Pop und Politik Hyper Hyper im Besatzungsgebiet

Scooter auf der Krim (2017), Radiohead in Israel (2017) und Andreas Gabalier bei der Formel 1 in Österreich (2014).

(Foto: dpa; AFP; imago)

Scooter spielen auf der Krim, Radiohead in Israel und Andreas Gabalier singt eine veraltete Version der Nationalhymne. Gedanken darüber, wann Pop missbraucht wird - und ob er unpolitisch sein kann.

Von Julian Dörr

Man kann, nein, man muss sich das genauso dämlich vorstellen, wie es auf diesem Facebook-Foto aussieht. Ganz vorne H. P. Baxxter, das Gesicht von Scooter, das mit zunehmendem Alter dem eines wasserstoffblonden Leguans immer ähnlicher wird. Vor der Techno-Eidechse die Menschenmenge, dahinter: die Entourage. Zwei Typen in engen weißen Jeans. Zwei Typen in weiten dunklen Jeans. Und zwei junge Damen in sehr wenig weißem Stoff. Kniestrümpfe, Bikini-Hotpants. "Thank you crimea, amazing crowd!" - Danke Krim, großartiges Publikum! Das ist alles. Mehr steht nicht neben diesem Foto von Scooters Auftritt vor wenigen Tagen in Balaklawa.

Scooter haben also auf der Krim gespielt. Auf jener Krim, die Russland 2014 völkerrechtswidrig annektiert hat. "Hyper Hyper" im Besatzungsgebiet. Auf einem russischen Festival mit sieben Künstlern. Sechs russischen - und Scooter. Ein Eklat mit Ansage. Die Ukraine sieht Reisen auf die Krim über Russland als Verletzung ihrer Grenzen. Schon im Juni hatten die ukrainischen Behörden Scooter darauf hingewiesen. H. P. Baxxters Antwort: Er sehe den Auftritt als rein musikalisches Event. Man wolle sich nicht politisch vereinnahmen lassen. Und Manager Jens Thele ergänzte: "Uns war gar nicht bewusst, dass wir uns hier in einen politischen Konflikt hineinbewegen." Respect to the man in the ice cream van.

Erste Frage also: Schützt Torheit vor Strafe? Mit der droht nämlich nun die ukrainische Staatsanwaltschaft. Und zweite, wichtigere Frage: Kann Pop überhaupt neutral sein? Die Antwort, so viel sei verraten, ist ein klares und deutliches Nein. Denn Baxxter und all die anderen, die glauben, Pop könnte irgendwo irgendwie auch mal nicht politisch sein, unterliegen gleich mehreren Trugschlüssen.

Der erste: Nur weil man keine politische Haltung hat, heißt das nicht, dass man keinen politischen Akt begehen kann. Man sieht das in jüngerer Zeit sehr gut am österreichischen Volks-Rock'n'Roller Andreas Gabalier. Der sollte 2014 bei einem Formel-1-Rennen die österreichische Nationalhymne singen, weigerte sich aber, den neuen Text zu verwenden. Statt von der Heimat "großer Töchter und Söhne" sang Gabalier also nur von den großen Söhnen. Begründung: So habe er es in der Schule gelernt.

Noch weiter ging der deutsche Schlagersänger Heino, als er 1977 alle drei Strophen des Deutschlandliedes einsang - im Auftrag des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Nazi-Richters Hans Filbinger. Zwar waren diese Aufnahmen als Material für den Schulunterricht gedacht, der Aufschrei aber folgte unmittelbar. Noch Jahrzehnte später erinnert sich Heino in seiner Autobiografie an dieses besondere Jahr, das er "nie vergessen werde". Und an die "Kettenreaktion, die mich am Ende in einen widerwärtigen 'Skandal' verwickelte, an dem ich mich unschuldig fühlte."

Gabalier und Heino, so viel kann man ihren Reaktionen entnehmen, halten ihre Taten für gänzlich unpolitisch. Das ändert aber eben nichts an den tatsächlichen politischen Dimensionen - und an der gesellschaftlichen Strahlkraft. Denn wenn einer der kommerziell erfolgreichsten Künstler Österreichs die Töchter aus der Nationalhymne streicht, dann macht er hinterwäldlerischen Anti-Feminismus salonfähig. Und wenn eine Ikone deutscher Popkultur, und das ist Heino im Guten wie im Schlechten, "Deutschland über alles" singt, Hitler zitiert ("Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie ein Windhund") und zu Zeiten des rassistischen Apartheid-Regimes für ein Konzert nach Südafrika reist, dann macht er das dummdreiste Flirten mit dem rechten Rand ein kleines bisschen weniger dumm und ein kleines bisschen weniger dreist.

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Über die politische Dimension von Pop entscheidet also nicht der Künstler, sondern der Kontext. Das gilt für Gabalier, für Heino - und genauso auch für Scooter und die Krim. Wenn einer der bekanntesten Techno-Acts des Landes in einem besetzten Land spielt, dann macht er das "dauerhafte Provisorium" (FDP-Chef Christian Lindner) der russischen Krim ein kleines bisschen weniger provisorisch und ein kleines bisschen mehr dauerhaft.