bedeckt München 17°
vgwortpixel

"Für Sama" im Kinoi: "Keine Zeit, irgendwas zu fühlen"

Die kleine Sama wird zur Anklägerin, aber auch zum Symbol der Hoffnung in der durch den Bürgerkrieg verwüsteten Stadt Aleppo.

(Foto: Filmperlen)

"Für Sama" zeigt den Horror des Syrienkriegs aus Sicht einer Mutter, die den Alltag im Bombenhagel mit der Kamera dokumentiert hat - eine Botschaft nicht nur an ihre Tochter.

Wie lässt sich im Kino vom Krieg erzählen? Noch dazu von einem so fernen, unübersichtlichen Krieg wie dem in Syrien? Waad al-Kateab hat einen radikal persönlichen, parteiischen Weg gewählt. "Für Sama" ist eine Briefbotschaft an ihre kleine Tochter, die sie am 1. Januar 2016 in Aleppo zur Welt brachte. Der Tochter erzählt sie vom Aufstand gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad, ihren Träumen von Freiheit und Mitbestimmung. Wie sie sich während des Bürgerkriegs in Samas Vater verliebt, ihn heiratet und schwanger wird. Sie erzählt von Luftangriffen, Fass- und Streubomben, von Giftgas und Heckenschützen. Und warum sie und ihr Mann Hamza Aleppo trotzdem nicht verlassen wollten. "Wirst du mir das je verzeihen?", fragt Waad al-Kateab.

Nachdem der Krieg in Syrien noch einmal eskaliert ist, gerade Millionen Menschen Richtung Europa fliehen, Griechenland mit Wasserwerfern und Tränengas versucht, die Vertriebenen an der Grenze aufzuhalten, kann es kaum einen dringlicheren Film zum Thema geben als diesen. "Für Sama" zeigt, wovor die Menschen davonlaufen, die da an Europas Grenze in der Kälte kampieren. Er ist eine Innenansicht des Krieges, wie man sie noch nicht gesehen hat. Die Brutalität, mit der das Assad-Regime und das russische Militär gezielt die Zivilbevölkerung attackieren, ist hier einmal nicht aus der Drohnenperspektive westlicher Nachrichtenmedien zu sehen, sondern aus dem Blickwinkel einer Frau, die den Bomben ausgesetzt war und Angst um ihr Kind hatte.

Über fünf Jahre hinweg führte Waad al-Kateab ihr filmisches Tagebuch, das leicht zum Vermächtnis an ihre Tochter hätte werden können. Stattdessen fanden die Aufnahmen den Weg an die Öffentlichkeit. Mithilfe des britischen Filmemachers Edward Watts dokumentierte die junge Syrerin (der Name Waad al-Kateab ist ein Pseudonym, um die Familie zu schützen) die Schrecken von Aleppo für "Channel 4 News" unter dem Titel "Inside Aleppo". "Für Sama" zeigt viele dieser Aufnahmen, geschickt montiert mit einem weiter gespannten Erzählbogen.

Die erschütterndsten Szenen spielen sich in dem Krankenhaus ab, in dem ihr Mann Hamza als Arzt arbeitet; am Ende ist es das letzte verbliebene Krankenhaus im belagerten Teil der Stadt. Die ganze Familie ist dort untergebracht, und Waad al-Kateab filmt die Verwundeten und die Toten, Lachen von Blut auf dem Boden, die Wasserleitungen sind defekt. "Keine Zeit, irgendwas zu fühlen", kommentiert sie. Dabei ist ihre Anteilnahme mit den Gefilmten immer zu spüren. Sie zeigt traumatisierte, verstümmelte Kinder; eine Mutter, die den Leichnam ihres toten Kindes nach Hause trägt. "Für Sama" ist stellenweise kaum auszuhalten. Einmal schneiden die Ärzte einer schwerverwundeten, hochschwangeren Frau das Baby aus dem Leib, aber es will und will nicht schreien. Bis das scheinbar tote Häufchen doch noch das erlösende Zeichen von sich gibt: ein lautstarkes Lebenszeichen wie dieser Film.

"Für Sama" wurde unter anderem in Cannes mit Preisen bedacht und war für den Oscar nominiert

In Filmhochschulen wird gern diskutiert, wann ein Dokumentarist die Kamera auszuschalten hat, ob man Menschen filmen darf, die dem nicht widersprechen können. Waad al-Kateab überschreitet ständig solche Grenzen des Privaten. Die akademische Frage, ob das "erlaubt" sei, zerbröselt aber angesichts der Dringlichkeit, der Welt von der humanitären Katastrophe in Syrien zu erzählen. Zu spüren ist außerdem das Mitgefühl, das die Regisseurin mit den Menschen vor ihrer Kamera hat. Waad al-Kateab ist keine gelernte Kamerafrau, sie hatte auch noch nie zuvor Regie geführt. Aber sie hält nicht einfach nur drauf, sondern gibt dem Chaos um sich herum eine Form, immer wieder gelingen ihr kraftvolle Bilder voller Poesie. "Für Sama" wurde inzwischen mit zahlreichen Preisen bedacht, unter anderem in Cannes als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet, außerdem war er für den Oscar nominiert. Man darf vermuten, dass der erfahrene Dokumentarist Edward Watts vor allem an der Montage Anteil hatte. Waad al-Kateabs Talent, ihr Instinkt für symbolträchtige Szenen aber ist nicht zu übersehen.

Über fünf Jahre hinweg hat Waad al-Kateab ihren Alltag gefilmt.

(Foto: Filmperlen)

Neben dem Terror sind es vor allem die privaten, immer wieder sogar heiteren Momente, die "Für Sama" so einzigartig machen. Am Anfang des Films ist die Regisseurin als hübsche junge Studentin zu sehen, 18-jährig hatte sie in Aleppo ein Marketing-Studium begonnen. Mit dem Arabischen Frühling beginnen auch dort die Proteste, sie filmt mit dem Handy die Demonstrationen der Studenten, albert herum mit ihren Freunden, die Männer pinseln sich gegenseitig das Wort "Freiheit" auf die Stirn. Es sind kluge und witzige junge Leute, die auch "Fridays for Future"-Aktivisten aus dem Westen sein könnten.

"Für Sama" ist nicht chronologisch geschnitten, der Film wechselt zwischen der Aufbruchstimmung des Anfangs und der Hölle des Bürgerkriegs hin und her. Tote werden aus dem Fluss geborgen, mutmaßlich vom Assad-Regime massakrierte Rebellen. Ihre Eltern drängen Waad, Aleppo zu verlassen. Aber sie bleibt und filmt, wie ihre Freunde ein Krankenhaus einrichten, wo auch Hamza, ihr späterer Mann, arbeitet. Sie verliebt sich, Waad und Hamza feiern Hochzeit. In Aleppo ist Chaos, und im Ultraschall ist die kleine Sama zu sehen. Die Momente des allgemein Menschlichen in dieser Ausnahmesituation machen den Krieg als Alltagserfahrung vorstellbar.

"Für Sama" ist so ziemlich das Gegenteil von Sam Mendes' Spielfilm "1917", der durch seine One-Take-Ästhetik und die Heldenstory den Zugang zur Kriegserfahrung eher verstellt. Als junge idealistische Studenten, als Liebes-, später als Elternpaar rücken Waad und ihre Familie dem Betrachter näher. Sama, der der Film gewidmet ist, ist erst als Baby, später als süßes Kleinkind zu sehen: wie sie zwischen Trümmern einen ausgebrannten Bus bemalt, als Bespaßung im Kriegsgebiet, oder mit Mundschutz zwischen den Klinikärzten für ein Foto posiert. Das Kindergesicht als Anklage, als symbolische Vertretung für die unschuldig leidenden Bewohner Aleppos und gleichzeitig als Hoffnungsschimmer, wäre in einem anderen Film ein billiger Trick. In diesem Fall ist es ein notwendiger Hinweis darauf, dass es Menschen sind, die in Syrien bombardiert werden.

Auf politische Analysen lassen sich die Filmemacher nicht ein. Wo die Fronten verlaufen, welche geopolitischen Interessen im Spiel sind, ob die Rebellen idealistische Freiheitskämpfer oder islamistische Fanatiker sind, ist kein Thema. So gesehen erzählt "Für Sama" nur die halbe Wahrheit - die allerdings die einzige Wahrheit einer jungen Frau aus Aleppo ist, die jahrelang um ihr Leben und das ihrer Familie fürchten musste. Dass der deutsche Kinostart des Films nun mit dem Wiederaufflammen der Flüchtlingskrise zusammenfällt, war nicht vorauszusehen. Es macht den Film zu einem Appell an den Westen, endlich Verantwortung zu übernehmen.

For Sama, GB 2019 - Regie: Waad al-Kateab, Edward Watts. Kamera: W. al-Kateab. Schnitt: Chloe Lambourne, Simon McMahon. Filmperlen, 95 Min.

© SZ vom 04.03.2020
70th Berlinale International Film Festival in Berlin

Berlinale-Sieger "There is No Evil"
:Fanal gegen die Todesstrafe

Der Goldene Bär geht an den iranischen Film "There is No Evil" - ein heimlich gedrehter Film über Hinrichtungen, der dem Regime kaum gefallen dürfte.

Von Susan Vahabzadeh

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite