem Drogen-Disco-Exzess und entweiht ihr von Stofftieren umlagertes Kinderbett mit ihr - in einer furiosen lesbischen Liebesnacht. Oder ist das alles nur ein Fiebertraum? Phantasie und Realität gehen unmerklich ineinander über, wofür sich in einem von Spiegeln vollgestellten Ambiente prächtige Bilder finden lassen. Nina driftet ab in Wahn- und Horrorszenen. Sie hat gelernt, das Ichsein mit einem sich durchsetzenden Willen zu identifizieren, sie bleibt gefangen in einer Willenswelt der Machbarkeiten.

Leben im Zombie-Körper

Perfektion ist machbar, aber Inspiration und Ausstrahlung lassen sich so nicht herbeizwingen. Wenn die Welt sich dem Machbarkeitswillen nicht fügt - wie in der Kunst und in der Liebe -, öffnen sich die Türen zu Wahn und Phantasma. Im Kern geht es um den Gegensatz von apollinischer und dionysischer Sphäre. Nina müsste in die Gefolgschaft des Dionysos, des Gottes von Rausch und Ekstase, eintreten. Ihr Disco-Trip bleibt der hilflose Versuch zu einem Bacchanal.

So nähert sie sich immer rasanter dem Abgrund. Sie zieht sich am blutenden Fingernagel die Haut ab, das geht so leicht, als hätte sie bereits einen Zombie-Körper. Sie registriert erschreckt Kratzspuren an ihrer Schulter und bemerkt, dass ihr dort schwarze Federn aus der Haut wachsen, und auf der Bühne, bei der finalen Aufführung, werden mächtige schwarze Schwanenflügel aus ihren Armen. Der unschuldige, himmelwärts strebende Seelenvogel Schwan verwandelt sich als Schwarzer Schwan in ein Todessymbol.

Aronofsky treibt alles auf die Spitze: die Horroreffekte und vor allem das Schmerzempfinden des Körpers, der auf Erfolg getrimmt war und nun zum Leidenskörper einer Selbstopferung wird. Gnadenlos und grandios nimmt er uns in die Körperempfindung hinein. Wie in seinem letzten Film The Wrestler, wo sich Mickey Rourke am Ende Glassplitter und Stacheldrähte aus der Haut zog. Aronofsky ist ein Meister des physischen, taktilen Kinos. Er lässt die Kamera tanzen, springen, Pirouetten drehen, heftet sich an seine Heldin, schlüpft in ihre Haut. Sein Kino hat es vor allem auf den Tastsinn abgesehen, um dann desto waghalsiger ins Phantasma zu springen. Es folgt der Definition Kracauers, wonach das Kino dazu berufen sei, der Errettung der physischen Realität zu dienen. Das schmerzensreiche Martyrium seiner Ballerina inszeniert Aronofsky listig und raffiniert auf der Folie eines Ballettstücks, das die festlichste, kunstvollste und anmutigste Feier des Körpers sein will.

Dieses Ballerina-Opferdrama erscheint zu einer Zeit, in der andere Filme ausdrücklich die rettende Kraft des Tanzes beschwören. Wim Wenders' Hommage an die im Sommer 2009 verstorbene Tanztheater-Ikone Pina Bausch Pina nimmt ein programmatisches Pina-Zitat zum Untertitel: "Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren". Der Film, in 3-D gedreht, wird seine Uraufführung bei der Berlinale erleben. Man darf gespannt sein, wie Wenders' 3-D-Bilder die Tanzkörper in Szene setzen.

Karnevalesk gehen die jüngsten Tanz-Mainstreamproduktion Streetdance 3D und Step up 3D mit den Tanzenden um. Sie erzählen Geschichten von Versöhnung und Solidarität. Versöhnung von klassischem Ballett und Hip-Hop, von rivalisierenden Gruppen, die ihre Tanz-Battles zur Show machen. Es ist, als hätten soziale Utopien ihre letzte Heimat im happyendsüchtigen Pop-Tanzfilm gefunden. Merkwürdig nur, dass das 3-D-Format hier den Körpern gar keine physischere Qualität verschafft. Viel besser kommen da die Wasserfontänen und Seifenblasenorgien weg, die sich in den Raumeffekten von 3-D wunderbar spektakulär darbieten. Die Tanzenden aber werden in diesem 3-D eher aufs Puppenhafte reduziert. Sie machen den Eindruck von Marionetten.

Da erscheint jedes Bild in Black Swan physischer. Zum Beispiel gleich zu Beginn, wenn Aronofsky in einer Kontrastmontage zeigt, wohin die Reise gehen wird. Zuerst präsentiert er Bilder einer Schwanensee-Szene, bei der virtuos auf Spitze getanzt wird, und erweckt mit den Tänzern im Gegenlicht genau jene Vorstellung, die man von Schwanensee hat: ätherische Schönheit, Schweben, Prunk, Leichtigkeit, Märchenkulisse. Dann der Schnitt in den Probenraum. Großaufnahme eines Tänzerinnenfußes, der sich auf die Spitze stellt. Es knirscht und knackt, man hat Angst, dass der Fuß gleich umknicken wird. Schon befinden wir uns mitten im Drama der Ballerina, die sich nicht aus dem Bann ihrer Mutter befreien kann.

BLACK SWAN, USA 2010 - Regie: Darren Aronofsky. Buch: Mark Heyman, Andres Heinz, John McLaughlin. Kamera: Matthew Libatique. Musik: Clint Mansell. Mit: Natalie Portman, Mila Kunis, Vincent Cassel, Barbara Hershey, Winona Ryder. Fox, 110 Minuten.

67. Filmfestival Venedig

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