Framing-Check: "Flüchtlingswelle" Wenn Menschen zur Naturkatastrophe werden

Welle = Naturgewalt und damit eine Bedrohung?

(Foto: picture alliance / dpa)

Wer von einer "Flüchtlingswelle" spricht, beschwört eine Ur-Kraft herauf, geeignet, ganze Städte wegzuspülen. Das hat wenig mit der Realität zu tun - und viel mit politischer Agenda.

Von Jakob Biazza

Wo Sprache ist, da ist quasi immer auch Subtext. Vor allem dort, wo Sprache politisch wird. Zur Analyse dieser Subtexte hat sich in der Forschung in den vergangenen Jahren das Konzept des Framings etabliert. Framing meint einen Assoziations- und damit Deutungsrahmen für Begriffe: Wer zum Beispiel "Zitrone" hört, denkt vermutlich an "sauer" oder "gelb". Das lässt sich politisch instrumentalisieren. Frames definieren nämlich oft ein Problem - und liefern, wenigstens implizit, auch gleich die passende Lösung. Bei einem Begriff wie "Flüchtlingsstrom" sieht man vor dem geistigen Auge beispielsweise vermutlich große Menschenmassen heranrauschen. Eine Naturgewalt und darin ein Bedrohungsszenario. Was die vermeintliche Lösung nahelegt: Abschottung.

In einer losen Serie analysiert die SZ das Framing politisch oder gesellschaftlich relevanter Begriffe. Heute: Flüchtlingswelle.

Wer den Begriff benutzt :

"Flüchtlingswelle" ist ein Beispiel für ein geframtes Wort, das schnell einen sehr tiefen und nachhaltigen Weg in den täglichen Sprachgebrauch gefunden hat. Bereits in der Asyldebatte 1993 verbreitet, wurde es pätestens ab dem Jahr 2015 eines der Hauptsynonyme für die Migrationsbewegungen, die vor allem infolge des Bürgerkriegs in Syrien aufkamen. "Flüchtlingswelle" ist quasi Alltagssprache. Anders als bei Ausdrücken wie zum Beispiel "Asyltourismus", verwenden viele Menschen ihn damit vermutlich ohne bewusste Hintergedanken (was die Wirkung allerdings nicht schmälert). Der Begriff taucht entsprechend quer durch das Parteienspektrum und auch quer durch quasi alle Medien auf.

Was der Begriff suggeriert:

Beim Wort "Welle" gibt es gleich zwei assoziative Ebenen: Zum einen ist eine Welle etwas, das sich anstaut und auftürmt - und zwar auch noch proportional zur Größe des Hindernisses, das sich ihr in den Weg stellt. Man rechnet bei einer Flüchtlingswelle also mit einer großen bis sehr großen Menschenmasse, die chaotisch, ungeordnet und zudem auch noch wieder und wieder an den Grenzen anbrandet.

Zum anderen ist eine Welle eine Naturgewalt und als solche theoretisch geeignet, ganze Städte wegzuspülen. Man baut Wellenbrecher, Staudämme und Befestigungen, um Zivilisationen vor ihrer zerstörerischen Wucht zu schützen. Problemdefinition und -lösung sind damit klar gesetzt: Fremde Massen ergießen sich in unsere Gesellschaften und drohen, sie mitzureißen. Wer das aufhalten will, suggeriert das Wort, muss alle Einfallstore schließen und sehr, sehr hohe Schutzwälle bauen.

Wie das die Wahrnehmung steuert:

Nach einer aktuellen Studie des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen halten sich in Deutschland aktuell 1,41 Millionen Schutzberechtigte und Asylbewerber auf (abgelehnte Asylbewerber sind darin nicht enthalten). In den vergangenen 14 Jahren haben insgesamt rund zwei Millionen Menschen Asylanträge in Deutschland gestellt. Das ist viel, in absoluten Zahlen sogar der Spitzenplatz in der EU. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen ergibt sich aber doch ein anderes Bild:

Man stelle sich dafür einen Raum vor, in dem 80 Menschen sitzen - in etwa die Menge, die ein kleiner Kinosaal fasst, oder ein vollbepackter doppelstöckiger Reisebus mit wenig Beinfreiheit. Wenn von allen Menschen in diesem Kinosaal nun zwei aufstehen, entspricht das im Verhältnis der Menge, die angeblich ins Land gespült wurde (um die Dunkelziffer zu berücksichtigen, ist das sogar um mehr als ein Drittel aufgerundet). Zwei Menschen können in einer Gruppe von 80 natürlich stören. Sie können laut sein oder aggressiv und damit Unruhe verbreiten - vielleicht auch mal vereinzelt Schmerzen. Wenn sie sich denn tatsächlich unangepasst oder feindselig verhalten. Dass sie eine ganze Zivilisation mit sich reißen, ist allerdings unwahrscheinlich.

Was ein weniger framender Begriff wäre:

Wertfreier wäre das schlichte Wort Migration. Wer anzeigen will, dass Menschen nicht einfach plötzlich da sind, sondern in einer aktiven Bewegung ins Land gekommen, der kann, wenn er eine negative Konnotation vermeiden will, zum Beispiel von Migrations- oder Fluchtbewegungen sprechen.

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