Frankfurter Städel-Museum eröffnet Anbau Es geht sehr deutsch zu

Aber nicht immer wurde die aktuelle Produktion in dem Kunstinstitut so groß geschrieben, wie sein Initiator Johann Friedrich Städel sich dies vor 200 Jahren programmatisch gewünscht hatte - es gibt Lücken. So zählen großartige Zeichnungen von Pollock und Serra, ein ungewöhnliches Querformat von Kenneth Noland oder eine "Furniture Sculpture" von John Armleder zu den wenigen Arbeiten, die in der neuen Präsentation nachhaltig amerikanische Akzente setzen. Letztere wurde ebenso aus Mitteln des mäzenatischen Städel-Komitees erworben wie eine Tafel mit Grün und Violett auf schwarzem Grund von Ad Reinhardt aus dem Jahr 1943.

195 Bullaugen tüpfeln das gewölbte Grün in futuristischer Anmutung. Im Innern ist von dem außergewöhnlichen Entwurf noch die wunderbar sanft gerundete Deckenschale sichtbar.

(Foto: dpa)

In einem Parcours, den die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi aus Achsen und Kuben unterschiedlicher Größe um ein offenes Zentrum anlegen, wechseln und mischen sich chronologische und thematische Gesichtspunkte. Ein Schwerpunkt liegt auf dem deutschen Informel, um dessen Image als verzopfte Abstraktion es besser bestellt sein könnte. Hier gelingen dem Sammlungskurator Martin Engler ausgesprochen schöne Konstellationen über die Jahrzehnte hinweg: Er kombiniert eine ungegenständliche Fotografie von Wolfgang Tillmans mit Werken von Imi Knoebel und dem Rakel-Virtuosen Karl Otto Götz zu sprechenden Konstellationen, Emil Schumacher rückt in die Nachbarschaft von Per Kirkeby. Kaum bekannt und unbedingt sehenswert ist ein Bild von Wols mit dem Titel "Der Pfeil" (1951) in Rot auf Weiß: Hier zeigt sich das stärkste Temperament des europäischen Informel.

Markant vertreten sind Ernst Wilhelm Nay mit lebensgetränkten Spätwerken, Gotthard Graubner mit einem vibrierenden Kissenbild, das noch auf die Spannung von Figur und Grund setzt, oder Gerhard Hoehme mit einem ebenfalls ungewöhnlichen Schnurbild, auf das Leni Hoffmann mit einer "Soft Sculpture" aus hängendem Kabel antwortet.

Mit ungebrochener, den eigenen Kräften vertrauender Malerei ist das Städel ganz in seinem Element. Beispielhaft dafür ist eine drangvolle Bildergruppe mit frühen Gemälden von Georg Baselitz und Eugen Schönebeck, die 1961 in ihrem "Pandämonischen Manifest" gegen das "Glatte und Schöne" zu Felde zogen, im Verbund mit energiegeladener Malerei von Asger Jorn und Karl Appel, Eugène Leroy und Leon Golub.

Auch das Museum für Moderne Kunst benötigt Anbau

Ein sehenswertes Kabinett führt Grafiken von Polke und Richter zusammen, der einst in Düsseldorf propagierte "Kapitalistische Realismus" bekundet seinen Reiz mit einem Fußballer-Bild von Konrad Lueg, der kurz darauf als Galerist Konrad Fischer eine einflussreiche Karriere im Rheinland starten sollte. Plausibel vereinen sich auch Gesellschaftskritik und Agitprop von Immendorff, Wolfgang Mattheuer, Arno Rink und Willi Sitte.

Manche Bereiche erinnern allerdings eher an die Hängung in einem Schaulager, als dass sie einer pointierten Bildung von Kontexten dienen. Auf Fotografie gestützte Kojen mit Themen wie "Häuser, Straßen und Reihen" oder "Performance und Fotografie" erweisen sich ebenso als didaktische Ghettos, wie eine Werkgruppe namens "Paintless" mit konzeptueller Malerei, wobei sich hier durchaus plausible jüngere Erwerbungen - etwa des Franzosen Bernard Frize - finden. In einer solchen Minikoje bringt man allerdings Juwelen wie Peter Roehrs zehn "Schwarze Tafeln" aus dem Jahr 1966 nicht zum Funkeln.

Solche Werkgruppen lassen aber erahnen, warum in Frankfurt eine Debatte über den Anbau geführt wurde, kümmert sich dort doch auch das 1991 gegründete Museum für Moderne Kunst um die Zeitgenossen und wünscht sich mit seinen gefüllten Depots kaum etwas sehnlicher als einen Anbau. Doch die Gegenwartskunst im Städel ist anders - gediegener, langsamer. Die überlieferten Gattungen bleiben dort intakt und unter sich. Auch dafür wird sich ein Publikum finden.

Der Erweiterungsbau des Städel-Museums in Frankfurt wird am 25. Februar eröffnet. Der Sammlungskatalog kostet 35 Euro, eine Festschrift zum Anbau 39,80 Euro. www.staedelmuseum.de

Pionier der Farbfotografie

mehr...