Hackerkongress:Die Elite im Bällebad

Lesezeit: 5 min

Computer Hackers Meet For Annual Congress

Teilnehmer des diesjährigen Hackerkongresses: In Workshops und Vorträgen ging es auch um die Gesellschaft der Zukunft.

(Foto: Patrick Lux/Getty Images)

Der Chaos Computer Club lud nach Hamburg zur 29C3. Auf dem Hackertreffen war Platz für Kreativität - aber auch für ernsthafte Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen. Außerdem bewiesen die Computerfans: Sie haben ihren ganz eigenen Humor.

Von Johannes Boie, Hamburg

Zum Beispiel Tilo Müller. Tilo ist ein junger Mann, der Festplatten hackt. Das heißt, er verschafft sich Zugriff auf Daten, die ihm nicht gehören.

Hamburger Kongresszentrum, zwischen den Jahren. Vier Tage lang treffen sich Hacker und Computerfans, Bürgerrechtler und Juristen auf der 29. Chaos Communication Camp-Konferenz (29C3) des Chaos Computer Clubs im Hamburger Kongresszentrum. In über 100 Vorträgen und Workshops diskutieren sie miteinander und schießen nebenbei erfahrungsgemäß ein paar rechtsradikale Webseiten aus dem Internet. Das gehört zum guten Ton, ebenso wie möglichst schwer verständliche Anspielungen und Witze auf dem T-Shirt zu tragen.

Auch 2012 sind nur sehr wenige Frauen unter den Besuchern des 29C3, dafür sehr viele junge Männer, die meisten in Schwarz gekleidet. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier eine Elite tagt. Hier treffen sich Menschen, die wissen, wie Computer und digitale Technik, vom Smartphone bis zur Drohne, funktionieren. Sie haben die Hoheit über die Verbreitung von Informationen, sie sind die Buchdrucker, die Königsberater, die Chefredakteure, die Professoren des 21. Jahrhunderts. In Hamburg diskutieren sie unter anderem über Themen wie "Cyberwar statt Cyberpeace", "Privacy and the Car of the Future", "Hacking Cisco Phones" und "Meine Kleidung funkt - Tracking von Menschen durch in Kleidung integrierte RFID-Chips".

Ein Besucher trägt ein T-Shirt, auf dem steht: "Ich bin /root, ich darf das". Eine Anspielung, auf die besonderen Rechte eines Administrators.

Mangelhafte Computersicherheit weit verbreitet

Tilo Müller knackt Festplatten übrigens ganz legal als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Erlangen, und auf dem 29C3 erklärt er, wie das geht. "Der linke ist jetzt der Opferrechner", sagt Müller und zeigt ein kurzes Video von zwei Computern. Es dauert keine zehn Sekunden und eine Textdatei vom linken PC ist plötzlich auf dem Bildschirm des rechten Rechners zu sehen. Müller hat das System überlistet. Große Freude im Publikum. Johlen, jauchzen, einerseits, andererseits seufzt ein Dicker im Kapuzenpullover "Aua, aua, man, man, man". Jede Dosis von Club Mate-Limonade ist für einen echten Hacker in Ordnung, aber bei mangelhafter Computersicherheit wird ihm schlecht.

Weil der Hacker weiß, was passieren kann. Müller, zum Beispiel, kennt ein paar Zahlen: Allein an amerikanischen Flughäfen gehen Woche für Woche 5000 Rechner verloren. Unternehmen beziffern den Verlust eines Dienstlaptops durchschnittlich mit circa 35 000 Euro, vor allem, weil die Daten auf den Geräten oft viel wert sind. Nicht gut also, dass von den zwölf handelsüblichen Notebooks, die sich Müller vorgenommen hat, elf bereits bei einem der ersten Angriffe versagen.

Die Elite im Bällebad

Gegen Mittag hängen ein paar Hacker auf dem Kongress im Bällebad fest, vielleicht haut Club Mate mehr rein als man dachte, vielleicht ist das Bällebad auch nur eine Reminiszenz an Parteitage der Piratenpartei. Alle anderen sitzen still vor ihren Bildschirmen. Unbewegliche Körper, nur die Finger rasen über die Tastaturen. Bildschirme flackern, LEDs blinken. Die Räume sind abgedunkelt. Auf einem T-Shirt steht: "Keine Bilder - Hiermit widerspreche ich der Aufzeichnung, Speicherung, Ausstrahlung und sonstigen Verwendung meines Bildes. Dieses T-Shirt wurde drucktechnisch erstellt und bedarf daher keiner Unterschrift".

Christian Schöring ist ein 43 Jahre alter Industriedesigner aus Bamberg. Dort ist er Mitglied der kleinen Hackergruppe Backspace. Schöring hat einen Styroporschneider mit einem alten Scanner verbunden, der mit seinem PC verkabelt ist. Er kann Grafiken auf seinem Computer mit dem Styroporschneider und dem Scanner auf drei Millimeter genau aus Styropor schneiden lassen. Die Styroporfiguren legt er dann in Quarzsand, den er mit flüssigem Aluminium ausgießt. Daraufhin verpufft das Styropor und Schöring erhält seine Figur als Aluminiumguss. Er schmilzt alte Computerkühler ein, um Aluminiumrohmaterial zu erhalten. All das präsentiert Schöring in Hamburg. Schräg hinter seinem Kopf schwebt eine kleine Drohne in der Luft.

Man guckt sich das eine Weile an, das Styropor, den Schneider, den Scanner. Dann fragt man: warum? Schörings vollständige Antwort: "Du hast zu Hause nen alten Scanner rumfliegen und dann noch nen alten Styroporschneider." Er hätte auch sagen können: "Weil es geht", aber dazu ist er zu höflich. Was er beschreibt, ist die Grundlage des Hackerlebens: eine kreative Idee. Frage nicht, warum. Frage, warum nicht. In dieser Hinsicht ist es egal, ob am Ende eine Aluminiumfigur entsteht oder die Erkenntnis, dass deutsche Behörden mangelhafte Software verwenden, um deutsche Bürger zu überwachen.

Vortrag über den Staatstrojaner

Letzteres wird deutlich im Vortrag von CCC-Sprecherin Constanze Kurz und dem Juristen Ulf Buermeyer, Richter am Berliner Landgericht. Sie haben sich im vergangenen Jahr vor allem mit dem Staatstrojaner befasst, also dem kleinen Spionageprogramm, das Ermittlungsbehörden heimlich auf privaten Computern speichern können, um Personen zu überwachen. Eine Stunde geht es um Rechtsgrundlagen wie das Zollfahndungsdienstgesetz, um die bayrische Variante der Software, die "glasklar rechtswidrig" gewesen sei (Buermeyer) - und es geht um einen vertraulichen Bericht des Bundesdatenschützers Peter Schaar, der wie von Wunderhand im Internet gelandet ist. Ob der CCC da seine Hand mit im Spiel hatte? Die Hacker im Saal lachen. Klar ist: der Staat schnüffelt längst auch in den allerintimsten Lebensbereichen seiner Bürger herum, oder, wie es Buermeyer ausdrückt, er ist zum Beispiel aktiv in der "Aufzeichnung und Verschriftlichung von Telefonsex-Dialogen". Jedes Vergehen des Staates haben die CCC'ler dokumentiert, die geheimen Berichte, die Fehler des Staates, die mannigfaltigen Verletzungen von Privatsphäre.

Auf dem T-Shirt eines Zuhörers steht "i hack charities", ein ironisches Statement zur dämlichen Frage, ob Hacker nun gut oder böse sind. Über die Jahre ist der Club zum wichtigsten Fürsprecher der digitalen Gesellschaft geworden. Das Aufgabengebiet wird immer größer. Im vergangenen Jahr kämpfte der Club mit großem Erfolg gegen das Acta-Abkommen, gegen Internetsperren und digitale Zensur. Längst melden sich Mitglieder der Bundesregierung und bitten um vertrauliche Gespräche. Beim 29C3 kamen über 6000 Besucher nach Hamburg, das sind rund 2000 mehr als noch im vergangenen Jahr. Und dennoch verdient niemand im Club Geld mit seiner Arbeit, ganz im Gegenteil, beim Club wäre man froh, wenn man nach dem Kongress auf eine schwarze Null kommen würde. "Aber wenn es Geld für die Arbeit geben würde, wäre ich weg", sagt Sprecherin Kurz. Sie arbeitet hauptberuflich als wissenschaftliche Projektleiterin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Ehrenamtlich für den Club zu arbeiten ist für sie Teil ihres Hackerdaseins, nicht bezahlt zu werden, gibt ihr die Freiheit, zu machen, was sie für richtig hält. Auf dem T-Shirt von Kurz steht: "I failed the Turing Test". Das findet man lustig, wenn man weiß, dass der Turing Test einst entwickelt wurde, um zu prüfen, ob eine Maschine denken kann wie ein Mensch.

Dieses Jahr wurde der Kongress zum Ärger mancher Hacker von Feministinnen besucht, zum Beispiel von Julia Seeliger. Die Ex-Grüne, Ex-Bloggerin der FAZ und Ex-Redakteurin der Tageszeitung hielt einen Workshop mit dem Titel: "Sexuelle Beziehungen in Phantasie und Praxis - Vergewaltigung, eine Übung". In ihrem Vortrag ging es um eine Klotür in einem Berliner Club, auf der eine weibliche Comicfigur mit großen Brüsten zu sehen war. In ihrem Blog schreibt Seeliger, dass sie 2012 zu kiffen aufgehört habe und aus ihrer WG geflogen sei. Auch so etwas gehört zum CCC: Mitläufer, die ihre eigenen Themen unterbringen wollen.

Auf einem T-Shirt steht: "Sie können den Computer jetzt wegwerfen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema