Nachruf auf Hellmut Flashar:Eine Antike für die heutige Zeit

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Nachruf auf Hellmut Flashar: Bis zu seiner Emeritierung 1997 Professor in München: Hellmut Flashar ist am 17. August 2022 in Bochum gestorben.

Bis zu seiner Emeritierung 1997 Professor in München: Hellmut Flashar ist am 17. August 2022 in Bochum gestorben.

(Foto: Wikimedia commons/ Jonathan Groß/CC BY-SA 3.0)

Er hat sein Fach von Patina befreit, sich der historischen Kritik gestellt und dem Publikum die Philosophie eröffnet: Der Altphilologe Hellmut Flashar ist gestorben.

Von Thomas Meyer

Kurz nachdem im Oktober 1967 der bedeutende Goethe-Forscher Ernst Grumach in London verstorben war, wurde in Berlin sein Testament eröffnet. Darin legte der Holocaust-Überlebende fest, dass Hellmut Flashar die von ihm begonnene, maßgebliche deutsche Aristoteles-Ausgabe fortführen solle. Zu diesem Zeitpunkt war der 1929 in Hamburg geborene Flashar bereits eine feste Größe der Altphilologie. Der Schüler des in Tübingen lehrenden Wolfgang Schadewaldt, neben Grumach die prägende Figur in seinem Gelehrtenleben, schrieb seine Dissertation über Platons "Ion" und übersetzte kurz danach den Dialog über das Verhältnis von Philosophie und Dichtung. Der kleinen Edition gab Flashar Goethes Text "Plato als Mitgenosse einer christlichen Offenbarung" von 1796 bei, und man darf die Kombination rückblickend als Fingerzeig verstehen. Denn Flashar war ein ebenso leidenschaftlicher Altphilologe wie Theatergänger. Wer sich davon überzeugen möchte, der lese sein Standardwerk "Die Inszenierung der Antike" (2009).

Vier Jahre nach der Habilitation 1961 wurde Flashar an die neu gegründete Bochumer Ruhr-Universität berufen. Von 1982 bis zu seiner Emeritierung 1997 lehrte er in München. Flashar war ein äußerst produktiver Wissenschaftler. Neben der Herausgabe und Mitarbeit an der Aristoteles-Edition, die er 2010 an den ebenfalls in München lehrenden Christof Rapp übergab, war er für die Abteilung "Antike Philosophie" des international wohl wichtigsten Standardwerks für Philosophiegeschichte verantwortlich, des sogenannten "Ueberwegs". Die mit Kollegen erarbeitete, insgesamt acht Bände umfassende Darstellung setzt bis heute Maßstäbe.

Dass Flashar erzählen und dabei für Fachleute wie Interessierte gleichermaßen schreiben kann, belegen seine Monografien zu Sophokles aus dem Jahr 2000 und den Mediziner Hippokrates von 2016. Die 2013 veröffentlichte intellektuelle Biografie über Aristoteles wurde ein regelrechter Bestseller, der bereits zwei Jahre später in der dritten Auflage vorlag. Das hatte vor allem mit der genauen Kenntnis des Gegenstandes, dem sicheren Umgang mit den Quellen und der Wertschätzung zu tun, die er den lange Zeit vernachlässigten naturwissenschaftlichen Schriften entgegengebrachte.

Seine Sophokles-Monografie war ein Plädoyer für die Modernität der Antike

All das wirkt auf den allerersten Blick wie ein zwar souveränes und zudem mit sehr viel Anerkennung und Lob versehenes, doch letztlich im Kreis des eigenen Gebietes verbliebenes Werk. Tatsächlich hat Flashar aber über sein Fach hinaus gewirkt und es mit demokratisiert, letztlich von so mancher Patina befreit. 1969 legte er eine Deutung der von Thukydides überlieferten Rede des Perikles über die Gefallenen Athens vor, die sich in ihrer ausgestellten Nüchternheit dem hierzulande noch immer üblichen nationalistisch-chauvinistischen Pathos entgegenstellte. Und Flashars "Sophokles" war nicht nur die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung über den Tragödiendichter seit Karl Reinhardts Versuch von 1933, sondern auch ein entschiedenes Plädoyer für die Modernität der Antike.

Vorgearbeitet hatte Flashar solchen Positionierungen über viele Jahre. Für ihn war es seiner gegensätzlichen Lehrer und der Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg wegen selbstverständlich, die Fachgeschichte zu analysieren und dabei gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen zu klären, wie sich die Altphilologie in den wechselnden Regimen seit Mitte des 19. Jahrhunderts und unter den verschiedenen Methodenmoden entwickelt und verändert hatte. Auch hier erschloss er Räume für eine offene, kritische und konstruktive Antikenrezeption, wie sie exemplarisch jüngst der Berner Althistorikers Stefan Rebenich im Münchner Beck-Verlag publizierte.

Hellmut Flashar, einer der Großen der Altphilologie und einer der wesentlichen Gestalter seines Faches, ist am 17. August wenige Monate vor seinem 93. Geburtstag in Bochum verstorben.

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