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Fotografien von Walker Evans:Zugleich banal und außergewöhnlich

Walker Evans benötigte nur wenige Jahre, um seine neue Vorstellung einer künstlerischen Fotografie auszuformulieren. Die Merkmale seiner Bildsprache sind innere Distanz, Ökonomie der Mittel und intellektuelle Schärfe. Was ihn faszinierte, waren jene Sujets, die bis dahin für die Fotografie ohne Interesse gewesen waren: die Zeichen und Symbole der kommerziellen Welt, eine gesichtslose, anonyme Architektur und die vernachlässigten Ränder der industriellen Landschaft.

Fotografie Walker Evans Museum of Modern Art

Evans´ Fotografien markieren den Moment, als der amerikanische Alltag erstmals sein kulturelles Potential offenbarte.

(Foto: Westphal)

Unübersehbar auch die Nöte der Wirtschaftskrise. In diesem Werk begegnen wir dem Antlitz der amerikanischen Nation. Es ist die Kultur einer Massengesellschaft, die, obwohl nicht im traditionellen Sinn durch Bildung und Wohlstand geprägt, doch eine eigene Ästhetik und Kreativität offenbart. Das scheinbar Banale wird bei Evans zum Außerordentlichen. "Wir begreifen, dass wir in unserer Anonymität doch wertvoll sind", so hat William Carlos Williams damals seine Erfahrung mit den Bildern von Evans beschrieben.

Der Blick des Fremden auf Amerika

Als Autor wollte sich Evans unsichtbar machen, jeder moralisierende Gestus war ihm, nach Flaubert, ein Gräuel. Dennoch: Was auf den ersten Blick wie eine bloße Dokumentation des Sichtbaren erscheinen kann, bleibt ein besonderer Stil, der sich ganz an die Erscheinung der Dinge bindet und sie gleichzeitig, insbesondere mit dem weich seitlich einfallenden Licht, künstlerisch transzendiert.

Für Evans war die innere Distanz des Autors Bedingung, um den Anschein der Dinge durchsichtig zu machen. Es galt, sie einzuordnen in eine tiefere historische Dimension, die in eine Zukunft reicht, in der das Raunen der Tagespolitik, das sie jetzt noch begleitet, verstummt sein werden. Er selbst hat diese Überzeugung prägnant formuliert: "Evans war und ist interessiert daran, wie jede Gegenwart einmal als Vergangenheit erscheinen wird."

So transformierte der Fotograf das Erbe von Eugène Atget und August Sander, die ihm unmittelbar vorausgegangen waren, im Angesicht Amerikas in eine bis dahin unbekannte Bildsprache. Es stellt gewissermaßen den Kurs der Fotografie neu ein. Kaum ein Fotograf in Europa und den USA - von Robert Frank, William Eggleston und Gary Winogrand bis zu Bernd und Hilla Becher und deren Schülern -, der seitdem nicht von Evans' Blick berührt worden wäre.

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