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Im Kino: Black Swan:Mein lieber Schwan

Zuerst fließen in Darren Aronofskys Ballett-Thriller "Black Swan" Schweiß und Tränen, dann Blut. Denn Natalie Portman verfällt als Tänzerin dem Wahn der Perfektion. Und Mädchen im Tutu werden in Zukunft sehr gemischte Gefühle hervorrufen.

Alle Jahre wieder gastiert zum Jahreswechsel das St. Petersburger Ballett mit Tschaikowskys Schwanensee auch in München. Ein Ritus. Das klassischste aller klassischen Ballette, Apotheose von Eleganz, Schönheit, höchster tänzerischer Virtuosität. Die Fabel vom dunklen Zauberer Rotbart, der junge Mädchen in Schwäne verwandelt und als Lockvögel benutzt. Im Publikum viele kleine Mädchen in Begleitung ihrer Mütter: Einweihung in den Ballerina-Traum. Sie freuen sich besonders auf den legendären Tanz der vier kleinen Schwäne im dritten Akt. Ein hübsches Bild, diese Mutter-Tochter-Duos in ihrer fiebrigen Vorfreude zu sehen.

Im Kino: Natalie Portman

Ihr zweites Gesicht

Ab sofort aber wird dieses Bild sehr gemischte Gefühle hervorrufen. Schuld daran ist Darren Aronofsky mit seinem Schwanensee-Dekonstruktions-Thriller Black Swan. In dessen Zentrum steht ebenfalls ein ballettbesessenes Mutter-Tochter-Duo, aber ein sehr verhängnisvolles. Tochter Nina wird von der grandiosen Natalie Portman als fragiles, rehäugiges, innerlich zerrissenes Wesen gezeichnet - gerade erhielt sie dafür einen Golden Globe. Sie ist Ballerina bei einer fiktiven Kompanie im New Yorker Lincoln Center und erhält die Chance - Endziel aller Ballerinen-Träume -, in einer neuen Schwanensee-Inszenierung die Hauptrolle zu tanzen.

Ihre Mutter aber, packend dargestellt von Barbara Hershey, zeigt sich von der ersten Szene an als veritable Hexengestalt: strenge, verbitterte Gesichtszüge, eine herrische, auch leidende Kontrollinstanz. Sie gab ihre eigenen Ballerina-Ambitionen auf, als sie das Kind bekam, nahm die Karriere der Tochter dann fest in die Hand. Sie beherrscht alle Register mütterlicher Machtausübung, kann die gute Freundin spielen, kann sticheln, intrigieren, manipulieren. Sie bürdet Nina ihre eigenen Karriere-Ambitionen auf, giert nach Erfolg, und zugleich beneidet sie die Tochter abgrundtief wie die Stiefmutter-Königin in Schneewittchen.

Unter dem Bann ihrer Mutter hat sich Nina zu einer Tänzerin entwickelt, die geradezu verbissen nach Perfektion strebt. Mit unerbittlicher Selbstdisziplin, die sich bald - wie sollte es anders sein - ins Selbstzerstörerische wenden wird. Aronofsky führt das in einer herrlich verrückten Mischung aus Psychokrieg, Melodram und Horror vor. Es wird zum Riss zwischen Mutter und Tochter kommen, und der Riss wird nicht gekittet. Allein das schon ist toll an diesem Drama einer jungen Frau, die in ihr Kindsein verbannt bleiben soll. Amerikanische Filme mit tyrannischen Müttern suchen üblicherweise den Versöhnungsweg. Aronofsky reißt die Abgründe immer weiter auf.

Ist Ninas Mutter die bannende Hexe, so zeigt sich ihr Ballettchef Thomas (Vincent Cassel) als versucherischer Teufel. Vincent Cassel konturiert ihn lässig als arrogant-provokanten Künstler-Diktator französischer Herkunft. Auch er will nur Ninas Bestes, und das sieht dann so aus: Um Schwanensee neu, das heißt, lebendiger und spannender choreographieren zu können, verstößt er seine bisherige Primaballerina und Geliebte Beth (Winona Ryder), veranstaltet ein nervenaufreibendes, die Konkurrenz aufheizendes Vortanzen und erwählt Nina. Aber nur probehalber, denn Nina ist wohl perfekt für den Part des reinen, rührenden "Weißen Schwans", für den Gegenpart des intriganten "Schwarzen Schwans", den sie auch tanzen muss, fehlen ihr jedoch noch einige Ausdrucksdimensionen: die Faszination des Abgründigen, der Zauber sinnlicher Ausstrahlung.

Das Fehlende zeigte Thomas der verwirrten Primaballerina-Kandidatin an ihrer attraktiven Rivalin Lilly (Mila Kunis): "Siehst du, wie mühelos sie tanzt, ohne etwas vorzutäuschen. Es genügt nicht, perfekt sein zu wollen. Es geht genauso ums Lockerlassen, darum, sich selbst zu überraschen!" Lilly stammt aus San Francisco, bringt von der sonnigen West Coast eine leichtgängige Lebensart mit, in die sich der Franzose Thomas sofort einschwingen kann. Nina hat damit ihre größten Schwierigkeiten. Die Offenheit für Lustprinzipien passt nicht in ihr Weltbild, auch deshalb, weil sie wahrscheinlich noch nie mit einem Mann geschlafen hat.

Thomas will Ninas auf Perfektion getrimmte Physis umgestalten. Ihr frigider Arbeitskörper soll mit einem hervorzulockenden Lustkörper verschmolzen werden - nur so wird sie sich zu einer vollständigen, ausdrucksstarken Künstlerin entfalten. Das ist Thomas' Theorie, der Aronofsky in seiner die Körper herausfordernden Inszenierweise selbst zu folgen scheint. Äußerst rabiat geht der Ballettchef vor. Er empfiehlt Nina, sich zu Hause im Bett zu "berühren", tanzt mit ihr eine Drehung, greift ihr zwischen die Beine, küsst sie überfallartig und erntet dafür einen Biss in die Lippe. Der erste Blutstropfen.

Golden Globes 2011

Wenn die Schwäne Bäuche tragen