Harrison Ford:"Ich bin froh, dass das Kostüm noch passt."

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Es gibt zwei Dinge, die man besser wissen sollte vor einem Harrison-Ford-Interview, erstens: Er nimmt seine Arbeit ernst, nicht aber sich selbst. Zweitens: Er ist nahezu frei von Sentimentalität. Sein ewiges Schicksal ist es, dass ihm die meisten Menschen als Fans gegenübertreten. Sie sind nicht mal zwangsläufig fanatische Harrison-Ford-Verehrer. Aber sie sind sehr wahrscheinlich Fans von Indiana Jones oder Han Solo. Als Ford, 30 Jahre nach "Star Wars: Die Rückkehr der Jedi-Ritter", seine erste Szene für "Star Wars: Das Erwachen der Macht" drehte, lief das komplette Team am Set zusammen. Der ergraute Han Solo, wie er mit gezückter Laserpistole an Bord des Millennium-Falken stürmt und seinem alten Kumpel Chewbacca ein kurzatmiges "Chewie, we're home" zuraunt: Die Filmleute hatten Tränen in den Augen vor Rührung. Ernsthaft, man kann sich das anschauen. Anschließend sollte Ford in die Kamera sagen, wie er selbst den Moment empfunden habe, er brummelte: "Ich bin froh, dass das Kostüm noch passt."

Man hat sich vorgenommen, ihn nicht nach Han Solo zu fragen.

Jetzt also das nächste Ding, ähnliches Kaliber: 35 Jahre nach Ridley Scotts Dystopie "Blade Runner" macht Ford als Rick Deckard abermals Jagd auf Replikanten. Das ist nicht irgendeine Fortsetzung. Dass "Blade Runner" zu den wichtigsten Werken der Kinogeschichte gehört, ist unter Cineasten ein so heiliges Dogma, dass es Sodbrennen auslösen kann. Jedenfalls hat man angesichts der anwesenden circa 179 Filmkritiker ständig das Gefühl, den Satz "Aber Ridleys Storytelling war doch stellenweise recht krude!" aufstoßen zu müssen. Einfach mal so, um zu sehen, was passiert.

Seine Miene drückt Leidensbereitschaft aus

Für die unfassbare Bedeutung von "Blade Runner" spricht auch, dass der Tag in Berlin ein dystopisches Erlebnis in sich ist. Im Sony-Center geht man durch einen Scanner und wird ausführlicher abgetastet als eben am Flughafen, drinnen im Kino läuft dann aber nicht der fertige Film, sondern nur ein halbstündiger Zusammenschnitt. Hinterher muss man eine Vereinbarung unterschreiben, dass man über das Gesehene nicht berichten wird. Dann wird die Interviewzeit zusammengestrichen. Am Ende dieser Unterweisung in die eigene Amöbenhaftigkeit wartet dann tatsächlich Harrison Ford, der wahrscheinlich auch keinen rasend lustigen Tag hatte. Seine Miene drückt Leidensbereitschaft aus: Bringen wir's hinter uns - mit etwas Glück haben wir ein wenig Spaß dabei. Na dann.

Er ist seit vier Jahrzehnten im Geschäft und hat in einigen der umsatzstärksten Filmen aller Zeiten mitgespielt. Als Schauspieler ist er immer dann besonders gut, wenn seine Figur die Kontrolle verliert; der private Ford hat die Zügel lieber in der Hand, was bedeutet: Die Öffentlichkeit weiß bitte so wenig wie möglich über ihn. Wenn er die Ehefrau wechselt, sich am Set die Knochen bricht (2014: "Raumschiff-Tür fällt auf Fuß von Star") oder mit einem seiner sieben Flugzeuge unterwegs ist (2015: "Ford crasht auf Golfplatz"; 2017: "Beinahe-Zusammenstoß mit Boeing"), dann landet das natürlich trotzdem in den People-Spalten. Für alles andere muss man schon ziemlich tief ins Archiv steigen.

Ford privat ist seit sieben Jahren mit Calista Flockhart verheiratet, der Ally aus "Ally McBeal". Fünffacher Vater, vielfacher Großvater, der mit den Enkeln und Calistas Sohn auf seiner Ranch Vogelhäuschen baut, Kreuzworträtsel löst und was man sonst so macht, wenn man den eigenen Kindern kein Superdaddy war, weil man ein Superstar werden konnte. Er setzt sich für die Befreiung Tibets ein und engagiert sich so leidenschaftlich für den Umweltschutz, dass eine Ameise nach ihm benannt ist, Pheidole harrisonfordi, immerhin. Ins Kino geht er so gut wie nie. Wenn er beim Fernsehen auf sich selbst stößt, sagt er, schaut er ein paar Minuten zu, dann zappt er weiter. "Einmal, ich stand gerade in der Küche und habe Abendessen gemacht, höre ich meine neunjährige Tochter schreien: ,Mommy, Mommy, was ist mit Daddys Gesicht passiert?' Im Fernsehen lief einer meiner alten Filme - und das ist auch schon zwanzig Jahre her."

Er grinst dieses hinreißend schiefe Harrison-Ford-Grinsen, das, wie er später erklärt, mechanische Gründe hat. Als Vierjähriger ist er aus dem Bett auf die Heizung geknallt, seither kriegt er den linken Mundwinkel nicht mehr richtig hoch. Er sagt: "Das Alter passiert. Ich bin aus dem gleichen ollen Scheiß gemacht wie jeder andere. Es ist okay." Nicht auszuschließen, dass er hinter der ruppigen Fassade einen glücklichen Menschen verbirgt.

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