Reaktion auf Brexit Auf Twitter schimpfen, dann weiterfeiern

Nach dem Brexit ist vor der Schlammschlacht: Ein junger Mann mit Boris-Johnson-Maske beim Glastonbury Festival.

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Die Jugend Großbritanniens ist vom Brexit entsetzt. Aber obwohl die Wut im englischen Pop eine lange Tradition hat, fällt den Musikern zur Lage der Nation kein böser Song ein. Warum?

Von Jan Kedves

Lässt sich in einer anderen Sprache besser schimpfen als auf Englisch? Derzeit nicht. Seit Bekanntgabe der Brexit-Entscheidung sind in den Twitter- und Facebook-Kanälen britischer Popstars die ätzendsten Tiraden niedergegangen - gewürzt mit herausragenden englischen Wut- und Schock-Adjektiven: "devastated" (verwüstet), "aghast" (entgeistert) oder gar "gutted". Das heißt am Boden zerstört, oder eigentlich sogar entleibt und ausgeweidet. Der "Brexshit" wurde übers Wochenende in der britischen Popwelt nach sämtlichen Regeln des Oxford Dictionary verflucht.

Das aus den Brüdern Guy und Howard Lawrence aus Surrey bestehende Dance-Duo Disclosure etwa twitterte: "What the Fuck!" - und spielte mit dem Gedanken, zum verstorbenen David Bowie auf den Mars zu ziehen. Fluchtfantasien auch bei Liam Gallagher, dem früheren Oasis-Sänger, er forderte: "Halt die Welt an, ich will aussteigen." Und Popsängerin Lily Allen, schon immer eine schlaue Schimpferin, giftete Donald Trump an, nachdem der von Schottland aus getwittert hatte, die Schotten hätten sich ihr Land zurückgeholt. "Scotland voted in, you moron", twitterte Allen zurück - Schottland hat für die EU gestimmt, du Volldepp.

Britische Popstars sind auf Twitter politisch, aber nicht in ihrem Medium - dem Song

All diese Wortmeldungen erfolgten digital und schriftlich, also nicht im Medium, durch das die erwähnten Stars eigentlich bekannt geworden sind: Popmusik. Ist das bemerkenswert? Es ruft auf jeden Fall in Erinnerung, dass Großbritannien über lange Zeit das Land war, das allen anderen vorgemacht hat, wie wütend Popmusik klingen kann, wie wunderbar sich jugendlicher Frust - über Spießertum, Provinzialität, falsche Politik - in störrische Songs des Aufbegehrens hineingießen ließ.

Einfach mal die Wut rausbrüllen: Für Johnny Rotten von den Sex Pistols (hier bei einem Konzert 1976) war das noch tägliche Pflicht.

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"My Generation", die auf Amphetaminen herausgerockte Stotterhymne von The Who, wird ja nicht bis heute so gern gehört, weil sie musikalisch so raffiniert komponiert wäre. Sondern weil sie immer noch etwas von der sozialen Blockade spürbar macht, die junge Briten aus der Working Class damals, Mitte der Sechzigerjahre, empfanden. "Hoffentlich sterbe ich, bevor ich alt werde", die berühmte Zeile war eben nicht suizidal, sondern verweigerte die Solidarität mit den Alten, die sich im vermieften Post-Weltkriegs-England an der Macht hielten. Die Jugendlichen im Swinging London verstanden ihre Jugend nicht als Versprechen, sondern als Gefängnis. "Why don't you all f-f-f-f-fade away" - warum sterbt ihr Alten nicht einfach, jetzt? Im gestotterten F steckte das - damals unsprech- und unsingbare - "Fuck", das The Who den Rentnern hinterherspuckten.

Solch eine Wuthymne hat die Generation der jungen Briten, die am Donnerstag mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt hat, die aber von den Alten überstimmt wurde, heute nicht. Der einzige Song, den man als so etwas wie eine Anti-Brexit- oder Pro-Europa-Hymne bezeichnen könnte, ist die hochdepressive, langsam sich dahinhinschleppende Coverversion des Abba-Hits "SOS" der Bristoler Band Portishead. Sie veröffentlichte in der vergangenen Woche ein Video zu dem Song, es ist der ermordeten Labour-Politikerin Jo Cox gewidmet. Deren Tod erscheint nun noch sinnloser als zuvor. "SOS" mag ein kleiner Anti-Brexit-Hit sein, mit 600 000 Klicks ist es jedenfalls kein großer. Vor allem ist es kein Hit, der auch nur ein bisschen Wut transportierte.