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Gespräch: Filmemacher Ulrich Seidl:Der Keller in uns

Nach den Fällen Kampusch und Fritzl: Ulrich Seidl ist für eine Dokumentation in die Keller seiner österreichischen Landsleute gestiegen. Ein Gespräch über menschliche Abgründe, Doppelexistenzen und kollektives Verdrängen.

In seinen Filmen beschäftigt sich der Österreicher Ulrich Seidl, 57, vor allem mit menschlichen Abgründen. Sein bekanntester Film "Hundstage" gewann 2001 den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Venedig. Für ein neues Dokumentarfilmprojekt interessiert sich Seidl derzeit sehr für die Keller seiner Landsleute. Die Fälle Kampusch und Fritzl brachten ihn auf diese Idee.

Das Haus von Josef Fritzl soll abgerissen werden - fordern viele Österreicher. Laut Filmemacher Ulrich Seidl ein klarer Fall von kollektivem Verdrängen. Darin seien die Österreicher schließlich auch besonders gut.

(Foto: AP)

SZ: Herr Seidl, Sie arbeiten gerade an einem Film, in dem Sie die Beziehung von Österreichern zu ihren Kellern dokumentieren. Was haben Sie in österreichischen Kellern schon alles gefunden?

Seidl: Da gibt es Bastelräume, Fitnessräume, Partyräume, Vorratsräume. Wie woanders auch. Am meisten interessiert mich aber das Verborgene.

SZ: Was heißt das?

Seidl: Ich schaue, was Keller über ihre Besitzer sagen. Die menschlichen Abgründe, die sich im Abgrund eines Kellers spiegeln - das finde ich spannend. Der Keller kann ja ein Ort der Freiheit sein, aber auch ein Gefängnis. Wir haben Keller gefunden, in denen geschossen wird. Wir fanden Österreicher, die sich im Keller geißelten. Wir lernten auch ein Ehepaar kennen, das sich heimlich im Keller ein Sex-Studio eingerichtet hat.

SZ: Sie gelten als Spezialist für die Neurosen und Psychosen Ihrer Landsleute. Bisher haben Sie es allerdings abgelehnt, sich als Filmemacher zu den Fällen Kampusch und Fritzl zu äußern.

Seidl: Ich betrachtete mich für nicht zuständig. Aber natürlich waren genau diese Fälle ein Anstoß, mich auf die Recherche in den Untergrund meines Landes zu begeben.

SZ: Was halten Sie davon, dass die Menschen in Amstetten den Abbruch des Hauses herbeisehnen, in dessen Keller Josef Fritzl 24 Jahre lang seine Tochter gefangen hielt, sie unzählige Mal vergewaltigte und mit ihr sieben Kinder bekam?

Seidl: Hier geht es um kollektives Verdrängen. Sehen Sie: Auch in Berlin wurde der ehemalige Palast der Republik abgerissen. Wenn ich das richtig sehe, dann doch vor allem aus dem Grund, dass man nicht mehr an die schreckliche Zeit der DDR erinnert werden wollte. Ein bisschen kann man das auch mit Amstetten vergleichen. Die Leute dort könnten ja sagen: Was haben wir mit dem Fritzl-Haus zu tun? Das waren wir ja nicht! Aber offensichtlich gibt es eine Art gemeinsamer Scham für das, was passiert ist. Vielleicht ist es eine Art Angst vor dem eigenen Abgrund.

SZ: Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit dem Haus umgehen?

Seidl: Jedes Haus hat seine Geschichte. Ich verstehe nicht, warum diese durch Auslöschung unsichtbar gemacht werden soll. Ich glaube schon, dass niemand neben diesem Gebäude wohnen möchte. Aber auch dann, wenn das Fritzl-Haus nicht mehr in Amstetten steht, wird es doch weiterhin im Gedächtnis bleiben.

SZ: Es gibt Menschen, die reisen nach Amstetten, nur um das Haus zu sehen. Ein Reporter der Bild-Zeitung hat Herrn Fritzl gerade im Gefängnis interviewt und öffentlich als "sehr, sehr intelligenten Mann" mit "gutem Humor" beschrieben. Gegen den Reporter wurde Anzeige erstattet.

Seidl: Obwohl eigentlich niemand mit dem Grauen konfrontiert werden möchte, ist es doch gerade das Grauen, das eine gewisse Faszination auf uns ausübt. Wie hat er das gemacht? Über so lange Zeit! Ob auch ich zu so etwas fähig wäre? Besonders erschreckend ist es, wenn das Unglaubliche ganz alltäglich daherkommt. Bei meinen Recherchen etwa habe ich mich in die Keller von Neonazis vorgewagt. Wie sich herausstellte, wusste das ganze Dorf Bescheid, dass in diesem Keller dem Ewiggestrigen gehuldigt wird. Anstößig fand das niemand.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Seidl über die spezielle Mentalität der Österreicher sagt.