Grammy Awards:"Füllt die Stille mit Musik"

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Grammy Awards: "Wir verteidigen unsere Freiheit, um leben, lieben und Musik machen zu können", sagte der ukrainische Präsident Selenskij in einer Videoansprache.

"Wir verteidigen unsere Freiheit, um leben, lieben und Musik machen zu können", sagte der ukrainische Präsident Selenskij in einer Videoansprache.

(Foto: Chris Pizzello/dpa)

Wolodimir Selenskij hält eine Rede bei den Grammy Awards in Las Vegas. Wie geht das zusammen - Krieg und Unterhaltung?

Von Jürgen Schmieder

"Krieg. Was könnte gegensätzlicher zu Musik sein als die Stille zerstörter Städte und getöteter Menschen?" So beginnt Wolodimir Selenskij seine Rede bei den Grammy Awards. Der ukrainische Präsident ist per vorher aufgezeichneter Videobotschaft aus der Heimat zugeschaltet, seine Ansprache beendet er mit diesen Worten: "Wir verteidigen unsere Freiheit, um leben, lieben und Musik machen zu können." Auf der Bühne: John Legend. Er sitzt am Klavier, umringt von der ukrainischen Harfenistin Siuzanna Iglidan, der ukrainischen Sängerin Mika Newton und der ukrainischen Dichterin Ljuba Jakimtschuk.

Sie präsentieren Legends neuen Song "Free" und gegen Ende trägt Jakimtschuk, erst vor wenigen Tagen aus der Ukraine geflohen, Auszüge aus ihrer Vaterunser-Version "Prayer" vor: "Unser täglich Brot gebe all denen, die hungern. Und vergib uns unsere zerstörten Städte - auch wenn wir unseren Feinden nicht dafür vergeben. Beschütze meinen Ehemann, meine Eltern, mein Kind und mein Heimatland." Auf den Leinwänden sind Bilder aus der Ukraine zu sehen, Legend endet mit den Worten "bis wir alle frei sind".

Da war er, der Moment, der so eine Veranstaltung, wie die Amerikaner sagen: memorable macht - erinnerungswürdig. Die Musikbranche zeigte also, mal wieder, dass das schon geht: sehr gut gelaunt und doch nachdenklich zu sein. Dreieinhalb Stunden lang und doch kurzweilig. Eine Würdigung aller Stars und doch auch eine Hommage an die Leute hinter den Kulissen. Es war eine ganz bewusste Abkehr von der Oscar-Verleihung, die zuletzt stets stinklangweilige Selbstbeweihräucherung der Filmbranche, die heuer nur memorable war wegen der Zurschaustellung toxischer Männlichkeit. Weitestgehend: Den Grammy für "Best Comedy Album" gewann der Komiker Louis C.K. und zwar für "Sincerely Louis CK", jenes Programm, in dem er unter anderem thematisierte, vor mindestens fünf Frauen, teils gegen deren Willen, masturbiert zu haben.

Grammy Awards: Während im Hintergrund Bilder aus der Ukraine gezeigt werden, tritt John Legend in Las Vegas mit der ukrainischen Sängerin Mika Newton auf.

Während im Hintergrund Bilder aus der Ukraine gezeigt werden, tritt John Legend in Las Vegas mit der ukrainischen Sängerin Mika Newton auf.

(Foto: Valerie Macon/AFP)

Im Social Web sorgte das für Diskussionen. In Las Vegas erlebt man ansonsten eine faszinierend gute, extrem lebendige Show. Natürlich tut sich die Musikbranche leichter als andere Sparten der Unterhaltungsindustrie, wenn sie sich nur an den unvergesslichen Spruch des unvergesslichen Gesamtkunstwerks David Bowie hält: "Ich weiß nicht, wohin ich gehen werde - ich weiß nur, dass es nicht langweilig werden wird." So passiert es dann also, dass Sängerin SZA auf Krücken zur Bühne humpelt, um ihren Preis in der Kategorie "Best Pop Duo/Group Performance" für ihr Lied "Kiss Me More" entgegenzunehmen. Dass Lady Gaga deshalb die Schleppe von SZAs Kleid richtet und Song-Partnerin Doja Cat völlig abgehetzt auf der Bühne verkündet: "So schnell habe ich noch nie in meinem Leben gepisst."

So passiert es also auch, dass Avril Lavigne aus dem Jungbrunnen, in dem sie die vergangenen 20 Jahre verbracht haben muss, auf die Bühne kommt, und bei allen Millennials für Verzückung sorgt, wie zuletzt nur die 90er-Jahre-Rapper beim Super Bowl. Dass die südkoreanische K-Pop-Boyband BTS zwischen Country-Blues-Schmirgelpapierstimme Chris Stapelton und dem Over-the-Top-Performer Lil Nas X auftritt. Dass Sängerin H.E.R. bei ihrem Auftritt von Lenny Kravitz und Travis Barker begleitet wird und plötzlich an den Drums sitzt und ein Solo gibt.

Grammy Awards: Avril Lavigne muss die vergangenen 20 Jahre in einem Jungbrunnen verbracht haben.

Avril Lavigne muss die vergangenen 20 Jahre in einem Jungbrunnen verbracht haben.

(Foto: Mario Anzuoni/Reuters)

Außerdem zeigten die Grammys - anders als die Oscars, die beschlossen hatten, Preise an die Gewinner nicht so berühmter Kategorien nicht während der Live-Übertragung zu vergeben -, dass auch das geht: Live-Künstler können von sogenannten "Below the Line"-Leuten angekündigt werden. Menschen, die hinter den Kulissen dafür sorgen, dass die Show weitergeht und die von der Corona-Pandemie deshalb besonders gebeutelt waren, können also sichtbar werden, ohne dass das fad würde. Die Produktionsmanagerin Nicole Massi zum Beispiel stellte Billie Eilish vor, die dann im Taylor-Hawkins-Shirt (der Drummer der Foo Fighters war am 25. März verstorben) "Happier Than Ever" sang.

Es sind diese vielen eklektischen Momente, die den Anachronismus "Award Show" in der Nur-ein-paar-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne der Tiktok-Gegenwart verankern. "Es ist tatsächlich ein Konzert, bei dem auch Preise verliehen werden", sagte Moderator Trevor Noah. Der ist mit seiner Late-Night-Satire "The Daily Show" gewöhnlich das schlechte Gewissen der USA, nun gab er den harmlosen Conférencier ohne böswillige und bösartige Witze. Selbst das geht also - ohne langweilig oder belanglos zu sein.

Grammy Awards: Jon Batiste hat fünf Grammys gewonnen - darunter den für das "Album des Jahres".

Jon Batiste hat fünf Grammys gewonnen - darunter den für das "Album des Jahres".

(Foto: Steve Marcus/Reuters)

Klar wurden auch Preise vergeben. Jon Batiste gewann fünf, darunter jenen für das beste Album des Jahres für "We Are". Olivia Rodrigo wurde als Newcomerin des Jahres ausgezeichnet - ein klein wenig wundersam, schließlich war die Künstlerin schon im Jahr 2021 "Entertainer of the Year" des Magazins Time. Ihr Album "Sour" wurde außerdem "Best Pop Vocal Album". Weitere Gewinner waren das Funk-Duo Silk Sonic, bestehend aus Bruno Mars und Anderson Paak. Letzterer zeigte nun auch noch, dass Selbstbewusstsein selbstironisch daherkommen kann: "Also, ich will ja nun wirklich bescheiden daherkommen", sagte er, weil Silk Sonic mit "Leave the Door Open" auch in der Kategorie Best Song gewann: "Aber da, wo ich herkomme, nennt man das abräumen."

"Füllt die Stille mit Musik", rief der ukrainische Präsident Selenskij den Leuten noch zu. "Erzählt unsere Geschichte und die Wahrheit. Unterstützt uns auf jede Art, die ihr wollt, nur nicht in Stille."

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