Kino: "Leo und Claire" Die nackten Tatsachen

Rassenschande im Hinterhof - Joseph Vilsmaiers "Leo und Claire"

Von Tobias Kniebe

(SZ vom 18.04.2002)- Es gibt, das wird immer deutlicher, eine Art Urszenerie im Werk des Joseph "Sepp" Vilsmaier. Ein kleinbürgerlicher Hinterhof ist das, mit Handwerkern und Ladengeschäften, in den zwanziger oder dreißiger Jahren. Dort leben keine Personen, sondern Typen: Männer mit groben Gesichtern und verschwitzen Unterhemden, Weiber in Miedern und ausladenden Unterröcken, schüchterne Lehrbuben, noch feucht hinter den Ohren, und schließlich: ein fesches junges Ding im luftigen Sommerkleid, das irgendwie alle verrückt macht.

Claire und Leo, eingerahmt von Vilsmaiers Hinterhof-Obsession.

(Foto: )

Sofern dieses Ding im Ladengeschäft arbeitet, muss es manchmal auf eine Holzleiter steigen, um an die oberen Regale zu kommen, was den Männern unerwartete Einblicke verschafft... So muss man sich das Milieu vorstellen, in dem auch "Leo und Claire" spielt, Vilsmaiers neuester Streich. Und wenn uns nicht alles täuscht, dann gab es denselben Hinterhof schon einmal, bei "Und keiner weint mir nach" - und vieles scheint so vertraut aus dem Vilsmaierschen Gesamtwerk, dass man wohl sagen kann: Hier beginnt das Terrain des Obsessiven...

Die Obsession ist zwar generell etwas Gefährliches, wenn sie zum Beispiel sexuelle frustrierte, faschistische Hausmeister befällt, wie dieser Film noch zeigen wird. Für Regisseure jedoch ist sie unabdingbar - weh dem, der keine hat. Vilsmaier hat seine Genreszenen à la Spitzweg und Zille: Da ist er in seinem Element, da vibrieren die Bilder vor Lust, da macht ihm keiner was vor. Man kann sich also vorstellen, welche Freude er empfand, als er das Buch "Der Jude und das Mädchen" entdeckte. Schon auf der ersten Seite bringt dort das 22-jährige Fräulein Irene, das 1932 in ein Nürnberger Mietshaus einzieht, ein "fremdes, aufregendes Flair" in den fränkischen Hinterhof. "Plötzlich wirbelte ein frischer Wind durch das Treppenhaus," schreibt die Autorin, "in dem es stets nach Bohnerwachs roch."

Solche Sätze bringen offensichtlich Vilsmaier in Fahrt. Die Autorin ist Christiane Kohl, heute SZ-Korrespondentin in Rom, und das Buch handelt zwar auch von der denunziatorisch aufgeladenen Atmosphäre eines miefigen Hinterhofs, ist aber vor allem eine faktenreiche, historisch packende Studie über eines der schlimmsten Justizverbrechen des Dritten Reichs: den so genannten Nürnberger "Rassenschande"-Prozess von 1942. Darin wurde der jüdische Großhändler Lehmann "Leo" Katzenberger zum Tod durch das Fallbeil verurteilt, wegen einer angeblichen Affäre mit der jungen Fotografin Irene Scheffler.

Nicht mit Irene

Der Denunziant, soviel ist klar, musste aus dem besagten Hinterhof kommen, wo Leo Katzenberger seinen Firmensitz hatte und Irene, in einer der Mietswohnungen, ihr Atelier betrieb. Ein großes Thema - aber die großen Themen schrecken Vilsmaier keineswegs ab. Sein Bestreben, dem Schicksal Leo Katzenbergers und der Nürnberger Juden dramatische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist erkennbar und ehrenwert. Schwierigkeiten bereiten nur, wie fast immer, seine Mittel.

Das beginnt schon damit, dass der Film nun "Leo und Claire" heißt - obwohl Claire, Leos Ehefrau, nur eine Nebenrolle spielt. Der Titel könnte ein Versuch sein, die Dinge vordergründig klarer zu machen: Seht her, ein liebendes jüdisches Ehepaar, in Würde gealtert, wird Opfer falscher Beschuldigungen - eine äußerst defensive Herangehensweise, weil der Film damit das Nazi-Konstrukt der "Rassenschande" praktisch als gegeben hinnimmt.

In merkwürdigem Kontrast dazu steht Vilsmaiers Darstellung der Irene Scheffler (Franziska Petri): Sie wird pausenlos durch Klofenster und Hintertüren beobachtet, und sie ist ständig nackt. Sogar dann, wenn der Regisseur ihr nahe kommt, wenn die eigene Perspektive nicht mehr mit dem Blick eines Hinterhof-Voyeurs zur Deckung kommt - auch das hat etwas Obsessives. Franziska Petri rettet ihre Figur, indem sie bedingungslos an sie glaubt, aber es scheint fast so, als wolle Vilsmaier den Film auch über Sex verkaufen. Eine zweifelhafte Strategie, speziell in diesem Fall - auf das Prädikat "Holocaust- Epos mit den schönsten Brüsten" kann er es nun wirklich nicht abgesehen haben.

Nicht mit Mario

Mario Adorf, der sich als erster in die Figur des Leo Katzenberger verliebt hatte und mit dem Buch lange auf Lesetour war, ist wegen dieser Probleme aus dem Projekt ausgestiegen. Die Rolle spielt nun Michael Degen - und er ist es am Ende, der dem ganzen Unternehmen noch etwas Gewicht und Glaubwürdigkeit verleihen kann. Man denkt unwillkürlich an Degens eigene Biographie als Jude in Deutschland, die er in dem Buch "Nicht alle waren Mörder" beschrieben hat. Und in dem Moment, wo der Film sich endlich vom Hinterhof löst und an den historischen Schauplatz des Prozesses wechselt, den Nürnberger Schwurgerichtssaal 600, fällt der Ballast von der Geschichte ab.

Da taucht plötzlich Jürgen Schornagel auf, ein Fernseh-Veteran und verdienter Nebendarsteller aus der Vilsmaier-Familie, und zeigt als Unrechts-Richter Rothaug eines der erschreckendsten Naziporträts, die wir bisher im Kino gesehen haben. Mit ihm wird alles plötzlich erkennbar: das Grauen der Zeit, der Wahnsinn, die Methode. Und "Leo und Claire" erreicht am Ende doch noch das Ziel seiner Macher - ein Film zu sein, der die Erinnerung an das Unrecht wach hält.

LEO UND CLAIRE, D 2001 - Regie und Kamera: Joseph Vilsmaier. Buch: Reinhard Klooss, Klaus Richter, basierend auf Motiven der Dokumentation "Der Jude und das Mädchen" von Christiane Kohl. Schnitt: Hans Funk. Musik: Gert Wilden jr. Mit: Michael Degen, Suzanne von Borsody, Franziska Petri, Alexandra Maria Lara, Dietmar Schönherr, Kai Wiesinger, Jochen Nickel, Axel Milberg, Jürgen Schornagel, Jasmin Schwiers, Rüdiger Vogler. Verleih: Odeon/Central, 103 Minuten.