Hausarrest von Regisseur Serebrennikow "Es geht darum, ihn als politischen Geist aus der Gesellschaft zu entfernen"

Die Behörden werfen Kirill Serebrennikow (hier bei der gerichtlichen Anhörung am 11.09.2018) vor, 133 Millionen Rubel (1,7 Millionen Euro) staatlicher Gelder unterschlagen zu haben. Belege liefern sie nicht.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Seit einem Jahr steht Regisseur Kirill Serebrennikow in Moskau unter Hausarrest, der nun verlängert wurde. Schauspielerin Franziska Petri ist mit ihm befreundet und hält das für "zum Himmel schreiend ungerecht".

Von Paul Katzenberger, Moskau

Bei der Preisverleihung der Berlinale vertrat sie in diesem Jahr den russischen Regisseur Kirill Serebrennikow: Die Schauspielerin Franziska Petri ("Leo und Claire", "Das Konto") hatte sich eine Papiertüte mit dem Konterfei des russischen Regisseurs über den Kopf gezogen. Sie wollte damit dessen Hausarrest in seinem Heimatland anklagen, der aus Sicht vieler Beobachter vollkommen unbegründet ist. Seit den gemeinsamen Dreharbeiten für den Film "Betrayal" im Jahr 2010 sind Petri und Serebrennikow befreundet, was auch dadurch begünstigt wurde, dass er kurze Zeit später ihr Nachbar im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg wurde, wo er einen Zweitwohnsitz hat. Serebrennikow wird von den russischen Behörden vorgeworfen, staatliche Fördergelder für ein Theaterprojekt unterschlagen zu haben. Doch viele sehen in diesem Fall die Maßregelung eines unbequemen Kritikers. Seit einem Jahr steht er unter Hausarrest, der immer wieder verlängert wird. Zuletzt am heutigen Dienstag.

SZ: Frau Petri, Sie sind mit Kirill Serebrennikow persönlich befreundet. Wissen Sie, wie es ihm geht? Haben Sie Kontakt zu ihm?

Franziska Petri: Leider nicht. Den haben nur sein Anwalt und sein Vater. Es geht ja genau darum, ihn abzuschirmen von jeglichem Kontakt zur Außenwelt. Man kann ihn weder anrufen noch per E-Mail erreichen. Es gibt keinerlei Kommunikationsmöglichkeit.

Sie gehören zu denjenigen, die immer versucht haben, Aufmerksamkeit für den Fall Serebrennikow zu erzeugen. Hat das aus Ihrer Sicht irgendetwas bewirkt, in Russland oder im Westen?

Was versteht man unter Wirkung? Das Einzige, was ich machen kann, ist, mein Umfeld und meine Branche darauf aufmerksam zu machen, dass so etwas passiert. Aber dass es Einfluss auf die russische Regierung haben könnte - da mache ich mir wenig Hoffnungen. Der geht es ja wohl genau darum, Stärke zu demonstrieren. Dass sie die Macht hat, einen so wichtigen starken Künstler einfach wegzusperren, und ihm zu verbieten, zu arbeiten.

Sie meinen, die russische Regierung will ganz bewusst zeigen, dass sie das letzte Wort hat?

Genau. So weit ich die Rechtssituation nachvollziehen kann, ist sie vollkommen absurd und zum Himmel schreiend ungerecht. Es geht darum, zu sagen: "Obwohl wir nichts beweisen können, obwohl wir Zeugen manipulieren und Aussagen fälschen, haben wir trotzdem die Macht, diesen Hausarrest immer wieder zu verlängern, bis ins Unendliche, wenn wir wollen." Mich macht das sehr wütend und ich fühle mich unglaublich hilflos.

Zumindest im Westen kommt diese Demonstration der Macht des russischen Staates ja aber nicht gut an.

Das will ich doch hoffen. Ich habe aber auch schon Stimmen in Deutschland gehört - auch von Kollegen -, die von irgendwelchen Professoren aus Russland erzählen, die behaupten würden, Kirill habe tatsächlich diese Wahnsinnssummen unterschlagen. Das wäre alles rechtens, und solche Leute müsse man aus dem Verkehr ziehen.

Selbst wenn man der Auffassung ist, an den Vorwürfen sei etwas dran, dann hat der Beschuldigte ja zumindest das Recht auf ein ordentliches Verfahren, das sich im Fall Serebrennikow seit mehr als einem Jahr nirgendwo abzeichnet.

Es ist doch eindeutig, dass es darum gar nicht geht. Sonst wäre der Prozess ja schon längst angesetzt worden. Stattdessen betreiben die Behörden dieses Spiel, das mir wie eine Farce vorkommt. Ich möchte mich nicht über Russland erheben, denn ob wir in Deutschland einen Rechtsstaat haben, weiß ich auch nicht so genau. Meiner Meinung nach ist es überhaupt ganz schwierig, Recht und Gerechtigkeit zu schaffen. Trotzdem würde das einem Regisseur in Deutschland wohl eher nicht passieren.

Neben der nahezu vollständigen Kontaktsperre besteht für Serebrennikow auch ein Internetverbot. Bekommt er denn überhaupt mit, wie viel Unterstützung er aus der Film- und Theaterszene bekommt?

Davon gehe ich aus, denn er reagiert direkt darauf. Bei seiner letzten Gerichtsanhörung im August hat er sich dafür bedankt und sich direkt an seine Unterstützer gewandt. Er hat ihnen gesagt: "Ihr wünscht mir immer die Kraft, das alles durchzuhalten, und ich wünsche euch dasselbe. Haltet ihr auch durch, denn das ist für mich ganz wichtig." Offensichtlich sammelt sein Anwalt die Wünsche, die aus der ganzen Branche an ihn gerichtet werden, um für ihn einzutreten.

Es ist bekannt, dass es in Russland teilweise gar nicht möglich ist, Dinge ohne Korruption zu bewerkstelligen. Warum sind Sie sich so sicher, dass der Vorwurf der Unterschlagung, der gegen Kirill Serebrennikow erhoben wird, haltlos ist?

Weil dieser Vorwurf wohl jedem Kulturschaffenden angelastet werden könnte, wenn man es denn wollte. Kirill und seine Mitarbeiter haben Geld für das Projekt "Plattform" bekommen, mit dem man das russische Theater fördern wollte. Im Rahmen dessen haben eine ganze Menge Inszenierungen stattgefunden, die nachweisbar sind, weil Aufzeichnungen oder etwa Premierenplakate vorliegen. Trotzdem wird bei einem Teil dieser Aufführungen angezweifelt, dass diese überhaupt realisiert wurden.

Das müsste sich ja ziemlich leicht ermitteln lassen.

Richtig. Trotzdem wird eine Sommernachtstraum-Inszenierung als nicht-existent hingestellt. Es gibt allerdings ganz viele Leute, die diese Aufführung gesehen haben. Die waren da drin und bezeugen das auf Facebook unter dem Hashtag "#IchwarbeiPlattform". Welche Beweise will man denn noch?

Wenn der Vorwurf der Veruntreuung nicht haltbar ist: Warum gehen die russischen Behörden gegen Serebrennikow vor? Was hat sie an seiner Arbeit so gestört?

Es geht darum, ihn als politischen Geist aus der Gesellschaft zu entfernen. So, wie ich ihn kenne, hat er nie ein Blatt vor den Mund genommen und ist an seinem Theater immer sehr offen mit seinen Anschauungen und seiner Homosexualität umgegangen. Das Einzige, das man ihm vorwerfen könnte, ist, zu sagen: "Du hast das Geld genommen und bist trotzdem nicht still."