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"Star Trek: Discovery" auf Netflix:Ein Versprechen und eine Menge Explosionen

Kind zweier Kulturen: Sonequa Martin-Green aus der Zombie-Serie The Walking Dead als Michael Burnham

(Foto: Netflix)

Weibliche Hauptfigur, Klingonen mit noch mehr Knochenwülsten, gewaltige Weltraumschlachten. "Star Trek: Discovery" könnte eine richtig gute neue Star-Trek-Serie werden.

Es beginnt, wie es beginnen muss. Mit ein paar sphärischen Pling-Tönen und erhabenen Fanfaren. Während wie von Geisterhand technische Zeichnungen von Phasern, Kommunikatoren und Raumanzügen auf pergamentgelbem Hintergrund entstehen, schwillt die Titelmusik an. Sie bleibt aber vorsichtig, tastend, unentschlossen. Dann, am Ende des Intros, ist sie da: die Tonfolge, auf die Star-Trek-Fans mehr als zehn Jahre gewartet haben, eigentlich aber noch viel länger. Denn im Vorspann der letzten Serie Enterprise kam sie zugunsten eines kitschigen Popsongs überhaupt nicht vor. Aber jetzt, endlich: Taatataaa-tatatatataaa!

Mit Star Trek: Discovery ist am Montag die siebte Fernsehserie aus dem Science-Fiction-Franchise angelaufen, das Gene Roddenberry vor 51 Jahren begründet hat. Damals brach die Crew um Kirk und Spock in unendliche Weiten auf. Es folgten die Kapitäne Picard, Sisko, Janeway und Archer. Jede Neuauflage dieser utopischen Großerzählung über die Sternenerkunderei hatte dasselbe Problem: Sie musste Star Trek bleiben und trotzdem ein neues Star Trek werden.

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Die Pilotfolge von Discovery manövriert sich so souverän durch die Fallstricke eines solchen Neuanfangs wie ihre Hauptfigur Michael Burnham zu Beginn kollisionsfrei durch ein Asteroidenfeld zischt: Es funktioniert, aber es bleibt zu wenig Zeit, um die Aussicht zu genießen.

Zuerst einmal: Michael Burnham ist eine Frau, gespielt von Sonequa Martin-Green aus der Zombie-Serie The Walking Dead. Warum sie einen - zumindest im 21. Jahrhundert - traditionell männlichen Vornamen trägt, bleibt in der ersten Folge charmanterweise vollkommen unkommentiert. Überhaupt ist Burnham eine Ausnahme. Als erster Mensch hat sie als Kind die vulkanische Elite-Ausbildung absolviert. Sie ist die Adoptivtochter von Sarek, Spocks Vater. Es wird angedeutet, dass ihre Eltern bei einem Angriff der Klingonen ums Leben kamen. Die Hauptfigur ist also nicht nur ein Kind zweier Kulturen, sondern auch noch schwer traumatisiert.

Die Handlung von Discovery beginnt im Jahr 2256, neun Jahre bevor Captain Kirk zu seiner Mission aufbricht - und lange bevor die Klingonen ein Friedensabkommen mit der Föderation geschlossen haben. Der Ur-Antagonist des Star-Trek-Universums ist also zurück. Und die Pilotfolge zelebriert das ausgiebig in komplett auf Klingonisch gefilmten, untertitelten Szenen. Doch etwas ist anders: Die Klingonen sind nun nicht mehr nur an der Stirn, sondern offenbar am ganzen Körper mit martialischen Knochenwülsten bedeckt. Wenn einer der Ihren stirbt, kleben sie seinen Sarg außen an die Raumschiffhülle.

Und sie stehen für neue, realweltliche Feinde. Ihr Anführer T'Kuvma spricht wie ein radikaler Identitärer. Der Erstkontakt-Spruch der Sternenflottler, "Wir kommen in Frieden", ist T'Kuvma verhasst. Er will die Reinheit seines kriegerischen Volks bewahren vor der Misch-Zivilisation der Vereinigten Planetenföderation. Wie ginge das besser als mit einem gewaltigen Krieg?

Der visuelle Bombast der ersten Schlacht dieses Kriegs in Discovery ist bezeichnend für die Veränderung seit dem letzten Start eines Star-Trek-Schiffs - im Star-Trek-Franchise wie in der Serienlandschaft. Ein neues Format kann es sich nicht mehr leisten, in der Pilotfolge schön gemächlich Figuren vorzustellen, die sich auf eine Forschungsmission freuen, oder einen alternden Kapitän zu zeigen, der den Staffelstab an den nächsten übergibt. Selbst eine neue Star-Trek-Serie ist inmitten einer unüberschaubaren Menge an Serien-Neustarts nicht mehr zwangsläufig ein Großevent. Deshalb muss es sofort knallen und zwar richtig. Es ist kein Wunder, dass in den aufwändig animierten Kampfszenen visuell vieles an die Star-Trek-Kinofilme von J.J. Abrams erinnert, die seit 2009 zu einer Wiederbelebung des Franchises geführt haben: Angeschrägte Kameraperspektiven, Linsenreflektionen und eine satte, brilliante Farbigkeit.

Wer an Star Trek immer lieber die philosophischen Episoden mochte, in denen die Crew einer neuen Spezies begegnet, die mit ihrer Biologie oder Kultur irgendeinen grundsätzlichen Aspekt des Menschseins in Frage stellt, der könnte vom Auftakt dieser neuen Serie enttäuscht sein. Wenn auch nicht schwer. Es gibt ein paar hübsche Szenen, in denen diese Stärke von Star Trek anklingt: Als Michael Burnham bezweifelt, dass man den Klingonen anders begegnen könne als mit einem Angriff - aufgrund ihrer "Natur" - wundert sich ein Admiral, dass gerade sie so spreche, ein Mensch mit quasi-vulkanischem Gehirn.

Die Frage, was an Gesellschaft und Individuum Natur und was Kultur ist, war neben dem ethisch korrekten Umgang mit Verschiedenheit schon immer eins der großen Star-Trek-Themen. Regelmäßig fiel die Antwort zugunsten der Kultur aus. In der Pilotfolge von Discovery geht diese Frage zwischen gewaltigen Explosionen ein wenig unter. Aber das Versprechen, dass sie intensiv gestellt werden wird, das ist da.

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