Süddeutsche Zeitung

Fotografien von Walker Evans:Fotos wie Literatur

Der Fotograf Walker Evans verwandelte die Fotografie in eine genuin amerikanische Kunst. Nun feiert das New Yorker Museum of Modern Art das 75. Jubiläum der ersten musealen Evans-Ausstellung. Seine Bilder markieren den Moment, als der amerikanische Alltag sein kulturelles Potenzial offenbarte.

Von Heinz Liesbrock

Wenn das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) dieser Tage eine Ausstellung mit 60 frühen Fotografien von Walker Evans aus der eigenen Sammlung eröffnet, erinnert es nicht allein an dessen erste museale Ausstellung und den epochalen Bildband "American Photographs", deren 75-jähriges Jubiläum jetzt anstehen.

Das Haus richtet damit den Blick auch auf seine eigene Geschichte. Denn mit der ersten Einzelausstellung eines Fotografen, begann das MoMA, lange vor allen anderen Institutionen, seine systematische Beschäftigung mit der Fotografie, die hier als Bildkunst eigenen Rechts verstanden wurde. Zugleich entdeckte das noch junge Museum, dem es in seinem Programm bis dahin vor allem um die europäische Moderne gegangen war, in Evans' Fotografien eine genuin amerikanische Kunst in ihren unverwechselbaren Ausdrucksmöglichkeiten.

Fotografie nach dem Vorbild der Literatur

Wie lässt sich die künstlerische Leistung dieses wirkmächtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts beschreiben? Tatsächlich muss man von Europa ausgehen, sein Werk ist unauflöslich mit der modernen, vor allem der französischen Literatur verbunden. Evans kam 1923 zum Literatur-Studium an an die Pariser Sorbonne, sein Ziel war eine Karriere als Schriftsteller. Erst später wandte er sich der Fotografie zu, machte so die ästhetischen Lehren Flauberts und Baudelaires für sich fruchtbar.

Nach seiner Rückkehr in die USA begriff er, dass das Material, nach dem er suchte, auf den Straßen und in den kleinbürgerlichen Wohnungen offen zutage lag. Das Vorbild der französischen Literatur half ihm, die prosaische Lebenswirklichkeit der USA in ihren ästhetischen Möglichkeiten zu begreifen. Denn er blickte nun mit den Augen eines Fremden auf Amerika. Dabei war sein Zugriff von einer Direktheit, die sich jede offensichtliche Ästhetisierung verbat, etwa durch eine Annäherung an die Sprache der Malerei, wie sie in der Fotografie um 1900 vielfach gepflegt worden war.

Zugleich banal und außergewöhnlich

Walker Evans benötigte nur wenige Jahre, um seine neue Vorstellung einer künstlerischen Fotografie auszuformulieren. Die Merkmale seiner Bildsprache sind innere Distanz, Ökonomie der Mittel und intellektuelle Schärfe. Was ihn faszinierte, waren jene Sujets, die bis dahin für die Fotografie ohne Interesse gewesen waren: die Zeichen und Symbole der kommerziellen Welt, eine gesichtslose, anonyme Architektur und die vernachlässigten Ränder der industriellen Landschaft.

Unübersehbar auch die Nöte der Wirtschaftskrise. In diesem Werk begegnen wir dem Antlitz der amerikanischen Nation. Es ist die Kultur einer Massengesellschaft, die, obwohl nicht im traditionellen Sinn durch Bildung und Wohlstand geprägt, doch eine eigene Ästhetik und Kreativität offenbart. Das scheinbar Banale wird bei Evans zum Außerordentlichen. "Wir begreifen, dass wir in unserer Anonymität doch wertvoll sind", so hat William Carlos Williams damals seine Erfahrung mit den Bildern von Evans beschrieben.

Der Blick des Fremden auf Amerika

Als Autor wollte sich Evans unsichtbar machen, jeder moralisierende Gestus war ihm, nach Flaubert, ein Gräuel. Dennoch: Was auf den ersten Blick wie eine bloße Dokumentation des Sichtbaren erscheinen kann, bleibt ein besonderer Stil, der sich ganz an die Erscheinung der Dinge bindet und sie gleichzeitig, insbesondere mit dem weich seitlich einfallenden Licht, künstlerisch transzendiert.

Für Evans war die innere Distanz des Autors Bedingung, um den Anschein der Dinge durchsichtig zu machen. Es galt, sie einzuordnen in eine tiefere historische Dimension, die in eine Zukunft reicht, in der das Raunen der Tagespolitik, das sie jetzt noch begleitet, verstummt sein werden. Er selbst hat diese Überzeugung prägnant formuliert: "Evans war und ist interessiert daran, wie jede Gegenwart einmal als Vergangenheit erscheinen wird."

So transformierte der Fotograf das Erbe von Eugène Atget und August Sander, die ihm unmittelbar vorausgegangen waren, im Angesicht Amerikas in eine bis dahin unbekannte Bildsprache. Es stellt gewissermaßen den Kurs der Fotografie neu ein. Kaum ein Fotograf in Europa und den USA - von Robert Frank, William Eggleston und Gary Winogrand bis zu Bernd und Hilla Becher und deren Schülern -, der seitdem nicht von Evans' Blick berührt worden wäre.

Das Potenzial des Alltags

Das im Jahr 1938 zur Ausstellung "American Photographs" erschienene Buch, das nun erstmals in einer deutschen Ausgabe des Verlags Schirmer/Mosel vorliegt, wurde gleichfalls zum Vorbild eines Genres: man darf es das opus magnum unter den vielen Fotografiebüchern nennen, die seitdem erschienen sind. Es ist kein Katalog, denn Evans hatte früh erkannt, wie weit das fotografische Buch über die Vermittlungsmöglichkeiten einer Ausstellung hinaus reicht. Über Konzeption und Produktion dieses Buchs hatte er sich deswegen die vollständige Kontrolle gesichert.

Der Mensch im Spiegel seiner Dinge

Das nur leicht ins Hochformat gestreckte Quadrat bietet sowohl den quer-, als auch den hochformatigen Bildern Raum. Jeder der 87 Fotografien steht einer Vakatseite gegenüber, auf der lediglich die Paginierung vermerkt ist. Alle Titel, die auch nur spärlichstes Notat des Was und Wo sind, finden sich am Ende der Sequenz. Das fotografische Bild in seiner formalen Struktur ist für Evans das eigentliche Dokument, und nichts soll von dessen genauer Lektüre ablenken, was auch durch die strenge, rein typografische Gestaltung des Schutzumschlags unterstrichen wird: Die künstlerischen Bilder sollten nicht einfach die Neugier des Publikums wecken, sondern ihre Wirkung erst im Innern des Buchs entfalten.

Evans gliedert die Fotografien in zwei Kapitel. Im ersten Teil geht es um Porträts von Menschen, die anonym bleiben, um Denkmäler und Werbezeichen. Vor allem Interieurs deuten den Menschen im Spiegel seiner Dinge. Der zweite Teil konzentriert sich auf Architekturen und deren Details, sowie auf städtebauliche Ensembles, in denen die Nähe von Lebens- und Arbeitssphäre deutlich wird. Über all dem liegt eine unübersehbare Einförmigkeit. Evans war überzeugt, dass unsere Häuser, Automobile und Kleider direkter Ausdruck unserer Lebensentwürfe sind.

Die Abfolge der Bilder ist genau komponiert. Dabei wird die einzelne Fotografie perspektiviert, erst im Zusammenhang mit den anderen erreicht sie ihre volle Bedeutung. Im Vor- und Zurückblättern begreift man den Sinn einer solchen Sequenzierung, wie sie nur im Buch möglich ist: denn der Bedeutungshorizont jeder der Fotografien wird durch die anderen mit gesteuert. Es geht dabei nicht um eine stringente Erzählung, sondern um freie Verbindungen, eine vielschichtige, assoziationsgesättigte Lektüre.

Evans war ein Künstler mit einem Auge für visuelle Strukturen und einem pointierten Intellekt. Seine Fotografien geben in ihrer Komplexität Zeugnis von dieser doppelten Begabung. Dabei gibt eine Maxime, die er spät im Leben formulierte, seiner Ästhetik ihre besondere Wendung: "Mich interessiert eigentlich alles - und letztlich auch nichts." Nur der innere Abstand des Künstlers vermag den Phänomenen der Welt eine dauernde Form zu geben. "American Photographs" markiert den Moment, als der amerikanische Alltag erstmals sein kulturelles Potenzial offenbarte.

Der Autor Heinz Liesbrock ist Direktor des Josef Albers Museums in Bottrop, er bereitet für den Herbst 2014 eine Ausstellung zum Werk von Walker Evans vor. American Photographs. Im Museum of Modern Art bis zum 26. Januar 2014. Das Buch "Walker Evans, American Photographs", mit einem Text von Lincoln Kirstein, Nachwort von Sarah Meister, ist bei Schirmer/Mosel erschienen und kostet 39,80 Euro.

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Quelle:
SZ vom 23.07.2013/jspe/pak
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