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Sicherheitsbedenken im Humboldt-Forum:"Kein geregelter Betrieb möglich"

Spitzentreffen zu Benin-Bronzen geplant

Von außen sieht alles perfekt aus. Doch in den Maschinenräumen des Humboldt-Forums knirscht es noch gewaltig.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

In einem internen Brief warnt der Bau-Chef des Berliner Humboldt-Forums vor Sicherheitslücken. Derzeit sei eine Eröffnung noch immer nicht denkbar.

Von Jörg Häntzschel

Seit vergangenem Freitag sind in Berlin die meisten Museen wieder geöffnet. Vom Humboldt-Forum aber hört man nichts - außer Berichten von schikanierten Mitarbeitern. Dabei sollte doch das Publikum im "Frühjahr 2021" laut Webseite endlich die Berlin-Ausstellung, das Humboldt-Labor, eine Ausstellung für Kinder und noch einiges mehr besichtigen können. Wegen des Lockdowns habe man warten müssen. Doch gefragt, wann es denn nun so weit sei, orakelt der Pressesprecher: "Der Eröffnungstermin fällt noch nicht in die nächsten Wochen."

Liest man den Brandbrief, den Hans-Dieter Hegner, der Bau-Chef des nationalen Prestigeprojekts, am 14. Mai geschrieben hat, versteht man allerdings, warum. Unter der Überschrift "Gravierende Funktionsmängel und Sicherheitsprobleme im Humboldt-Forum" zeichnet er ein beunruhigendes Bild vom Zustand des Gebäudes, genauer: seiner Technik. Die elektronischen Steuersysteme von Klima- und Alarmanlagen, Brandschutz, Beleuchtung und Aufzügen befänden sich "noch in einem sehr schlechten Zustand". "Weite Bereiche der Elektroanlage" funktionierten "nicht oder extrem mangelhaft". Adressatin des Schreibens, das der SZ vorliegt, ist Petra Wesseler, die Präsidentin des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung (BBR), das für die Bauausführung zuständig ist.

Hegners Mängelliste ist lang, obwohl er nur Beispiele nennt. Immer wieder komme es zu "unkoordinierten Abschaltungen von Steckdosen" und "Zu- und Abschaltungen von Licht". Diese machten einen "geregelten Betrieb unmöglich und gefährden das bereits eingebrachte Kulturgut". Gemeint sind die vielen Tausend empfindlichen Objekte, die aus den Museen in Dahlem ins Schloss gebracht wurden und durch zu viel Licht oder Klimaschwankungen Schaden nehmen. Auch bei den Aufzügen gebe es Störungen. Da die Notruffunktion häufig ausfalle, müssten sie immer wieder außer Betrieb genommen werden.

Der Brandbrief kommt überraschend - eben noch hatte der Verfasser allen Beteiligten gedankt

Nicht die einzelnen Anlagen seien dabei das Problem, sondern ihre Steuerung. Wie in allen modernen Gebäuden werden hier sämtliche technischen Anlagen zentral geregelt. Viele Firmen, die für einzelne Bereiche wie Klima oder Licht zuständig waren, hätten aber, wie Hegners Leute offenbar erst kürzlich herausfanden, auf eigene Faust Unter-Netzwerke installiert, die mit dem zentralen Steuerungssystem nicht so zusammenspielen, wie sie sollen. "Besonders gravierend" sei, dass es für die "IT-Infrastruktur" keine übergreifende "Sicherheitsarchitektur" gebe. So seien Datenverbindungen "an der zentralen Firewall vorbei" installiert worden, für viele Systeme fehle die Dokumentation.

"Eine übergreifende Koordination und Steuerung der einzelnen Anforderungen im Bereich der IT-Sicherheit ist nicht erfolgt", so Hegner weiter. Angesichts von "mehr als hundert" IT-Systemen, "darunter mindestens vier Windows-10-Clients, einem Windows-Server und mindestens 50" Linux-Systemen, könnten Hacker-Angriffe und Malware wie der "Wanna-Cry-Virus" "im Zweifel nicht abgewehrt werden und sind schlussendlich ein Risiko für das Kulturgut und die Besucher". Die Stiftung Humboldt-Forum sei deshalb "nicht in der Lage ..., einen sicheren Betrieb zu gewährleisten".

Hegners Brief kommt überraschend. Schließlich hatte er noch im Dezember, als das Humboldt-Forum eine Eröffnungsfeier im Netz veranstaltete, allen am Bau Beteiligten gedankt, auch dem BBR. Sie hätten "alles unternommen", um "ein außergewöhnliches Gebäude qualitätsgerecht zu errichten und am Ende alle notwendigen Prüfungen für die komplexe Gebäudetechnik erfolgreich abzuschließen". Nun wirft er dem BBR vor, genau das versäumt zu haben.

Werner Jensch, Professor für Gebäudetechnik an der Hochschule München, erlebt solche Fälle öfter. "Man hat lauter Subsysteme abgenommen, aber die gemeinsame Funktionalität kann man nicht gewährleisten. Es müsste einen Planer, eine Institution geben, der diese Funktionen übergreifend abnimmt, aber da fühlt sich keiner zuständig." Doch das Problem sei nicht nur die Abnahme. "Man hätte Kriterien aufstellen müssen, die in den Subsystemen erfüllt werden müssen. Ich weiß nicht, ob das passiert ist. Ich bezweifle sehr, dass es ein logisches Sicherheitskonzept gibt. Das hinterher zu machen, ist schwierig."

Manche Türen gehen nicht auf, andere nicht zu, und durch die Klimaschleuse bläst der Wind

Über viele der Mängel aus Hegners Brief streiten die Verantwortlichen seit Wochen. In internen Mails, die der SZ vorliegen, ist von Räumen die Rede, in denen immer mal wieder das Licht ausgeht, von Klimaschleusen, durch die der Frühlingswind ins Museum bläst. Manche Türen lassen sich bisweilen nicht öffnen, klagen die zukünftigen Hausherren, andere nicht schließen, man weiß nicht, warum. Die vorgeschriebenen monatlichen Tests des Dieselaggregats können nicht durchführt werden, und die "Außenhaut" des Gebäudes lässt sich nicht überwachen, da die Videoüberwachungsanlage "nicht vollständig funktioniert". Die Mitarbeiter der Leitstelle klagen, der "gegenwärtige Zustand des Gefahrenmeldesystems" sei ihnen "so nicht zuzumuten". Acht Jahre nach Baubeginn ist die installierte Hardware teils so veraltet, dass man nun versucht, sie auf die Schnelle noch vor der Eröffnung gegen heutige Technik auszutauschen.

Und noch immer gibt es größere Zwischenfälle wie den vom 21. März, als wegen eines defekten Ventils im dritten Stock Wasser "über Stunden, wenn nicht Tage" in Zwischenwände und Hohlböden geflossen ist, in Technikräume gelangte und einen Aufzugschacht geflutet hat.

Die Verantwortlichen machen in ihren Mails keinen Hehl aus dem Druck, unter dem sie stehen: "Noch haben wir coronabedingt einen Aufschub - wenn wir das Haus irgendwann öffnen, wollen wir nicht am nächsten Tag in der Zeitung stehen, weil unsere Besucher im Dunkeln stehen", schreibt einer. Und Hegner selbst: "Die Termine sind hier wieder mal alle gerissen." "Ein sog. Vorzeigeprojekt kann nicht vorgezeigt werden."

Hegner setzt dem BBR in seinem Brief ein Ultimatum. Bis zum 15. Juni erwarte er ein Konzept, wie die Technik in den Griff gebracht werden soll. Wie lange das dauern könnte? Jensch will keine Prognose abgeben. Aber eine Katastrophe wie am BER erwartet er nicht. Dennoch: "Was Hegner beschreibt, ist schon massiv, das ist kein gutes Zeichen. So baut man eigentlich nicht, das entspricht nicht unserem Berufsethos."

© SZ/beg
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